Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Hebammen
„Arbeiten bis zum Anschlag“

Eine Hebamme hört die Herztöne eines Babys ab. Steigende Geburtenzahlen, erhöhter Betreuungsbedarf der Frauen und Mehraufwand durch kürzere Aufenthalte in den Kliniken – Brandenburgs Hebammen geraten immer mehr unter Druck.
Eine Hebamme hört die Herztöne eines Babys ab. Steigende Geburtenzahlen, erhöhter Betreuungsbedarf der Frauen und Mehraufwand durch kürzere Aufenthalte in den Kliniken – Brandenburgs Hebammen geraten immer mehr unter Druck. © Foto: dpa/Uli Deck
dpa / 11.11.2018, 12:00 Uhr
Potsdam (dpa) Steigende Geburtenzahlen, erhöhter Betreuungsbedarf der Frauen und Mehraufwand durch kürzere Aufenthalte in den Kliniken – Brandenburgs Hebammen geraten immer mehr unter Druck.

„Die Lage in den Entbindungsstationen ist manchmal unverantwortlich“, hat die Vorsitzende des Hebammenverbands Brandenburg, Martina Schulze, beobachtet. Wegen Personalmangels ist bereits der Kreißsaal der Havelländischen Kliniken in Nauen geschlossen. Schulze hält es für möglich, dass sich so etwas auch an anderen Standorten ereignen könnte.

In den derzeit 24 märkischen Kreißsälen entbinden rund 98 Prozent der schwangeren Brandenburgerinnen. Die im Drei-Schicht-System in den Kliniken tätigen etwa 260 Geburtshelfer arbeiteten häufig an der Untergrenze der Personalbesetzung, sagt Schulze. Wegen der steigenden Geburtenzahlen komme es in den Kliniken auch zu mehr Entbindungen pro Kollegin. So komme es immer wieder vor, dass eine Hebamme mehr als zwei Frauen betreuen müsse, „manchmal sogar vier“.

Auch der Aufwand durch Arbeiten, die nicht zu den eigentlichen Aufgaben der Hebamme gehörten wie Putzen und Auffüllen von Medikamentenregalen habe deutlich zugenommen. Das führe häufig zu vermehrten Überstunden sowie Unzufriedenheit.

Auch für die rund 400 freiberuflichen Hebammen sei es „nicht einfacher geworden“, formuliert es Schulze zurückhaltend. Nicht wenige ihrer Verbandskolleginnen arbeiteten „bis zum Anschlag“. Etliche seien oftmals „deutlich mehr als 40 Stunden die Woche unterwegs, manchmal bis zu 60 Stunden“.

Vor zehn Jahren seien Frauen nach der Geburt eines Kindes noch drei bis fünf Tage in der Klinik geblieben. Heute seien es zwei bis drei Tage. Bei Entbindungen mit einem Kaiserschnitt habe sich die Verweildauer von fünf bis sieben Tage auf drei bis fünf verkürzt.

Gründe für den Hebammenmangel sind Schulze zufolge vor allem die mangelnde Attraktivität des Berufes durch teils schwierige Vereinbarkeit der Berufstätigkeit mit Familie und Kindern, schlechte Bezahlung, Bürokratie, lange Arbeitszeiten, steigende Haftpflichtprämien und die lange Zeit vernachlässigte Ausbildung des Nachwuchses.

In Brandenburg wurden seit dem Jahr 2000 wegen des Geburtenrückganges Kreißsäle an zehn Krankenhäusern geschlossen. Als die Geburtenzahl wieder anzog, reagierten Politik, Krankenhäuser und Krankenkassen zu spät. Mittlerweile hat sich die Lage so zugespitzt, dass Hebammen in Stellenanzeigen händeringend - wie im Falle des Klinikums Brandenburg - sogar mit Prämien von 3000 Euro und einem Tablet-PC gesucht werden.

Nicht immer gelingt es, Personallücken, etwa durch Renteneintritte älterer Hebammen oder Abwanderung nach Berlin, wo höhere Gehälter locken, auszugleichen. Wegen fehlender Fachkräfte musste Ende September der Kreißsaal der Havelland Kliniken in Nauen vorübergehend schließen. Dagegen hat sich mittlerweile öffentlicher Protest formiert. Eine von 515 Menschen unterschriebene Petition fordert die schnelle Wiedereröffnung des Kreißsaals.

Die Petition will die Initiatorin aus Nauen, Julia Schmohl, am kommenden Dienstag an Klinik-Geschäftsführer Jörg Grigoleit übergeben. Für Schmohl ist die Schließung der Station unerklärlich. „So ein Personalengpass kommt doch nicht über Nacht“, sagt sie und hofft auf eine Erklärung Grigoleits.

Um die prekäre Lage in der Geburtshilfe zu verbessern, will die rot-rote Koalition in Brandenburg in den kommenden zwei Jahren 900.000 Euro bereitstellen. Finanziert werden sollen davon eine regelmäßige Bedarfsplanung, ein Portal zur Suche und Vermittlung von Hebammen sowie finanzielle Hilfen bei der Einrichtung von Praxen und Fortbildungen. Für Schulze „ist der Aktionsplan ein Schritt in die richtige Richtung“. Leider sei der Bundestag der Empfehlung des Bundesrats nicht gefolgt, beim Gesetz gegen den Pflegenotstand die Hebammen einzubeziehen.

Schlagwörter

Geburtenzahl Martina Schulze Mehraufwand Julia Schmohl Hebamme

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG