Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Diskussion
Frankfurt (Oder) trainiert seine Neuerfindung

Mutbürger statt Wutbürger?  Frankfurts neuer Oberbürgermeister René Wilke, die Wissenschaftler Timm Beichelt und Susann Worschech sowie Zeit-Online-Redakteur Christian Bangel (v. l.) bei der Diskussion an der Viadrina
Mutbürger statt Wutbürger?  Frankfurts neuer Oberbürgermeister René Wilke, die Wissenschaftler Timm Beichelt und Susann Worschech sowie Zeit-Online-Redakteur Christian Bangel (v. l.) bei der Diskussion an der Viadrina © Foto: René Matschkowiak
Dietrich Schröder / 19.07.2018, 09:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Bedeutungsverlust war lange Zeit schmerzlich: 1990 hatte Frankfurt (Oder) nicht nur seinen Status als Bezirksstadt der DDR und sein größtes Industrieunternehmen verloren. Die Einwohnerzahl sank in der Folge um mehr als ein Drittel. Wie in vielen ostdeutschen Kommunen gab es einen radikalen Elitenwechsel und – hier besonders – das Gefühl der Einheimischen, in der neuen Zeit überflüssig zu sein. Ausländerfeindliche Übergriffe brachten der Stadt trotz ihrer Gegenwehr ein negatives Image ein.

Doch dann gewann bei der jüngsten Bundestagswahl nicht der Bundesvorsitzende der AfD das Direktmandat, sondern der bekanntermaßen flüchtlingsfreundliche Martin Patzelt von der CDU. Und als Oberbürgermeister sitzt seit Kurzem der Linke René Wilke im Rathaus. Seither vernimmt man in überregionalen Medien ganz andere Schlagzeilen – von der neugierigen Reportage über den Umgang mit Flüchtlingen im „heute journal“ bis zum euphorischen Ausruf der linken „taz“: „We love Frankfurt (Oder)“ .

Was ist dran an diesem Image-Wandel? Kann die Stadt gar zum Beispiel für „ein neues Mutbürgertum in ostdeutschen Kommunen“ werden? Diese Fragen wurde am Dienstagabend an der Europa-Universität diskutiert.

Erfreulicherweise rückt der vor zwei Monaten ins Amt gekommene René Wilke das Bild gleich zu Beginn etwas gerade. Im taz-Arikel („der natürlich in meinem Büro hängt“) werde doch „vieles ein bisschen schöngeredet“. Die Realität sei „differenzierter“.

Wilke spricht von „Parallelgesellschaften“ und beschreibt, was er damit meint: Mit den zahlreichen deutsch-polnischen Projekten oder auch der Europa-Uni hätten viele Bewohner „gar nichts zu tun“. Angesichts kaputter Gehwege und fehlender Einkaufsmöglichkeiten in den Ortsteilen fehle ihnen auch jedes Verständnis „dass gleichzeitig über eine neue Oder-Philharmonie geredet wird“.

Wilke deutet an, dass er diese Parallelgesellschaften „einander aussetzen“ will. Sein Anspruch, „die Bürger ernst zu nehmen“, klingt freilich fast wie ein Experiment, über dessen Ausgang er sich selbst nicht sicher ist. Seine Diagnose, „dass wir nicht mehr ständig versuchen sollten, diese Stadt zu rechtfertigen und ihre Bedeutung nachweisen zu müssen“, ist freilich vielversprechend.

Als Beispiele für Chancen, die nach seiner Meinung auf der Hand liegen, nennt er den sich langsam bis an die Oder ausdehnenden Speckgürtel um Berlin, verbunden mit der Möglichkeit, in Frankfurt ein entspannteres Leben führen zu können als in der Hauptstadt.

Auch der Politikwissenschaftler Timm Beichelt von der Viadrina differenziert: Einerseits seien viele seiner Kollegen „noch nie in Polen oder im Frankfurter Kleist-Forum gewesen“. Andererseits hätte die gegenwärtige Studenten-Generation längst festgestellt, dass es „cool“ sei, Berlin und Frankfurt miteinander zu kombinieren. Den Frankfurtern gibt er freilich den Rat „abends weniger Fernsehen zu schauen“ und stattdessen „ihre Fensterläden zu öffnen“. Sehr positiv habe er bereits die Debatte über die Zukunft der Stadt innerhalb des OB-Wahlkampfes empfunden.

Der Ex-Frankfurter Christian Bangel, der in der Online-Redaktion der „Zeit“ arbeitet, freut sich darüber, „dass man sich als in Hamburg oder Stuttgart lebender Frankfurter wieder zu seiner Heimatstadt bekennen kann“ und dass hier der Umgang mit Flüchtlingen viel offener und pragmatischer sei als etwa in Cottbus.

Auch aus dem Publikum kommt positives Echo: Eine Studierende bekennt, dass sie sich längst als Frankfurterin fühlt, ihr Nachbar beklagt dagegen fehlende Orte zur Kontaktaufnahme zwischen Studierenden und „Normalbürgern“. Ein ehrenamtlicher Stadtführer berichtet, dass er Besuchern gern „die schönen Ecken, aber auch die Probleme“ seiner Stadt zeige.

„Wir sind erst am Anfang“, meint René Wilke. Doch selbst eine Dreckecke in der Stadt wirke „weniger dreckig, wenn erst mal die Stimmung besser ist“.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.
Manuela Merker 19.07.2018 - 19:47:16

In welcher Parallelgesellschaft lebt unser OB?

Was soll man von diesem Artikel halten? Man gewinnt den Eindruck, erst unter René Wilke könne die Stadt wieder aufatmen, vorher war.alles traurig , grau, depressiv und ausländerfeindlich, Was ist das für ein Schwachsinn! Es gab und gibt viele Menschen, nicht zuletzt die vorherigen OB´s, die diese Stadt lebens- und liebenswert gemacht haben, die es geschafft haben, dass es in unserer Stadt überhaupt wieder eine Universität gibt, die es geschafft haben, dass in unserer Stadt wieder Wirtschaft und damit Arbeitsplätze zu finden sind und ja , auch der weitgehend positive Umgang mit den Flüchtlingen ist engagierten Bürgern und der Politik der vorherigen Stadtspitze unter dem OB Martin Wilke zuzurechnen. Bis jetzt kann in allen Beiträgen immer nur festgestellt werden, dass der jetzige OB sich in den Ergebnissen der Arbeitsleistung des vorherigen OB´s sonnt. Sein“nicht mehr ständig versuchen, diese Stadt zu rechtfertigen“(wofür eigentlich?) „und ihre Bedeutung nachweisen zu müssen“ können viele engagierte Frankfurter nicht ertragen. „Frankfurt geht besser“ erreicht man nicht mit billigen Parolen und allen- nach- dem -Mund-gerede, sondern mit Ideen und Leistungswillen. Jetzt eine Dreckecke schön zureden, nur weil man sich mehr lieb habe, zeigt die geistige Armut des jetzigen OB. Es hätte dem Ex-Frankfurter Herr Bangel gut getan, schon mal eher nach der Entwicklung seiner Heimatstadt zusehen. Nicht nur und nicht zuletzt beim Kampf um die Kreisfreiheit der Stadt hätte er ein sehr selbstbewusstes Frankfurt erleben können.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG