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Knut Kucznik aus Altlandsberg lässt Schwarzkkopfschafe auf dem Tempelhofer Feld grasen

Statt Flugzeuge
Schäfchenzählen auf dem Tempelhofer Feld

Erobert die Herzen der Berliner: Schäfer Knut Kucznik aus Altlandsberg auf dem Tempelhofer Feld
Erobert die Herzen der Berliner: Schäfer Knut Kucznik aus Altlandsberg auf dem Tempelhofer Feld © Foto: K. D. Grote/MOZ
Klaus D. Grote / 15.10.2018, 07:30 Uhr - Aktualisiert 17.10.2018, 10:53
Berlin (MOZ) Genau zehn Jahre, nachdem das letzte Flugzeug vom Flughafen Tempelhof gestartet ist, grasen nun Schafe auf den Wiesen zwischen den Rollbahnen. Schäfermeister Knut Kucznik aus Märkisch-Oderland sorgt mit seinen Schwarzkopfschafen für eine familientaugliche Überraschung.

Da mussten sich einige Picknickgäste auf dem Tempelhofer Feld am Sonntag die Augen reiben: Plötzlich hielt eine Schafherde auf sie zu. Einige Decken mit ausgebreiteten Leckereien kamen sogar direkt unter die Hufe. Mehr als 150 Schwarzkopfschafe hat Schäfermeister Knut Kucznik am Sonntag aus Altlandsberg nach Berlin gebracht. Eine Woche lang sollen sie die größte Freifläche Berlins, das 300 Hektar umfassende Tempelhofer Feld, abgrasen und Werbung für einen bedrohten Beruf machen.

Kucznik hat seine Schafe bereits vor drei Jahren zusammen mit Berufskollegen durchs Brandenburger Tor geführt. Und so schnell bringt den 52-Jährigen nichts aus der Ruhe. „Wenn ich als Schäfer Angst hätte, dürfte ich morgens nicht aufstehen“, sagt er. Trotzdem ist er diesmal aufgeregt. Eine Woche lang mit 150 Schafen mitten in der Hauptstadt. Übernachtet wird im Wohnmobil. Hütehund Karl ist immer dabei.

Viele Kita-Gruppen und Schulklassen wollen den Schäfer besuchen, Journalisten über die Aktion „Schäfchen zählen auf dem Tempelhofer Feld“ berichten. Endlich bekommt Kucznik die Aufmerksamkeit, die er sich als Schäfer erhofft, um auf die existenziellen Probleme seines Berufstandes aufmerksam zu machen. „Deshalb habe ich auch zugestimmt, bei der verrückten Idee von Niels Rickert mitzumachen“, gesteht Kucznik. Rickert ist Mitbegründer des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld.

Bereits während des Flugbetriebs bis 1992 wurden die Wiesen des Flughafens von Schafen beweidet. Danach übernahmen Maschinen die Mahd. Doch die natürliche Form der Beweidung trägt zum Erhalt der Biodiversität von Wiesen bei.

Auch das Tempelhofer Feld bietet auf seinen weitläufigen Wiesen vielen Arten Lebensraum. Nach Ende des Flugbetriebes und vor der öffentlichen Nutzung der Flächen wurden allein 124 verschiedene Wildbienenarten gezählt. Die Schafe tragen durch Fraß und ihre Hufe zur Natürlichkeit des Bodens bei, während Maschinen wie riesige Staubsauger wirken und viele Pflanzen samt Wurzeln herausreißen. Hinzu kommt die Bodenverdichtung durch das Gewicht.

Die Schäfer würden dagegen eine agrarökologische Leistung erbringen, sagt Kucznik. Doch leider werde diese nicht hinreichend honoriert. Seinen beiden Beschäftigten kann der Herr über insgesamt 500 Schafe nur den Mindestlohn zahlen. „Ich selber zahle mir weniger“, sagt Kucznik. Nur weil er noch andere Einnahmequellen hat, könne er überleben.

Bundesweit existierten 2016 noch 989 hauptgewerbliche Schäfereien, 13 Prozent weniger als 2010, teilt der Verband der Berufsschäfer mit. Die Hirten und ihre Schafe beweiden 6,4 Prozent des Dauergründlandes in Deutschland, hauptsächlich in Naturschutzgebieten. In Brandenburg gibt es heute noch 76 Betriebe, sagt Knut Kucznik, der Chef seines Landesverbandes ist. „Vermutlich sind es nach diesem Sommer 15 Betriebe weniger“, befürchtet er. Bundesweit würden viele Schäfereien das Jahr wohl nicht überleben. Die Trockenheit habe viele Schäfer gezwungen, Futter teuer zuzukaufen. Die ausgedörrten Wiesen boten nicht genug Nahrung.

Neben Kindern und Familien haben sich auch Berufskollegen angekündigt. Darunter der letzte Schäfer vom Tempelhofer Feld und der erste Schäfer der Flughafenwiesen, der vor dem Krieg nach Tempelhof kam. Der Mann ist heute 93 Jahre alt. „Seine Enkelin hat mich angerufen“, berichtet Kucznik gerührt.

Am nächsten Sonntag lädt Kucznik mit dem Bundesverband der Berufsschäfer zum „Schäfertag“ auf das Tempelhofer Feld ein. Hirten aus ganz Deutschland wollen über ihren Beruf informieren und diskutieren. Und Kucznik will die ganze Woche über mit seinen Schafen die Herzen der Berliner erreichen. Jeden Tag wird ab 16.30 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit zum Schäfchenzählen eingeladen. Täglich gibt es auch Musik.

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