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Der Erhalt der Artenvielfalt ist das Thema eines Projektes für den Ökolandbau im Norden Deutschlands.

Artenvielfalt
Tierische Bestandsaufnahme mit den Ohren

Thorsten Schönbrodt (l), Amphibien-Fachmann vom Leibniz-Institut für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und der ZALF-Biologe Frank Gottwald betrachten Kaulquappen in einem Glas auf einem Acker des Bio-Betriebes Gut-Temmen.
Thorsten Schönbrodt (l), Amphibien-Fachmann vom Leibniz-Institut für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und der ZALF-Biologe Frank Gottwald betrachten Kaulquappen in einem Glas auf einem Acker des Bio-Betriebes Gut-Temmen. © Foto: dpa/Patrick Pleul
dpa / 16.05.2018, 08:15 Uhr
Müncheberg (dpa) Thorsten Schönbrodt steht am Rande eines Wasserpfuhls mitten auf einem Feld in der Uckermark. Er hält die Hände wie Trichter an seine Ohren und lauscht. „Ich höre zehn bis zwölf Rotbauchunken, dazu sechs bis acht Teichfrösche“, sagt der Amphibien-Fachmann vom Leibniz-Institut für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg (Märkisch-Oderland). Die männlichen Unken und Frösche würden lautstark die Weibchen anlocken, um sich zu paaren. „Nur zwischen dem 20. April und dem 15. Mai kann der Mensch diese Rufe hören“, erklärt er.

An insgesamt 25 Gewässern ist Schönbrodt derzeit unterwegs, um zu lauschen und eine Art Bestandsaufnahme über das Gehör zu machen. „Anders kannst Du Amphibien nicht zählen“, erklärt er. Die Tümpel, Sölle und Teiche mit auffallend breiten Gewässerrandstreifen gehören zum Gut Temmen (Uckermark), einem anerkannten Ökolandbau-Betrieb mit rund 600 Hektar Grünland und 2700 Hektar Acker sowie 1500 fast ganzjährig auf der Weide stehenden Rindern mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Das Gut Temmen ist einer von rund 60 Bio-Betrieben in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, die sich an dem Projekt „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ beteiligen.

Dabei geht es um Möglichkeiten, landwirtschaftliche Flächen so zu bewirtschaften, dass sie gezielt einen Lebensraum für wildlebende Tier- und Pflanzenarten bieten. „Die konventionelle Landwirtschaft mit ihrer intensiven Bewirtschaftung ist schon hauptverantwortlich für das Artensterben – ob nun bei Insekten, Vögeln oder auch Pflanzen“, macht ZALF-Biologe Frank Gottwald deutlich. Der ökologische Landbau leiste bereits einen hohen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität. „Doch es geht noch besser.“ Getragen wird das Projekt vom World Wide Fund For Nature (WWF), dem ökologischen Anbauverband Biopark und der Supermarktkette Edeka, wissenschaftlich begleitet wird es vom ZALF.

Die am Projekt teilnehmenden Biobauern können sich aus einem 100 Punkte umfassenden Maßnahmekatalog die für sie passenden Aktionen heraussuchen. Dazu gehören beispielsweise der Erhalt von Blühstreifen und Totholzhaufen am Feldrand, der Verzicht auf die Mahd in der Brutzeit von Wiesenvögeln oder die Einhaltung von Gewässerrandstreifen, in denen etwa Amphibien wie Unke, Molch oder Frosch in der Nacht auf die Jagd nach Insekten gehen.

„Dieser zusätzliche Aufwand für die Landwirte wird belohnt: Edeka zahlt einen Aufpreis für diese Produkte“, sagt Sylvia Ratzlaff vom WWF Deutschland. Die Erzeugnisse würden ein spezielles Label bekommen. Über einen Code gelange der Verbraucher zur Website des jeweiligen Betriebes.

So eine große Ökolandbaufläche wie beim Gut Temmen sei für Flora und Fauna optimal, nahezu pestizidfrei, wenig Weidetiere auf großen Flächen. „Das und diese reiche Landschaftsausstattung mit Wäldern, Wiesen, Hügeln und immerhin 350 Gewässern hat diesen Traditionsbetrieb über zweieinhalb Jahrzehnte zu einem Hotspot der Artenvielfalt gemacht“, lobt Biologe Gottwald. Ob die Maßnahmen tatsächlich greifen, wird bei Bestandsaufnahmen überprüft. „Wir haben bei Braunkehlchen, deren Art europaweit abnimmt, auf den erst später gemähten Flächen einen doppelt so hohen Bruterfolg“, betont Gottwald. Allein 16 gefährdete Ackerwildkräuter seien in hoher Dichte auf Flächen des Gutes entdeckt worden.

Der Betrieb achte auch darauf, Sölle oder Tümpel auf seinen Feldern nicht trocken zu legen. „Wir haben zudem die Weiden an Ufern beschnitten, denn Amphibien lieben sonniges, flaches Wasser“, schildert ZALF-Mitarbeiter Schönbrodt. Wie zur Bestätigung dringen die Unkenrufe genau aus dieser Ecke des Wasserpfuhls, in dem es keine Fische gibt. Denn die würden die Amphibienlarven fressen, erläutert Schönbrodt. Der Froschzähler schlägt sich für seine Bestandsaufnahme die Abende und auch Nächte um die Ohren, denn einige Arten wie Laubfrösche beginnen erst in der Dunkelheit zu rufen. Zudem gibt es in der Nacht kaum Nebengeräusche.

Je vielstimmiger die Rufe werden, umso schwieriger wird für Schönbrodt das Zählen. „Ob es nun 10 oder 30 Tiere sind, ist letztlich nicht relevant. Jede Anzahl über 10 zeugt von einer guten Population, denn wir hören ja nur die Männchen“, beruhigt er. Bei Arten, die nicht rufen, zähle er im zeitigen Frühjahr die Laichballen. Oder aber er nutze Lichtfallen, die im Wasser schwimmen und beispielsweise Molche anlocken. Insgesamt sei so eine Freilanderfassung sehr zeitaufwendig. „Deswegen können wir eigentlich nur Stichproben machen“, erklärt Projekt-Koordinator Gottwald.

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