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Die Weltzeituhr wird zum Sammlerstück / Ihr Erfinder berichtet, wie mühsam vor 50 Jahren ihr Bau war

Zeitgeschichte
Vom Treffpunkt zur Marke

Sind sich einig geworden: Designer Erich John (l.) und Unternehmer Carsten Kollmeier trafen sich am Mittwoch an der Weltzeituhr, um die Öffentlichkeit über den Verkauf der Vermarktungsrechte zu informieren.
Sind sich einig geworden: Designer Erich John (l.) und Unternehmer Carsten Kollmeier trafen sich am Mittwoch an der Weltzeituhr, um die Öffentlichkeit über den Verkauf der Vermarktungsrechte zu informieren. © Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Maria Neuendorff / 14.11.2018, 11:33 Uhr - Aktualisiert 14.11.2018, 20:51
Berlin (MOZ) Sie war ein seltenes Symbol der Weltoffenheit in der ummauerten DDR und wurde von Feierabendbrigaden in nur neun Monaten gefertigt: Die Weltzeituhr am Alexanderplatz ist bis heute Treffpunkt. Nun soll das Wahrzeichen von einem Berliner Start-Up vermarktet werden.

So leicht ist es momentan nicht, sich an der Weltzeituhr zu treffen. Zäune und Buden des Christmarktes, der in diesen Tagen aufgebaut wird, lassen die Passanten auf dem Alexanderplatz Slalom laufen. „Das Monument steht leider häufig im Schatten von Weihnachtspyramiden oder Riesenosterhasen“, sagt Stephan von Dassel (Grüne). Umso mehr freut sich Mittes Bezirksbürgermeister, dass die städtebauliche Design-Ikone fast 50 Jahre nach ihrer Errichtung als Symbol der Hauptstadt in den Blick der Öffentlichkeit gerückt wird.

Und sei es in Form von T-Shirts, Schlüsselanhängern, Fahrrad-Taschen und Jute-Beuteln, die nun nebenan in der Galeria Kaufhof oder gegenüber in den Vitrinen des „Park Inn“ verkauft werden. Auch der Hotel-Direktor freut sich über die neuen Souvenirs, geben sie doch dem in Verruf geratenen Alex ein positives Image. „Die Weltzeituhr ist nicht nur ein einmaliges Objekt, sondern auch DDR-Kunst“, findet General-Manager Jürgen Gangl. „Und genau die sollten wir hier vor Ort erhalten.“

Die zylinderförmige 24-eckige Weltzeituhr wurde im Rahmen der Neugestaltung des Alexanderplatzes Ende der 60er Jahre entworfen. Die knapp drei Meter hohe Säule wird von einem Bodenmosaik in Form einer Windrose gesäumt. „Kuala Lumpur, Casablanca, Tokio, Rio de Janeiro, Azoren“ –  147 Städte und Regionen aller Kontinente, die auf der Rotunde eingraviert sind, erzeugen Fernweh. Die Betrachter können die aktuelle Ortszeit in den 24 Zeitzonen ablesen. Ein Symbol der Freiheit im Kontrast zur Mauerzeit, in der die Uhr entstand.

„Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich mit einem Monument, das Grenzen überschreitet, gewinne“, sagt ihr Erfinder und Designer Erich John heute. Der emeritierte Berliner Professor für Industriedesign war damals Dozent an der Kunsthochschule Weißensee. Er erinnert sich noch genau, wie ihn 1968 DDR-Chefkünstler Walter Womacka, der zu der Zeit die Neubauten am Alex mit Bauchbinden aus sozialistischen Mosaiken aufhübschte,  auf dem Treppenabsatz ansprach und aufforderte, sich  an dem Wettbewerb mit einem eigenen Entwurf zu beteiligen. „Wir waren doch eigentlich nur Industrieknechte“, berichtet der Formgestalter.

Grundlage für die Uhr, die seit 2015 unter Denkmalschutz steht, waren Reste einer Urania Säule, die Bauarbeiter 1966 auf dem Alex gefunden hatten. Eine Straßenuhr, die den Berlinern schon vor dem Ersten Weltkrieg Zeit und Wetter anzeigte. Ende der 1960er-Jahre tragen viele Passanten auf dem Alex Armband-Uhren. „Ich wollte einfach zeigen, wo die Zeit eigentlich herkommt,  nämlich aus dem Weltall“, erklärt John.

Seine universelle Darstellung begeistert die Jury. „Seit dem Mauerbau spürten viele die Enge der Stadt. Die Anmutung von Weltoffenheit und Weltweite war offensichtlich ein berührender Gedanke“, so John. Er gewinnt und bereut es zugleich. Anlässlich des anstehenden 20-jährigen Jubiläums der DDR soll nun alles ganz schnell gehen, sprich in neun Monaten. „Unter den Bedingungen der Planwirtschaft fast unmöglich.“ John stellt die Bedingungen, dass er alles Material kaufen kann, das in der Republik nur irgendwie zu bekommen ist. Koste es was es wolle. In den Rathenower Optischen Werken stellt er sein Modell auf den Tisch und verhandelt mit den Arbeitern. 120 Mann aus verschiedenen Gewerken bilden Feierabendbrigaden und errichten die 16-Tonnen schwere technische Meisterleistung nach Feierabend. Unter anderem bauen sie ein Trabant-Getriebe ins Laufwerk ein.

Im März 1969 droht trotzdem das Aus. „Drei Jahre Lieferzeit“, heißt es aus dem Kranwerk Eberswalde, als John die übergroßen Kugellager für das Modell des Sonnensystems ordern will, das sich bis heute über der Uhr dreht. John ringt dem Zentralkomitee der SED 10 000 D-Mark ab, um im Ruhrgebiet einzukaufen.

Pünktlich vor dem DDR-Jubiläum wird die Uhr am 30. September 1969 feierlich eingeweiht. Sie wird beliebter Treffpunkt und ziert Briefmarken und Gedenkmünzen. Kurz vor ihrem 50. Geburtstag hat ihr 86-jähriger Schöpfer nun die Vermarktungs-Rechte an ein Berliner Start-up übertragen. „Wir sind uns der Verantwortung für dieses Unikat bewusst“, betont dessen Chef Carsten Kollmeier.

Und verspricht, nur in Deutschland und nachhaltig zu produzieren. Der 47-jährige Kulturmanager will die Uhr nicht nur als Sammlerstück vertreiben, sondern sie auch als Symbol für die Weltoffenheit und Freiheit Berlins etablieren. Mit einem Teil des Gewinns soll die Uhr gepflegt und gewartet werden. Zudem sind regelmäßige Ausstellungen und Konzerte geplant. Eines mit Musikern aus aller Welt soll 24 Stunden dauern.

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