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Die Awo warnt: Fachkräftemangel lässt Arbeitsmoral in Heimen sinken und sorgt für eine "explosive Stimmung"

Pflege
Sozialverband prangert Missstände an

© Foto: dpa/Marijan Murat
Mathias Hausding / 21.12.2017, 07:15 Uhr - Aktualisiert 21.12.2017, 12:01
Potsdam (MOZ) Vier Tage vor Weihnachten, da kann es schon mal sein, dass ein Sozialverband Journalisten einlädt, um in gemütlicher Runde über ein paar herzerwärmende Themen zu berichten. Aber dem Awo-Landesverband war am Mittwoch nicht nach besinnlichem Jahresausklang zu Mute. Stattdessen haben Experten aus dem Pflegebereich in bislang nicht gekannter Offenheit von Problemen der Branche erzählt, die vor allem Heimbewohner und deren Familien auszubaden hätten.

Alles dreht sich um den jetzt schon massiven Fachkräftemangel in der Pflege und die noch viel düsteren Aussichten. "Wir reden hier über Menschenwürde, über ganz existenzielle Dinge", gab Kati Karney zu bedenken, Vize-Chefin des Awo-Bezirksverbands Brandenburg Ost. "Es herrscht Notstand. Wir brauchen sechs Monate, bis wir im stationären Bereich eine frei gewordene Stelle wieder besetzt haben." Gleichzeitig habe die Fluktuation extrem zugenommen. Während vor fünf Jahren unter den rund 430 Pflegekräften der Awo in Ostbrandenburg pro Jahr etwa 100 Leute kamen und gingen, verzeichne man derzeit pro Jahr 300 Wechsel.

Dessen nicht genug, längst habe sich die Leiharbeit im Pflegebereich verbreitet. Kati Karney schätzt den Anteil der Leasingkräfte in den Heimen in Märkisch-Oderland auf 30 Prozent. Diese Mitarbeiter seien heute hier und morgen dort, eine emotionale Bindung zu den Heimbewohnern entstehe so kaum.

Ursache für die Entwicklungen sei, dass der Stress im Job hoch und die Arbeitszeiten anspruchsvoll seien, bei bislang meist schlechter Bezahlung. Das führe zum Personalmangel und mache die Leiharbeit leider attraktiv. "Weil sie dringend gebraucht werden, können sich diese Kollegen die ihnen angenehmen Schichten aussuchen, was zu Unzufriedenheit bei der Stammbelegschaft führt", schildert Kati Karney. "Da herrscht eine explosive Stimmung."

Dass die Nachfrage nach Personal weit über dem Angebot liege, sorge außerdem teilweise für eine "völlig verkommene Arbeitsmoral". Es sei kaum möglich, Qualitätsmaßstäbe bei der Auswahl der Bewerber anzulegen. Michael Pieper, Chef des Awo-Kreisverbands Fürstenwalde, berichtet von Mitarbeitern, die aus dem Urlaub anrufen würden, um sich über ihren Anspruch hinaus einfach so für weitere drei Wochen abzumelden. Diese Leute würden eben wissen, dass sie dringend gebraucht und im Falle einer Kündigung mit Kusshand woanders genommen werden. Auch Ablösesummen für Pflegekräfte würden bezahlt. An Pflegeschulen seien Headhunter unterwegs, die Nachwuchskräfte an Krankenhäuser locken wollen, weil auch die Kliniken für ihre Geriatrie-Abteilungen Leute suchen. Manche Heimbetreiber würden zudem ein Fahrservice bieten. "Die Leute werden zur Arbeit gebracht. Sie brauchen kein Auto", sagt Pieper.

Die Awo-Experten fragen sich, wo diese Entwicklung noch hinführen soll und warum die Politik auf Landes- und Bundesebene diese massiven Probleme nicht erkenne und sich um Lösungen bemühe. Im Wahlkampf werde viel davon geredet, dass die Menschen in Würde altern sollen, kritisiert Awo-Landeschefin Anne Baaske. Die Wirklichkeit sei leider oft eine andere. "Die Heimbewohner werden nun langsam laut und beschweren sich. Wir sehen uns als ihre Anwälte", betont sie.

Ausweg könne nur sein, die Pflege besser zu finanzieren, Arbeitskräfte ordentlich zu bezahlen und so mehr Nachwuchs zu gewinnen. Deshalb sei die Awo froh über ihren jüngsten Tarifabschluss mit Ver.di, sagt Anne Baaske.

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