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Überfälle, Vergewaltigungen, Terror: Wer Opfer einer Gewalttat wird, vergisst das oft nicht von heute auf morgen.

Gewaltopfer versorgen
Berlin hat weitere Traumaambulanz

Eine Schneise der Verwüstung ist auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin zu sehen, nachdem der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen über den Platz gerast war.
Eine Schneise der Verwüstung ist auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin zu sehen, nachdem der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen über den Platz gerast war. © Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
dpa / 29.05.2018, 08:58 Uhr
Berlin  (dpa) In Berlin hat eine weitere Anlaufstelle für Opfer von Gewalttaten die Arbeit aufgenommen. In der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik in Wilmersdorf gibt es seit einigen Wochen eine zweite Traumaambulanz - an diesem Mittwoch sollen die Räume offiziell im Beisein von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) eröffnet werden, wie die Klinik mitteilte. Die erste Einrichtung dieser Art hatte 2012 im St. Hedwig-Krankenhaus die Arbeit aufgenommen. Ziel ist es, Opfer schnell psychotherapeutisch zu versorgen, um chronischen Belastungsstörungen und anderen psychischen Spätfolgen vorzubeugen. Das sieht das Opferschutzgesetz vor.

Behandelt werden in der Traumaambulanz Menschen, die etwa überfallen, beraubt, vergewaltigt oder als Geisel genommen wurden. Für die Ausweitung des Angebots spricht laut dem Leiter der Einrichtung, Olaf Schulte-Herbrüggen, dass sich eine zunehmende Nachfrage abzeichnet. Das Bewusstsein für psychische Folgen von Gewalt sei gewachsen. Genau wie bei körperlichen Verletzungen gebe es Verläufe, in denen Menschen zum Beispiel arbeitsunfähig werden. „Da übernimmt Berlin zunehmend Verantwortung“, sagte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Unter seiner Leitung war bereits die erste Traumaambulanz eingerichtet worden. Kooperationspartner ist dabei das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso).

Schulte-Herbrüggen wies aber auch darauf hin, dass man mit der bisherigen Ausstattung schnell an die Grenzen komme bei Vorfällen wie dem Terroranschlag am Breitscheidplatz. Auch wenn man hoffe, dass sich so eine Tat nicht wiederhole, müsse man auf höhere Opferzahlen eingestellt sein. Durch den Terroranschlag vom 19. Dezember 2016 des tunesischen Islamisten Amri auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche starben zwölf Menschen, mehr als 70 wurden verletzt.

Mit 100 bis 200 Menschen pro Jahr habe bislang nur ein relativ kleiner Teil der Berliner Gewaltopfer versorgt werden können, sagte Schulte-Herbrüggen. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2017 aber allein mehr als 4000 Raubdelikte aus, insgesamt wurden laut Schulte-Herbrüggen mehr als 75 000 Menschen zum Opfer einer Gewalttat. Nach seiner Erfahrung benötigen aber nicht alle eine Behandlung. Versorgt würden in der Traumaambulanz Menschen über alle Altersgruppen hinweg. Mit der neuen Anlaufstelle bessere sich insbesondere die wohnortnahe Versorgung im Süden und Westen der Stadt. Für Kinder und Jugendliche gibt es eine separate Ambulanz.

Rund ein Viertel der Patienten sind Männer - obwohl diese es oft schwerer hätten, sich Hilfe zu holen, wie Schulte-Herbrüggen sagte. Seinen Schilderungen nach reagieren Gewaltopfer sehr unterschiedlich auf die jeweils erlebte Tat - zum Beispiel mit Angst, mit Rückzug aber auch mit Wut. Viel Erfahrung sei nötig, um darauf therapeutisch angemessen einzugehen. Die neue Traumaambulanz beschäftigt fünf Psychologen mit traumatherapeutischer Zusatzausbildung - in Teilzeit, so dass bei Bedarf aufgestockt werden kann. In vielen Fällen reichten fünf Behandlungsstunden aus, um den Menschen zu helfen, sagte der Experte. Betroffene hätten gesunde Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können.

Die Traumaambulanzen haben einen anderen Fokus als die Gewaltschutzambulanz der Charité - dort geht es primär darum, Verletzungen rechtsmedizinisch untersuchen und zum Beispiel für den Fall eines späteren Gerichtsverfahrens dokumentieren zu lassen.

Extrem belastende Ereignisse hinterlassen bei vielen Betroffenen psychische Spuren. Eine Folge können sogenannte posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) sein. Sie treten teils erst Monate später auf und zeigen sich in unterschiedlichen Symptomen. Oft werden die Erkrankten schwermütig, haben Alpträume, körperliche Schmerzen sowie Panikattacken. Viele erleben das Ereignis - oft eine lebensbedrohliche Situation - in ihrer Vorstellung immer wieder.

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