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Studio Babelsberg
Zeitenwende für die Filmtechnik

Dritte Dimension: Schauspielerin Emilia Schüle („Kudamm 59“) im neu eröffneten volumetrischen Babelsberger Studio
Dritte Dimension: Schauspielerin Emilia Schüle („Kudamm 59“) im neu eröffneten volumetrischen Babelsberger Studio © Foto: Mathias Hausding
Mathias Hausding / 12.06.2018, 07:00 Uhr
Potsdam (MOZ) Im Studio Babelsberg hat am Montag ein neues Zeitalter der Filmtechnik begonnen. Es ist nun erstmals möglich, komplett in 3D zu drehen, sodass die Zuschauer den fertigen Film mit Spezialbrillen „begehen“ können.

„Nicht so weit, dort kommt gleich eine Wand.“ – „Achtung, Sie laufen direkt in die Person hinein.“ Es sind teilweise skurril anmutende Hinweise, die ein Techniker jenen Neugierigen gibt, die anlässlich der Studioeröffnung einmal kurz in die neue Welt eintauchen. Mit einer recht schweren Brille samt Kopfhörern ausgestattet, finden sie sich plötzlich zwischen zwei Schauspielern wieder, die an einem Filmset aus den 1920er-Jahren einen Dialog führen.

Der Beobachter mit der Brille kann in dem imaginären, historischen Set herumspazieren, sich den Schauspielern aus jedem Winkel bis auf wenige Zentimeter nähern. Er muss nur aufpassen, dass er nicht zu weit läuft, nämlich gegen eine echte Wand, denn er sieht mit der Brille ja nur die Kunstwelt.

Willkommen im ersten volumetrischen Filmstudio Deutschlands. Hier wird wahr, wovon Filmemacher und Kinofans seit der Erfindung des Zelluloids träumen. „Bislang hielt uns die zweidimensionale Leinwand gefangen. Jetzt haben wir die dritte Dimension, sind als Beobachter Teil der Geschichte“, schwärmt Sven Blieding, Geschäftsführer der Volucap GmbH und damit Chef des neuen Studios. „Die Magie der virtuellen Realität wird alles verändern. Sie wird uns Empfindungen bescheren, die wir bisher nur aus dem wirklichen Leben kennen.“

Das Land Brandenburg übernimmt mit zwei Millionen Euro die Hälfte der Kosten für das neue Studio. Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) betont zur Eröffnung, dass es gelungen sei, für das Projekt ganz unterschiedliche Akteure mit ins Boot zu holen. „Diese Technologie ist weit über die Medienbranche hinaus einsetzbar, zum Beispiel auch in der Gesundheits- und Automobilwirtschaft“, sagt der Minister.

Zu den Machern des Studios, das nun Firmen ganz nach ihren Vorlieben für eine Tagesmiete nutzen können, gehört mit der Interlake GmbH eine Firma aus dem Bereich E-Learning. Hinzu kommt das Unternehmen Arri, Anbieter von Kinofilmausrüstung sowie das Berliner Heinrich-Hertz-Institut mit seiner Expertise für digitale Medien. Nicht zu vergessen schließlich noch das Filmstudio Babelsberg und die Ufa als Kino- beziehungsweise TV-Macher.

Wann und in welcher Form es tatsächlich den ersten abendfüllenden Spielfilm in der neuen Technik geben wird, bleibt zunächst offen. Noch steht die neue Technik ganz am Anfang. Um in einem Film herumlaufen zu können, bräuchte man völlig neuartige Kinosäle oder daheim etwa eine Art Boxring, dessen Seile den Zuschauer davor bewahren, mit der Brille vor den Augen gegen Wände zu laufen.

Das Studio Babelsberg geht davon aus, dass schon bald zumindest Komparsen teilweise durch virtuelle Figuren aus einer vorab zusammengestellten 3D-Bibliothek ersetzt werden. So wolle man Kosten sparen, sagt Studiochef Charlie Woebcken. Denn neben der „virtuellen Realität“, also einer kompletten Kunstwelt, gibt es noch die „erweiterte Realität“, in der die menschliche Wahrnehmung nicht von Bildern aus dem Computer ersetzt, sondern lediglich ergänzt wird. So könnte zum Beispiel im Medizinbereich ein Chirurg während eines Eingriffs das vorher gemachte Bild eines Tumors vor sich sehen. Er hätte dann quasi den „Röntgenblick“.

Herz des 170 Quadratmeter großen Potsdamer Studios sind übrigens 32 hochauflösende 5K-Kameras, die ringsum an einer vier Meter hohen Rotunde installiert sind. Unterstützt von einem großen Lampenset produzieren sie bewegte Bilder mit einer Datengröße von 1,6 Terabyte pro Minute. Die Schauspieler, aufgenommen im leeren Raum, können dann also in jede beliebige Film-Umgebung „verpflanzt“ werden.

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