Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Studierende der Frankfurter Europa-Uni erkunden „Die vergessene deutsch-polnische Grenze“, die von 1918 bis 1939 bestand.

Historie
Spurensuche nach 100 Jahren

MOZ / 24.05.2018, 08:30 Uhr
Frankfurt/Posen (Dietrich Schröder) Das Ende des Ersten Weltkriegs vor genau 100 Jahren war nicht nur für Deutschland, sondern auch für viele ost- und südosteuropäische Länder ein einschneidendes Ereignis. Studenten der Viadrina beschäftigen sich auf einer Exkursion mit der „Vergessenen Grenze“ von 1918.

Vor 100 Jahren gewann Polen, genau wie mehrere andere Staaten in Ostmitteleuropa und auf dem Balkan, seine nationale Unabhängigkeit zurück. Das Land war zuvor zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und dem zaristischen Russland aufgeteilt gewesen.

Für Polens heutige nationalkonservative Regierung ist dieses Jubiläum der Anlass für Jubiläumsfeiern, die sich vier Jahre lang hinziehen werden. Denn der Kampf des wiedergeborenen Staates um seine Grenzen dauerte von 1918 bis 1922.

„Leider fehlt im offiziellen Festprogramm der europäische Aspekt, also die Bedeutung, die das Ende des Ersten Weltkriegs auch für andere Staaten hatte.“ Das bedauert die Direktorin des Zentrums für Interdisziplinäre Polenstudien an der Frankfurter Europa-Universität, Dagmara Jajesniak-Quast. Aus diesem Grund, aber vor allem weil die Geschichte und Gegenwart Europas ohne diese Zeit zwischen den beiden Weltkriegen nicht zu verstehen sind, ist ein eindrucksvolles Projekt entstanden, das auch von zahlreichen Institutionen in Brandenburg und Polen unterstützt wird: „1918. Die vergessene Grenze“.

In dieser Woche unternehmen gut 15 Studierende und ihre Betreuer eine Exkursion, die vom oberschlesischen Kattowice (Kattowitz) bis nach Gdynia (Gdingen) an der Ostsee führt. Sie sind auf Spurensuche nach der Grenze von einst und in den ersten Tagen schon sehr fündig geworden.

Zwischen den Städten Zabrze (bis 1945 Hindenburg) und Ruda Slaska in Oberschlesien etwa ist der Grenzstreifen bis heute erkennbar. „Die beiden ehemaligen Zollhäuser von Deutschland und Polen stehen sich direkt gegenüber. Im früher deutschen Haus befinden sich Wohnungen, im polnischen ein Laden für Hörgeräte. Dazwischen verläuft ein Streifen, der von 1918 bis 1939 Niemandsland war“, beschreibt Dagmara Jajesniak-Quast.

Trotz aller feindlichen Stimmungen, die damals politisch zwischen Deutschland und Polen herrschten, sei die Grenze keine so harte gewesen, wie diejenige, die 1945 an Oder und Neiße entstand. „Im Gegenteil: Die Menschen hatten hier über Jahrhunderte zusammen gelebt, verstanden oftmals auch die andere Sprache.“ Das hat die ukrainische Studentin Alla Gavrylenko herausgefunden, die am Collegium Polonicum in Slubice studiert und von dem Projekt begeistert ist. Für einen touristischen Reiseführer über die damalige Grenzregion, den der Berliner Journalist Uwe Rada als Mitinitiator des Projekts im Herbst herausgeben will, plant die Ukrainerin einen Aufsatz über Bergarbeiter, die damals auf der polnischen Seite der Grenze lebten und in deutschen Gruben arbeiteten. „Die Grenze war sehr durchlässig“, weiß auch der heutige Brandenburger Partnerschaftsbeauftragte für die Region Posen, Darius Müller, aus seiner eigenen Familiengeschichte. Seine aus Oberschlesien stammende Großmutter hat ihm erzählt, „wie sie als Kind immer versuchte, ein paar Zloty von ihrem Karten spielenden Vater zu ergattern, für die sie sich dann in Deutschland Süßigkeiten kaufte“.

Der Band wird auch den Aufsatz von Natalia Sikora enthalten, die aus Bydgoszcz stammt, dem einstigen Bromberg, das durch die Grenzziehung 1918 wieder polnisch wurde. In Posen zeigte sie am Dienstag ihren Mitreisenden das Hotel „Bazar“. Von dessen Balkon hatte der Musiker und Freiheitskämpfer Ignacy Paderewski im Dezember 1918 zum Großpolnischen Aufstand aufgerufen, der dazu führte, dass auch die Gegend um die Großstadt an der Warthe wieder zu Polen kam. 1919 wurde Paderweski von Staatschef Jozef Pilsudski zum ersten Ministerpräsidenten Polens berufen.

Am Mittwoch machten die Exkursanten am einstigen deutschen Ostwall bei Meseritz sowie in der Stadt Pila (einst Schneidemühl) Station. Am Sonnabend wird ihre Tour in Gdynia enden. Außer dem Buch soll auch eine Ausstellung über die „Vergessene Grenze von 1918“ entstehen, auf die man bereits heute gespannt sein darf.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG