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LKA Berlin will künftig Täter mit Hilfe von „Super Recognizern“ identifizieren

Experten
Meister des Erkennens

Wo sind die Täter? In Berlin könnten demnächst Super-Erkenner die Sichtung von Videomaterial übernehmen.
Wo sind die Täter? In Berlin könnten demnächst Super-Erkenner die Sichtung von Videomaterial übernehmen. © Foto: dpa/Axel Heimken
Maria Neuendorff / 10.09.2018, 07:00 Uhr
Berlin (MOZ) Sie können Täter in Menschenmassen und auf unscharfen Videobildern erkennen oder anhand alter Jugendfotos identifizieren: Das LKA Berlin sucht den „Super Recognizer“. Denn wer diese seltene Fähigkeit besitzt, vergisst niemals ein Gesicht.

Computer übernehmen heutzutage immer mehr Aufgaben, auch in der Verbrechensbekämpfung. Doch  gegen einen „Super Recognizer“ haben Maschinen keine Chance. So werden Erkennungs-Experten genannt, die Menschen auch unter schwierigsten Bedingungen wiedererkennen. „Nur etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung hat dieses ausgeprägte Personengedächtnis“, erklärt Simon Rjosk vom Berliner Landeskriminalamt (LKA).

Er und seine Kollegen tüfteln  derzeit an einem Test, mit dem man die eigenen Kollegen auf diese seltene Begabung erkennen will. Seit dem vergangenen Jahr arbeiten sie dafür mit der Schweizer Wissenschaftlerin Meike Ramon zusammen. „Das LKA ist stark an der Frage interessiert. Gibt es Super Recognizer überhaupt bei der Polizei in Berlin und wenn ja, wie kann man diese identifizieren?“, sagte Ramon jüngst in einem Interview mit dem Berliner Rundfunk 91.4.

Ramon arbeitet schon seit Jahren mit der Schweizer Kantonspolizei in Fribourg zusammen. Dort konnten internationale Super Recognizer zum Beispiel schon zwei bewaffnete Raubüberfälle aufklären. „Für uns waren aber die Erfolge in London der Auslöser, uns mit dem Thema zu beschäftigen“, berichtet Rjosk. 2015 hatte  Scotland Yard die weltweit erste Spezial-Einheit von Super Recognizern gegründet. Die Experten waren unter anderem fähig, nach Krawallen per Video-Aufnahmen 180 Randalierer ausfindig zu machen, während die computergesteuerte Gesichtserkennung nur einen einzigen Treffen lieferte.

Zwei der insgesamt 152 Londoner Super-Erkenner wurden nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 an den Rhein geschickt, um den deutschen Kollegen zu helfen. Sie spähten auf dem umfänglichen Videomaterial von der Domplatte und vom Hauptbahnhof ersteinmal nach den Frauen, die angezeigt hatten, dass sie sexuell belästigt und beraubt worden waren. Wenn die Experten eines der Opfer auf einem der teils verschwommenen Bilder sahen, verfolgten sie den Weg der Frau, bis sie im Gewühl der Menge auf den Täter traf. So konnten mehrere Taten tatsächlich aufgeklärt werden.

Noch weiß man nicht, ob es genetisch bedingt ist, dass sich einige wenige Menschen Gesichter auch nach flüchtigen Begegnungen jahrelang einprägen können. Als erster stieß US-Harvard-Wissenschaftler Richard Russell auf das Phänomen, als er vor zehn Jahren eigentlich das Gegenteil, die Gesichtsblindheit, untersuchte.

Auf der Grundlage seiner Forschungsergebnisse entwickelte er einen Test, um Super Recognizer ausfindig zu machen. Dabei geht es unter anderem darum, Prominente auf Kinderfotos wiederzuerkennen. Mit einem solchen Test hat auch die Bayerische Polizei jüngst 37 besonders begabte Kollegen im Münchner Polizeipräsidium ausgemacht. Sie sollen ab 2019 in der Fahndung eingesetzt werden und werden derzeit noch geschult. Ein erster Test-Einsatz sollen die Feiermassen auf dem Oktoberfest sein.

In Berlin will man noch einen Schritt weiter gehen und bis zum Frühjahr 2019 einen noch dezidierteren Test erarbeiten. „Nicht jeder Super Recognizer kann alles gleich gut“, erklärt Rjosk. Während der eine besonders gut in der Erkennung von Fotos sei, sei der andere ein Bewegungs-Experte. Wieder andere hätten  die Gabe, auch stark gealterte Personen zu identifizieren.

Um das Potenzial in den eigenen Reihen voll auszuschöpfen, soll der Test bei allen 20 000 Mitarbeitern angewandt werden – vom Kripo-Beamten bis zur Verwaltungsfachkraft. Die Berliner Superhirne könnten dann auch bei „besonderen Lagen“ eingesetzt werden. „Mit ihren Fähigkeiten könnten sie helfen, Terroranschläge aufzuklären, aber vielleicht auch zu verhindern.“

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