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Ausstellung über Gefangenen-Priester Franz Stock

Ausstellung
Seelsorger hinter Stacheldraht

Pionier der Aussöhnung: Franz Stock betreute Résistance-Gefangene.
Pionier der Aussöhnung: Franz Stock betreute Résistance-Gefangene. © Foto: Franz-Stock-Komitee
Maria Neuendorff / 31.03.2018, 08:00 Uhr
Berlin (MOZ) Wenn ein französischer Gefangener hingerichtet wurde, stand Franz Stock immer an der gleichen Stelle. In einem Gebüsch auf einer Anhöhe, auf der er die zum Tode verurteilten Widerstandskämpfer ihn gut sehen konnten. Der deutsche Priester wollte sie bis zum Schluss nicht alleine lassen.

Von dem Seelsorger, der sich in den Gefängnissen der Deutschen Wehrmacht in Paris während des Zweiten Weltkrieges um Mitglieder der Résistance kümmerte, erzählt ab Sonntag eine Ausstellung in der Kapelle der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Darin erfährt man, dass der 1904 geborene westfälische Katholik den Inhaftierten nicht nur beistand, sondern auch Nachrichten an ihre Familien überbrachte und sich für die Aufhebung von Todesurteilen einsetzte. „Er gilt als früher Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung“, erklärt Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche. Berlins berühmtestes Gotteshaus mit der mahnenden kriegszerstörten Turmruine sei selbst ein symbolischer Ort für die deutsch-französischen Beziehungen, so Martin Germer. So seien beispielsweise die 21 334 charakteristischen blauen Glaselemente der Kirche vom Künstler Gabriel Loire in Chartres gefertigt worden. Nur wenige Kilometer entfernt von Franz Stocks „Stacheldrahtseminar“.

Denn nach der  Befreiung Frankreichs im Sommer 1944 blieb Stock in Paris, um sich um verwundete deutsche Soldaten zu kümmern. Durch das Vertrauen, das er sich zuvor so in Résistance-Kreisen erworben hatte, wurde er 1945 mit dem Aufbau eines „Priesterseminars hinter Stacheldraht“ im Kriegsgefangenenlager bei Chartres beauftragt.

Schon früh interessierte sich Franz Stock für deutsch-französische Begegnungen. Ein internationales Friedens-Treffen 1926 mit rund 6000 jungen Leuten aus 33 Ländern beeindruckte ihn so, dass er beschloss, sein Theologiestudium in Paris fortzusetzen. 1934 wurde Stock Seelsorger für die deutschen Katholiken in Paris. Zuerst betreute er vom NS-Regime verfolgte Deutsche, die im damals noch nicht besetzten Frankreich Zuflucht suchten.

Stock starb 1948 im Alter von 43 Jahren an einer Herzschwäche. Seinen 70-jährigen Todestag nimmt die  Berliner Gemeinde zum Anlass, auf seinen Einsatz für Menschenwürde und Dialog zu blicken. „Wir denken, dass die Erinnerung an solch einen Pionier der Versöhnung gerade in der heutigen Situation Europas sehr wichtig sein kann“, sagt Germer.

Er freut sich, dass die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes die Schirmherrschaft für die kleine Schau mit Texttafeln sowie Fotos übernommen hat. Sie, aber auch der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Europa-Kennerin Gesine Schwan werden im Rahmen der vierwöchigen Ausstellung Vorträge halten. Dabei soll es auch darum gehen, was man vom damaligen deutsch-französischen Annäherungs-Prozess auf das heutige deutsch-polnische Verhältnis übertragen könne.

Die  Ausstellung über Franz Stock ist vom 2. bis 29. April in der Kapelle der Gedächtniskirche (Flachbau neben dem neuen Turm) zu sehen. Gruppenführungen sind nach Anmeldung unter Telefon 030 2185023 auch vormittags möglich. Das Rahmenprogramm zur Ausstellung unter: www.gedaechtniskirche-berlin.de

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