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Anja Mayer
Sanitäterin für die Linke

Angekommen in Brandenburg: Die gebürtige Fränkin Anja Mayer will sich um die Führung der Linke bewerben.
Angekommen in Brandenburg: Die gebürtige Fränkin Anja Mayer will sich um die Führung der Linke bewerben. © Foto: René Matschkowiak
Ulrich Thiessen / 12.02.2018, 19:19 Uhr
Potsdam (MOZ) Bei den brandenburgischen Linken steht ein Generationswechsel an. Parteichef Christian Görke gibt im März seinen Posten ab. Künftig sollen zwei Frauen den Vorsitz übernehmen. Eine bekannte – Sozialministerin Diana Golze – und Anja Mayer, die erst vor gut zwei Jahren nach Brandenburg kam.

Mitgliederversammlung der Linken in Frankfurt (Oder) am vergangenen Wochenende. Der Raum füllt sich mit rund 50 Mitgliedern, die meisten davon im Rentenalter. Anja Mayer betritt fast unbemerkt den Saal. Sie begrüßt die Genossen am nächst gelegenen Tisch, nimmt sich Zeit, hält die eine oder andere Hand etwas länger, hört zu. Ihr offizielles Grußwort ist kurz. Sie versucht nicht die Welt zu erklären, erheischt nie Applaus – und das Wort „ich“ kommt in ihrer Rede überhaupt nicht vor.

Obwohl die 38-Jährige sich in rund einem Monat um die Führung der Partei bewerben wird, muss sie keine Werbung in eigener Sache machen. Sie gehört einfach dazu. Das ist für Außenstehende um so erstaunlicher, weil Mayer ein „Westimport“ ist, noch dazu einer, der erst Ende 2015 in die Mark kam.

Geboren ist sie im fränkischen Städtchen Feuchtwangen, aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie im berühmten Rothenburg ob der Tauber. Sie begann nach der Schule als Arzthelferin bei einem Landarzt, qualifizierte sich weiter und wechselte zu einer Herzkreislaufklinik. Dort fuhr sie Rettungseinsätze und machte schließlich ihr Abitur nach. Sie wollte Medizin studieren – Kindernotmedizin am besten. Sie zog nach München, arbeitete in einer Arztpraxis und „wurde politisch“.

Anja Mayer formuliert es mit einem leichten Lächeln genau so. 2005 ging es um die Hartz-IV-Gesetze. Die Arzthelferin landete bei der WASG,  die sich später mit der ostdeutschen PDS zur Linken vereinigte. Anja Mayer begann Wahlkämpfe zu organisieren. Als Nebeneffekt entschied sie sich um: Statt um die Gesundheit Einzelner sollte es jetzt um die Gesundheit der Gesellschaft gehen. Also studierte sie Soziologie, Sozialpsychologie und Philosophie. Einen Schein vor der Diplomarbeit ließ sie das Studium sausen. Da war Anja Mayer schon in Berlin, arbeitete im Bundesvorstand der Linken, später bei einer Bundestagsabgeordneten, heiratete und wurde Mutter.

Ende 2015 kam sie nach Potsdam und sollte dort in der Landesgeschäftsstelle arbeiten, Organisatorisches und Öffentlichkeitsarbeit. Im Frühjahr 2016 begehrte die Basis auf einem Landesparteitag auf, Landeschef Christian Görke wurde mit einem schlechten Ergebnis wiedergewählt und die Landesgeschäftsführerin Andrea Johlige fiel bei der Wahl durch. Über Nacht wurde Anja Mayer erst kommissarische, später  gewählte Landesgeschäftsführerin. Nun soll sie zusammen mit Sozialministerin Diana Golze gemeinsam den Landesverband führen.

Obwohl jemand wie Anja Mayer, die es in kürzester Zeit schaffte in den Geschäftsführenden Bundesvorstand der Linken gewählt zu werden, politischer Ehrgeiz nicht abzusprechen ist, stellt sie zu den letzten Landeschefs der Linken –  Thomas Nord, Stefan Ludwig und Christian Görke – das Kontrastprogramm dar: etwas für die Seele der Partei, etwas mit Herz. Selbst von der oft distanziert wirkenden Sozialministerin Golze unterscheidet sie sich damit deutlich.

An der Basis in Frankfurt besteht kein Zweifel, dass die junge Frau mit den fränkischen Wurzeln als dazugehörig angesehen wird. Kritik gibt es trotzdem. Warum, so fragt ein Mitglied, muss auch noch eine in die Kabinettsdisziplin eingebundene Ministerin gewählt werden? Die Arbeit wird ja ohnehin an Anja Mayer hängen bleiben.

So etwas kommentiert die designierte Landesvorsitzende natürlich nicht. Sie will weiter durch die Ortsverbände reisen und sie auf die kommenden Wahlkämpfe vorbereiten. Vielleicht sind es die Erfahrungen als ehemalige Arzthelferin, die es ihr wie in Frankfurt leicht machen, ohne viele Wort Vertrauen aufzubauen. Nach ihren Erfahrungen mit den Brandenburgern befragt, sagte sie in reinstem Hochdeutsch: „Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass es der richtige Ort für mich ist.“

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