Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Fortbildung für Lehrer
Stiftungschefin: „Der Schuldgedanke schwingt mit“

Susanne Krause-Hinrichs
Susanne Krause-Hinrichs © Foto: Mathias Hausding
Mathias Hausding / 05.11.2018, 07:00 Uhr
Potsdam (MOZ) Die Judenfeindlichkeit nimmt vielerorts wieder zu, auch in Brandenburg. Die Potsdamer F.C. Flick Stiftung will etwas dagegen tun und schult nun Lehrer im Kampf gegen Antisemitismus. Stiftungschefin Susanne Krause-Hinrichs sprach darüber mit Mathias Hausding.

Frau Krause-Hinrichs, wann vergeht der Antisemitismus endlich?

Ich fürchte nie. Er ist leider Gottes in der Gesellschaft tief verwurzelt.

Wo kommt das her?

Der Antisemitismus in Europa hat eine mehrtausendjährige Geschichte, auch mit christlichem Ursprung. Hinzu kommen aktuellere Gründe, der Nahostkonflikt etwa oder ideologische Vorbehalte von rechts wie von links.

Viele Menschen wollen vom Kampf gegen Antisemitismus nichts wissen, 70 Jahre nach dem Holocaust müsse Schluss sein, finden sie.

Das geht nicht. Die Frage ist aber, wie man das Thema angeht. Die Holocaust-Betrachtung darf nicht in einem Schuldvorwurf bestehen, sondern muss das Ziel haben, aus einem schrecklichen Ereignis auch im Interesse unserer Kinder Lehren zu ziehen und sein Handeln danach auszurichten.

Warum fällt es manchen Menschen so schwer, mit einem aufgeklärten Verhältnis zur Vergangenheit zu leben?

Der Schuldgedanke schwingt bei ihnen immer ein bisschen mit. Da geht es um familiäre Biografien, um Nationalgefühl, den Gedanken an die „Schande“. Der Autor Zvi Rix hat einmal gesagt: „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen.“

Was wollen Sie Brandenburger Lehrern vermitteln?

Es gibt Judenfeindlichkeit an Brandenburger Schulen. „Du Jude“ ist wieder ein Schimpfwort geworden, ähnlich wie „Du Opfer“. Bildungsträger haben uns jüngst auf einer Konferenz berichtet, dass es gerade im ländlichen Bereich viel Unkenntnis und eine große Ablehnung gibt, über diese Themen zu reden. Wir wollen die Lehrer darin bestärken, sich mit den Fragen zu beschäftigen, ihnen vielleicht vorhandene Unsicherheit nehmen.

Wies soll das konkret aussehen?

Wir wollen uns zum Beispiel an das auch für Pädagogen sehr schwierige Israel-Thema und den Nahostkonflikt heranwagen. Das ist ja mit dem Antisemitismus und dem Holocaust eng verknüpft. Lehrer sollen in der Schulung erste Ansätze dafür erhalten, wie sie das mit den Schülern diskutieren können.

Ist das nicht doch zu kompliziert?

Nein, wenn wir diese Themen ausblenden, geraten wir in den Teufelskreis aus Unwissenheit und Ablehnung. Da müssen wir gegenhalten.

Wie schafft man es, dabei nicht belehrend aufzutreten?

Das ist eine Herausforderung. Die Situation in Israel ist ja schwierig, die dortige Regierung macht zum Teil katastrophale Sachen. Die Frage ist zum Beispiel, wie wir Israel und seine Regierung im Vergleich zu anderen Ländern beurteilen, in denen ebenfalls große Konflikte herrschen. Es gibt kein Schwarz und Weiß, es geht erst einmal darum, Wissen über die Entstehungsgeschichte Israels und über die aktuellen Konflikte zu vermitteln. Damit man ein Gefühl für die Situation bekommt, ohne gleich zu urteilen.

Was wäre damit gewonnen?

Damit werden eine Dämonisierung Israels und das emotionale Überbewerten des Konflikts verhindert. Antisemitismus zeigt sich auch in der permanent unterschiedlichen Bewertung Israels oder der Juden im Vergleich zu anderen Ländern und Menschen. Da werden ganz andere Forderungen gestellt, nur weil es Juden sind. Auch das sitzt leider ganz tief.

Mehr Informationen zur F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz: www.stiftung-toleranz.de

Schulung

„Antisemitismus – Holocaust – Israel-Bashing: Worauf muss sich die Bildung einstellen?“ Unter diesem Titel lädt die 2001 von Friedrich Christian Flick gegründete F.C. Flick Stiftung am 23. und 24. November Lehrerinnen und Lehrer ein. In der Begegnungsstätte Schloss Gollwitz in Brandenburg/Havel berichten Forscher über die Geschichte des Antisemitismus und die bisherige Aufarbeitung des Holocausts. Praxisbeispiele sollen zeigen, wie die Themen im Unterricht diskutiert werden können.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG