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Neues Labor
Wo das Denken nicht still steht

Technik, die begeistert: Leonie Raddatz, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Berlin, zeigt im neuen Labor eine Kappe mit Sensoren, mit der die Forscher die Hirnaktivität von Probanden messen. Die Eröffnung der Charlottenburger Forschungseinrichtung wurde am Mittwoch mit einem Tag der offenen Tür begangen.
Technik, die begeistert: Leonie Raddatz, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Berlin, zeigt im neuen Labor eine Kappe mit Sensoren, mit der die Forscher die Hirnaktivität von Probanden messen. Die Eröffnung der Charlottenburger Forschungseinrichtung wurde am Mittwoch mit einem Tag der offenen Tür begangen. © Foto: Maria Neuendorff
Maria Neuendorff / 12.07.2018, 07:45 Uhr
Berlin (MOZ) Sie wollen erforschen, wie google maps unsere Orientierungsfähigkeit verändert, wie Parkinson-Kranke das Gehen trainieren können und alte Menschen sicherer über die Straße kommen. Die Technische Universität (TU) hat am Mittwoch das weltweit größte Labor für die Messung von menschlicher Hirnaktivitätbei Bewegung eröffnet.

Das „Mobi-Labor“ ist schwer zu finden. Auf dem verschachtelten Universitäts-Campus in Charlottenburg hilft auch google maps nicht mehr weiter. Lagepläne, die Studenten zur Eröffnung an die alten Backsteingebäude geheftet haben, sollen Besuchern den Weg weisen.

Doch sie richtig zu lesen und sich auf sein räumliches Orientierungsvermögen zu verlassen, ist für manchen Smartphone-Besitzer inzwischen ungewohnt. Inwieweit uns Navigationsgeräte die Sinne trüben, ist auch eine der Fragen, die Professor Klaus Gramann in den neuen Laborräumen des Instituts für Psychologie und Arbeitswissenschaft klären will.

Der Neurowissenschaftler der TU hat zusammen mit Kollegen der University of California das „Mobile Brain/Body Imaging“ entwickelt. Eine Methode, die die Messung von Hirnaktivität bei aktiver Bewegung zulässt. „60 Jahre lang wurden Probanden in tonnenschwere Scanner geschoben und durften sich nicht bewegen“, sagt der Forscher. Dabei sei gerade die Interaktion mit der Umwelt das Interessante.

Die wird in den schlichten, teils dunklen Räumen des neuen Labors simuliert. Probanden bekommen nicht nur Hauben mit Sensoren auf den Kopf, sondern auch Virtual-Reality-Brillen aufgesetzt. Über Computer werden künstliche Eindrücke erzeugt, auf die sie reagieren sollen. Die Testpersonen aus der Kategorie „75Plus“ bekommen auch Elektroden um die Knöchel geschnallt. „Ältere Menschen, bei denen die motorischen Fähigkeiten nachlassen, konzentrieren sich beim Gehen in erster Linie darauf, nicht zu fallen“, erläutert Gramann. Wenn sich dazu Hören und Sehen verschlechtern, führe das beispielsweise beim Überqueren der Straße zu vermehrter Unfallgefahr. Welche Situationen das Gehirn wie überfordern, wollen die Wissenschaftler nun mithilfe der neuartigen Tests herausfinden.

Das Labor mit seiner Virtual-Reality- und Tracking-Technik bietet dazu einen geschützten Raum. „Aus den Ergebnissen könnten beispielsweise Fußgänger-Assistenzsysteme entwickelt werden, die in den Rollator eingebaut werden und zum Beispiel vor herannahenden Autos warnen“, erklärt Gramann. Er will das menschliche Gehirn besser verstehen und das Wissen später auf praktische Anwendungen etwa im Bereich der medizinischen Diagnostik anwenden. So könnten die Forschungsergebnisse dabei helfen, Nervenkrankheiten wie Demenz, Parkinson, Multiple Sklerose früher zu erkennen, aber auch Trainings-Geräte dagegen zu entwickeln.

Das Labor, in dem schon länger mithilfe des Bundesforschungsministeriums des Menschen wichtigstes Organ untersucht wird, wurde speziell für dieses innovative Verfahren umgebaut. Die Deutsche Forschungsgesellschaft spendete Geräte. Die TU selbst steckte 800 000 Euro in die Neugestaltung.

„Die Möglichkeiten sind hier schon fantastisch“, findet auch Cao Tri Do. Der Doktorand der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist Teilnehmer der  „International Mobile Brain/Body Imaging Conference“, die bis Sonnabend in Berlin stattfindet. Ein Besuch des neuen Berliner Mobi-Labors ist für die meisten der 100 Hirnforscher ein Muss. „Hier wird man sehr wichtige Fragen der Gesellschaft lösen können“, glaubt Cao Tri Do.

Zum Beispiel die Frage, was die Informationsflut der Digitalisierung mit unseren kognitiven Fähigkeiten macht. „Wenn Sie nur mit google maps durch die Stadt laufen, dann haben sie auch nach drei Jahren keine Ahnung von Berlin“, sagt Gramann. Damit die räumliche Orientierung nicht gänzlich verloren geht, testen er und seine Mitarbeiter gerade Zusatzoptionen für Navigationsgeräte wie zum Beispiel den Hinweis auf bekannte Gebäude. „Wenn das Navi sagt: ,Biege dort hinten rechts ab,  an dem Museum, wo dein Lieblingsbild hängt’, dann könnte das das räumliche Lernen wieder verbessern“, glaubt der Wissenschaftler.

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