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Das Kleist-Museum startet eine Sammelaktion. Dabei können Teile eines Liebesbriefes des Dichters erworben werden.

Original-Brief
Kleists Küsse zu verkaufen

Frauke Adesiyan / 06.12.2017, 07:30 Uhr - Aktualisiert 06.12.2017, 11:59
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ein Stück Kleist zurück nach Frankfurt zu bringen, das ist Sinn der Kampagne, die am Dienstag im Kleist-Museum gestartet wurde. Damit das Haus einen Brief des Dichters von 1803 erwerben kann, bittet es um Mithilfe der Frankfurter, die Pate für Wörter werden können.

Das teuerste Wort ging als erstes weg. "Heinrich, was sonst", kommentierte Oberbürgermeister Martin Wilke seine 300 Euro teure Patenschaft für die Unterschrift, die Heinrich von Kleist am 14. März 1803 unter die Zeilen an seine Schwester Ulrike setzte. Somit ist das letzte Wort des siebenzeiligen Briefabschnitts schon vergeben, auch für einige weitere fanden sich am Montagnachmittag Paten.

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Wortpaten für Kleist gesucht

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"Es gibt nur weniges von Kleist, dessen wir habhaft werden können und wenig so lebhaft und vergnügt", betonte Museumsdirektorin Hannah-Lotte Lund die Besonderheit der Handschrift, die sie nur zu gern im Kleist-Museum ausstellen möchte. Ein österreichisches Auktionshaus hat den Brief bis zum Ende des Jahres für die Frankfurter Einrichtung reserviert. Mittlerweile haben das Land Brandenburg und die Kulturstiftung der Länder zugesagt, jeweils ein Drittel der Kaufsumme zu übernehmen. Voraussetzung: Das Museum muss den Rest selbst aufbringen. Um das trotz fehlenden Ankaufetats zu ermöglichen, werden die Frankfurter um Spenden gebeten. Als Gegenleistung erhalten sie eine Urkunde samt Faksimile über "ihr" Zeichen (ab 35 Euro) oder Wort (ab 50 Euro).

Wenn es gelingt und das Original vom Museum erworben werden kann, wird es voraussichtlich ab April kommenden Jahres in einer Ausstellung zu sehen sein. Dann soll auch die Geschichte des Briefes erforscht werden, von dem ja nur ein kleiner Teil auf dem nun gehandelten Stück Papier steht. Ursprünglich gehörte es zu drei Seiten, Ulrike von Kleist schnitt den Schlussteil einst ab und verschenkte ihn. Seit 1904 galt er als verschollen, erst um 2010 tauchte er bei einer österreichischen Erbin wieder auf. Dass er nun verkauft wird, entdeckte Stadtarchivar Ralf-Rüdiger Targiel und wies das Museum darauf hin.

"Das ist eine Rarität und um Raritäten muss man kämpfen", sagte Wilke und bekräftigte, dass Heinrich von Kleists Spuren nach Frankfurt gehören. Diese Meinung teilt er mit Museumsdirektorin Hannah-Lotte Lund: Der Brief würde für das Museum ein weiterer Schatz sein. "Es freut uns besonders, ihn der Öffentlichkeit und der Forschung zurückbringen zu können."

Dementsprechend sicherte sie sich auch gleich die Patenschaft über das Wort "Freude". Museumspädagogin Christina Dalchau, deren Idee die ganze Kampagne ist, entschied sich für "Leipzig", weil in dieser Stadt, in der Kleist damals den Brief verfasste, vor zwei Wochen ihr Enkelsohn Karl geboren wurde. Und so verbinden einige, die am ersten Tag für den Brief spendeten, etwas ganz persönliches mit den Worten des Briefabschnitts.

Die übrigen Seiten des Manuskriptes lagern übrigens so wie viele weitere der originalen 172 Kleist-Briefe in der Krakauer Jagellionen-Bibliothek. Die Preußische Staatsbibliothek hatte ihre Schätze während des Zweiten Weltkrieges auf heute polnischem Gebiet in Sicherheit gebracht. Erst nach 1980 entdeckte man nach und nach, welche Originale sich dort befinden.

Das Kleist-Museum besitzt derzeit sieben handschriftliche Originale von Kleist. Zuletzt hatte man an einer Versteigerung wegen fehlender Mittel nicht teilnehmen können. So wurden zwei Handschriften an Unbekannte verkauft. "Das soll nicht noch einmal passieren", betonte Museumssprecherin Anette Handke. Sie spendete kurzerhand für eines der drei "Adieu", mit denen Kleist den Brief beendete.

Den Fortschritt der Aktion können Besucher des Museum im Foyer beobachten. Dort darf jeder Spender nach dem Bezahlen sein Wort oder Zeichen farbig abkleben. Schon am Montag sah der Brief ziemlich bunt aus.

Der Wortlaut

"Und nun küsse in meinen Namen jeden Finger meiner ewig verehrungswürdigen Tante! Und, wie sie, den Orgelpfeifen gleich, stehen, küsse sie Alle von der obersten bis zur letzten, der kleinen Maus aus dem Apfelkern geschnitzt! Ein einziges Wort von euch, und ehe ihrs euch verseht wälze ich mich vor Freude in der Mittelstube. Adieu! Adieu! Adieu! O du meine Allertheuerste! Leipzig, d. 14t März, 1803 Heinrich.

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