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Kritik an Behörde
Streit um Tierversuche mit Nachtigallen

Gesangskünstler: Eine ausgewachsene Nachtigall misst vom Schnabel bis zur Schwanzspitze etwa 16,5 Zentimeter und wiegt 18 bis 27 Gramm. Es singen übrigens nur die Männchen.
Gesangskünstler: Eine ausgewachsene Nachtigall misst vom Schnabel bis zur Schwanzspitze etwa 16,5 Zentimeter und wiegt 18 bis 27 Gramm. Es singen übrigens nur die Männchen. © Foto: dpa/B. Zoller
Ulrich Thiessen / 16.05.2018, 21:00 Uhr - Aktualisiert 16.05.2018, 21:06
Potsdam (MOZ) Das Landesumweltamt steht in der Kritik, weil es drei Nachtigallen für Tierversuche einfangen lässt. Die Behörde versteht die Aufregung nicht. Es gibt schließlich 25 000 Brutpaare, und die Gehirnversuche werden erst an der nächsten Generation durchgeführt.

Die Tierschutzverbände des Bundes, Berlins und Brandenburgs schlagen Alarm. Es geht um drei Nachtigallen und ums Prinzip. Eine Verhaltensbiologin der Freien Universität Berlin hat ein Forschungsprojekt am Gehirn von Nachtigallen eingereicht. Laut Deutschem Tierschutzbund soll durch Sonden im Hirn der Vögel deren Kommunikation untersucht werden. Die Erkenntnisse können Rückschlüsse auf Autismus beim Menschen zulassen, lautet die Begründung für den Antrag, Nachtigallen einzufangen.

Die Berliner Umweltbehörden lehnten es ab, Versuche mit Wildtieren durchzuführen, die für diese Zwecke gefangen werden. Also sollen Nachtigallen gezüchtet werden. Drei Weibchen sind offenbar vorhanden. Es geht also um das Fangen von drei Männchen für die Zucht. Auch das lehnten die Umweltbehörden in Berlin ab.

Das Landesumweltamt Brandenburg reagierte anders. Es erteilte die Genehmigung, drei männliche Nachtigallen hierzulande einzufangen, voraussichtlich in Potsdam-Mittelmark. Ein Sprecher der Behörde betonte, dass Nachtigallen mit 25 000 Brutpaaren nicht auf der Liste der gefährdeten Tiere stehen. Ihre Bestände steigen sogar von Jahr zu Jahr um zwei Prozent. Außerdem habe man zur Auflage gemacht, dass die Tiere rechtzeitig zum Winterzug wieder in die Freiheit entlassen werden. Der Nachwuchs ist dann für die Experimente vorgesehen.

Ellen Schütze, Erste Vorsitzende des Tierschutzbundes Brandenburg, ist empört. Was an der Freien Universität geplant wird, ist in ihren Augen reine Grundlagenforschung. Oder wie sie es ausdrückt: „Da geht es nur um wissenschaftliche Neugierde.“ Dafür seien Tierversuche nicht zu rechtfertigen. Sie unterstellt der Wissenschaftlerin, dass der Bezug zu menschlichen Krankheiten in erster Linie der Antragsbegründung dient. Für medizinische Forschungen  gebe es  andere Möglichkeiten jenseits von Tierversuchen. Seitens der Freien Universität war am Mittwoch keine Stellungnahme zu erhalten.

Schütze und ihre Mitstreiter ärgert, dass über die Landesgrenze hinaus mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird. Nach dem Motto: Wenn etwas in Berlin nicht erlaubt wird, geht man einfach nach Brandenburg und umgeht so die Auflagen. Deshalb fordern sie einheitliche bundesweite Regelungen zu Tierversuchen.

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Elisabeth Petras 19.05.2018 - 15:42:30

Keine Tierquälerei für Neugierforschung!

Wer zu Autismus forschen will, der hat dazu viele Möglichkeiten. Nicht-invasive bildgebende Verfahren sind ebenso möglich wie Untersuchungen zu Lebensumständen, Beobachtung ohnehin angewandter Therapien u. a. m.. Die Übertragbarkeit von Versuchen an Nachtigallen auf den Menschen erscheint dagegen mehr als fragwürdig. Leider ist es Forschern bislang möglich, auch die obkursten Versuche mit einem angeblichen Nutzen für den Menschen zu rechtfertigen, sehr oft ohne dass der Sinn des Versuchs von den Genehmigungsbehörden ernsthaft hinterfragt wird. Das muss sich ändern! Es stehen weitere tierfreie Methoden in den Startlöchern (Organchips u. a. m.), deren Förderung sinnvoll wäre und endlich mit wesentlich mehr Mitteln geschehen sollte - auch im Hinblick auf die Sicherheit und Übertragbarkeit der Versuche auf den Menschen, denn di eschlaecht übertragbaren Tierversuche verursachen beim nachfolgenden Einsatz am Menschen oft unkalkulierbare Schäden!

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