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Verabschiedet
Mister Umwelt nimmt seinen Hut

Über Jahre hinweg der freundlichste und charmanteste Vertreter der Landesverwaltung: Nun geht Matthias Freude in den Ruhestand.
Über Jahre hinweg der freundlichste und charmanteste Vertreter der Landesverwaltung: Nun geht Matthias Freude in den Ruhestand. © Foto: ZB/Arno Burgi
Ulrich Thiessen / 06.02.2018, 07:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Matthias Freude war über zweieinhalb Jahrzehnte der bekannteste Umweltschützer Brandenburgs. Vom kleinsten Insekt bis zum Adler erklärte er die Tierwelt und immer wieder stand er bei Hochwasser auf dem Deich. Still und leise verabschiedet er sich jetzt in den Ruhestand.

Der Schreibtisch in Frankfurt (Oder) im Landesamt für ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung ist schon geräumt. Matthias Freude hat sich schon von seinen Mitarbeitern verabschiedet. Offiziell läuft die Arbeitszeit noch bis Ende April. Aber mit den aufgestauten Urlaubstagen befindet sich der gebürtige Sachse schon in einer Art Pension auf Probe. Eine offizielle Verabschiedung wird es laut einem Sprecher des Umwelt- und Landwirtschaftsministerium nicht geben. Und so entschwindet jemand still und leise, der seit der Wende dem Land an verschiedenen Stellen seinen Stempel aufgedrückt hat.

Das begann schon in der Wendezeit, als er zusammen mit Michael Succow das Nationalpark-Programm als letztes Gesetz der DDR-Volkskammer auf den Weg brachte. Später wurden die darin vorläufig gesicherten Großschutzgebiete oft als das grüne Tafelsilber der Wiedervereinigung bezeichnet.

Mitte der 90er wurde Freude zum Chef des Landesumweltamtes, der mit über 1000 Mitarbeitern größten nachgeordneten Einrichtung der Landesregierung. Nach jeder neuen Landtagswahl und der entsprechenden Kabinettsumbildung wurde die Behörde umgebaut. Mal kam das Gesundheitsamt dazu, dann wurde es wieder ausgegliedert. Die Landesanstalt für Großschutzgebiete wurde dem Umweltamt einverleibt und später die Nationalparkverwaltung wieder herausgerissen.

Als der Spardruck nach dem Jahr 2000 zunahm, wurde das Landesumweltamt immer nur als Mammutbehörde dargestellt, bei der Personal abgebaut werden müsse. Vor allem für die CDU, die damals mit der SPD regierte, war das Landesumweltamt in erster Linie ein Beispiel für bürokratische Hemmnisse. Und das, obwohl in Brandenburg die Umweltgenehmigungen für Wirtschaftsansiedlungen wesentlich schneller erteilt wurden als in den Nachbarländern. Jedenfalls so lange, bis das technische Personal fehlte.

Welchen Ärger der Spardruck intern verursachte, wurde nicht sichtbar. Freude war über Jahre hinweg der freundlichste und charmanteste Vertreter der Landesverwaltung. Etwas kapriziös vielleicht, etwas eitel, zugegeben. Aber niemand konnte mit solcher Begeisterung ökologische Zusammenhänge erklären. Man hätte ihn auf eine weite Betonfläche stellen können und er hätte irgendein Lebewesen entdeckt, mit dem er seine Zuhörer in Erstauen und Entzücken versetzt.

Die großen Auftritte aber hatte Matthias Freude, wenn es am brenzligsten wurde, wenn   Elbe, Oder und Schwarze Elster bei Hochwasser Welle machten. Das Fachwissen zum Thema Deichschutz hatte sich Freude selbst angelesen, wie er sagt, dicke Wälzer studiert, um mit seinen Fachleuten mitreden zu können. Aber er konnte es auch verständlich erklären.

So wurde er bei jedem Hochwasser von den Kamerateams gesucht und stand damit in Konkurrenz zu Umweltministern, Innenministern und Ministerpräsidenten, die in solchen Situationen gern die Deichkronen als Kulisse nutzten, um ihre Botschaften zu übermitteln. Im Sommerloch war Freude zu erleben, wie er neu eingewanderte Tierarten entdeckte oder als einer der ersten darüber redete, wie Windräder Fledermäuse und Greifvögel schreddern. Letztes brachte ihm nicht nur Beifall ein.

Zu viel Medienpräsenz, zu viel Fachwissen, das er auch gegenüber Vorgesetzten nicht verbergen konnte oder wollte – und vor allem ein Behördenchef, der seine eigenen Drähte ins Parlament pflegte und dort um Stellen kämpfte. Brandenburgs erster Umweltminister Matthias Platzeck spricht von Freude als einem streitbaren Geist mit „einer sehr ausgeprägten eigenen Meinung“.

2014 setzte Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD), als er auch die Zuständigkeit für den Umweltschutz erhielt, dem ein Ende. In einer Nacht- und Nebelaktion musste der Ökologieexperte mit dem Präsidenten des Landesamtes für Landwirtschaft die Sessel tauschen. Die Naturschutzverbände sprachen von einem gezielten Schlag gegen den Umweltschutz und klagen seitdem, dass ihre Themen immer weiter zurückgedrängt werden.

Freude äußert sich nicht zum damaligen Wechsel und schon gar nicht zu seinem Dienstherren. Bis Ende April ist er noch Beamter und bis dahin entsprechend loyal, erklärte er. Allerdings fügt er hinzu, dass er im Landwirtschaftsamt auf tolle, engagierte Kollegen gestoßen ist und mit dem Agrarbereich ohnehin die beste Umweltpolitik machen kann.

Ab Mai, wenn die Arbeit auch offiziell hinter ihm liegt, will Freude weiter Vorlesungen an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde halten, vielleicht wieder einen Naturfilm drehen, auf jeden Fall aber nach Armenien reisen. Dort lassen sich  Projekte zu Naturschutz und Ökolandbau realisieren, die vielleicht ganze Landschaften bewahren.

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