Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Schutzraum gesucht
Frauenhäuser kämpfen mit Platznot

Eine junge Frau in dem Zimmer eines Frauenhauses
Eine junge Frau in dem Zimmer eines Frauenhauses © Foto: dpa
Anna Kristina Bückmann / 24.11.2017, 15:41 Uhr - Aktualisiert 25.11.2017, 19:30
Berlin (dpa) Seit Jahren herrscht in Berlins Frauenhäusern Platzmangel, aber jetzt hat die Auslastung einen neuen Höchststand erreicht. Zu schaffen macht den Einrichtungen vor allem der angespannte Wohnungsmarkt.

Beschützerin, Psychologin, Sozialarbeiterin - die Mitarbeiterinnen in Berlins Frauenhäusern müssen viel leisten. Immer mehr Frauen kommen mit "multiplen Problemlagen" in die Häuser, berichtet Heike Ritterbusch vom Frauenhaus Cocon. Neben Gewalterfahrung begegnet die Sozialarbeiterin immer öfter Sucht und Überschuldung. Hinzu kommt, dass auch mehr geflüchtete Frauen Schutz vor häuslicher Gewalt in den Einrichtungen suchen. "Die Frauen sind von Krieg und Flucht stark traumatisiert", sagt Ritterbusch. Häufig sei eine intensive Einzelfallbetreuung nötig.

Im vergangenen Jahr nahmen die sechs Frauenhäuser in Berlin 976 Hilfesuchende auf, 53 mehr als noch im Jahr 2015. Vor allem deutlich mehr Kinder fanden hier eine Bleibe. Betrachtet man die Zahlen über mehrere Jahre hinweg, zeigt sich sogar ein Rückgang: 2006 zählten die Berliner Einrichtungen noch weit über tausend Bewohnerinnen.

Das liegt jedoch nicht daran, dass weniger Frauen Schutz suchen. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Gleichstellung waren im vergangenen Jahr 97,2 Prozent der Frauenhausplätze belegt, womit die Auslastung so hoch wie nie zuvor seit der Erfassung der Daten vor zehn Jahren war. "Wir sind eine Notunterkunft", unterstreicht Ritterbusch. "Wir brauchen freie Plätze für Frauen, die bei uns einen Schutzraum suchen."

Die angespannte Lage rührt vor allem aus der Wohnungsknappheit in der Bundeshauptstadt - so bleiben die Frauen länger in den Einrichtungen. Eigentlich sollte die Aufenthaltsdauer in den Häusern drei Monate nicht übersteigen, aber seit 2010 ist laut Gleichstellungsverwaltung der Anteil der Frauen, die deutlich länger bleiben, kontinuierlich gestiegen.

Vor allem geflüchtete Frauen und Migrantinnen haben es durch unsicheren Aufenthaltsstatus und fehlende Sprachkenntnisse schwer, eine Wohnung zu finden. Der Senat plant daher, das Angebot sogenannter Zweite-Stufe-Wohnungen weiter auszubauen. Dort können Frauen mit ihren Kindern zwischen Frauenhaus und eigener Unterkunft leben, und erhalten weiter Hilfe von Sozialarbeiterinnen. Bisher gibt es 25 solcher Wohnungen in Berlin. Eine weitere Entlastung für die Frauenhäuser sind Trägerwohnungen; hier können Betroffene in 41 Wohnungen mit insgesamt 119 Plätzen unterkommen.

Die Angebote wurden in den vergangenen Jahren nach Darstellung des Senats deutlich ausgebaut. So erhöhte sich der Haushaltsansatz für die Anti-Gewalt-Arbeit um mehr als ein Viertel; 2018/2019 sind für die Frauenhäuser pauschal über 8,5 Millionen Euro vorgesehen. Damit soll auch ein siebtes Frauenhaus mit 30 Plätzen finanziert werden, 5 davon für Frauen mit Handycap. Mit potenziellen Trägern sei man gerade im Gespräch.

Bei der Finanzierung der Schutzunterkünfte steht Berlin deutschlandweit nicht schlecht da: Nach der jüngsten Erhebung der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) sieht der Stadtstaat 0,98 Euro pro Einwohner vor - mehr sind es nur noch in Schleswig-Holstein und Hamburg. Mit seiner Kapazität von 326 Frauenhausplätzen landet Berlin im mittleren Bereich. Derzeit kommt ein solcher Platz auf 11 320 Einwohner. Einer aktuellen Befragung von Frauenhäusern zufolge fehlen in Deutschland mehr als 4000 Plätze.

Die Istanbul-Konvention, die Deutschland im Oktober unterzeichnet hat, setzt einen Mindeststandard von einem Frauenhausplatz pro 10 000 Einwohner voraus. Insofern fehlen der Hauptstadt mehr als 100 Plätze, um die Mindestanforderungen zu erfüllen. Nach einer Empfehlung des Europarates aus dem Jahr 2006 sollte es sogar ein Platz auf 7500 Einwohner sein.

Zwar seien in Berlin die weiteren Zufluchtsangebote vergleichsweise gut ausgebaut, sagt ZIF-Sprecherin Eva Risse. Doch suchten Betroffene nun einmal bevorzugt Schutz in der Großstadt. "In den anonymeren Frauenhäusern der Ballungszentren ist die Chance, vom gewalttätigen Ehemann oder Partner gefunden zu werden, geringer."

Wie dringend Plätze gebraucht werden, zeigen etwa Anrufe bei den Notruf-Hotlines der Hauptstadt. Die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG), an die sich die meisten Hilfesuchenden wenden, meldete für das vergangene Jahr mehr als 9000 Anrufe. 544 Frauen konnte zumindest nicht mehr am selben Tag ein Platz im Frauenhaus vermittelt werden, "obwohl sie diesen dringend gebraucht hätten", erzählt BIG-Koordinatiorin Sarah Trentzsch.

Eine Abweisung kann für Betroffene lebensbedrohlich werden. Die Zeit nach der Trennung vom gewalttätigen Partner gilt als die gefährlichste. "Die Frauen werden angegriffen, getötet und entführt", sagt Ritterbusch. Das Frauenhaus Cocon musste im vergangenen Jahr 126 Frauen abweisen.

Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Bundeskriminalamtes in Deutschland 441 Menschen von ihrem Ehemann oder (Ex-)Partner getötet oder ermordet, 357 davon Frauen. Seit 2012 ist die Opferzahl kontinuierlich gestiegen. In Berlin standen nach der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik 8 Getötete oder Ermordete zum Tatverdächtigen in einem ehelichen, partnerschaftlichen oder Angehörigenverhältnis; 13 weitere konnten einem Tötungsversuch entkommen.

Berlins Gleichstellungssenatorin Dilek Kolat (SPD) ruft dazu auf, sexuelle Gewalt gegen Frauen anzuzeigen. Seit einem Jahr weist die Verwaltung mit der "Nein heißt Nein"-Kampagne Frauen auf ihre Rechte hin. Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25.11.) werden dazu Video-Clips in Berliner U-Bahnen und den Warteräumen der Bürgerämter laufen. Außerdem liegen Postkarten in Bars und Restaurants aus.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG