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MOZ-Serie An(ge)kommen
Endlich schlafen bei offenem Fenster

Kuscheln auf der Couch: Stefan und Irka Sieg mit ihren Kindern Philipp (5) und Raya (8) leben sich in Strausberg ein. „Hier haben wir Ruhe im Grünen und müssen doch nicht auf die Stadt verzichten.“
Kuscheln auf der Couch: Stefan und Irka Sieg mit ihren Kindern Philipp (5) und Raya (8) leben sich in Strausberg ein. „Hier haben wir Ruhe im Grünen und müssen doch nicht auf die Stadt verzichten.“ © Foto: Jens Sell/MOZ
Jens Sell / 07.12.2018, 07:45 Uhr
Strausberg (MOZ) Es gibt viele gute Gründe, nach Brandenburg zurückzukehren oder als Zuzügler ein neues Leben zwischen Prignitz, Uckermark, Fläming und Lausitz zu beginnen. In unserer neuen Serie stellen wir Menschen vor, die im märkischen Land angekommen sind.

„Heute habe ich wieder bei offenem Fenster geschlafen!“ Irka Sieg spricht den Satz mit Freude, fast mit Stolz aus. Über ein halbes Jahr wohnt die Familie im Eigenheim in der Anliegerstraße in Strausberg, immer noch ist für die junge Ärztin die nächtliche Ruhe ein Riesengewinn an Lebensqualität. Da, wo sie herkommen, aus einem Block am Anton-Saefkow-Park, war jeden Abend Party in den Grünanlagen. „Am Morgen liegen Scherben im Park“, erzählt die 38-Jährige. Wenn man zwei Kleinkinder hat, ist man weniger an Party und eher an Ruhe interessiert, auch an Spielplätzen. „Die Spielplätze gehen kaputt und werden dann einfach abgesperrt. Die dort feiern, kennen keinen Respekt vor fremdem Eigentum.“

Stefan und Irka Sieg sind im Prenzlauer Berg aufgewachsen. Stefan (39) in der Chodowiecki-Straße, Irka im Bötzow-Viertel. Seit 19 Jahren kennen sie sich, seit sie bei derselben Fahrschule ihren Führerschein machten. Als sie schwanger war, fahndeten sie nach einem familientauglichen Heim. „Der Makler zeigte uns eine 80-Quadratmeter-Wohung in der Eldenaer Straße. Das Haus habe man entmietet, und jetzt würden die Wohnungen, die sich alle im Einzeleigentum befinden, zu marktüblichen Preisen vermietet – 1000 Euro kalt“, erzählt Stefan. „Da sind wir gegangen.“

Beide haben ihren Kiez geliebt. In den 80er-Jahren kannte man seine Nachbarn, half sich mit handwerklichen Dingen oder Werkzeug, feierte zusammen. Es gab da noch die Prenzelberg-Idylle, es war immer noch der Arbeiterbezirk, in dem ihre Eltern mit ihnen lebten. Alternative Künstler zogen dorthin, weil die Altbauwohnungen billig waren. Als sie nun eine Familie gründeten, hätten sie tatsächlich eine schön geschnittene  Wohnung aus dem sozialen Wohnungsbau bekommen können – in der Rigaer Straße. Sie nahmen Abstand, vor allem mit Blick auf die Kinder Raya (8) und Philipp (5). Im Umfeld besetzter Häuser, wo nachts Autos brennen, sahen sie keine neue Heimat.

„Im Prenzlauer Berg ist inzwischen alles durchsaniert, selbst die Hinterhäuser“, erzählt Stefan. Dachgeschosse werden auf die Altbauten gesetzt, Lücken zugebaut. „Die Mieten steigen ohne Ende, die liegen deutlich über der Rate, die wir heute für unseren Hauskredit zahlen. Und hier schaffen wir uns damit jeden Monat ein Stück Eigentum mehr.“ Der Prenzlauer Berg hat sich tiefgreifend gewandelt, es sind nicht nur die Schwaben, die ihn in Beschlag genommen haben. „Auf dem Spielplatz hörst du Französisch, Englisch, Spanisch. Der Gemüsehändler in der Hufelandstraße, bei dem wir nach Erdbeeren angestanden hatten, ist dicht“, sagt Irka. In einem Ladengeschäft hatte ein Kinderspielcafé eröffnet: „So mit Bällebad und Indoor-Spielplatz. Da konnte man sich verabreden mit Freundinnen zum Kaffee und musste nicht ständig mit einem Auge nach den Kindern schauen“, schwärmt Irka. Doch: Der Eigentümer hatte die Monatsmiete auf 3000 Euro erhöht. Die Betreiberin gab auf. Das Ladengeschäft steht jetzt schon seit Monaten leer.

Der Prenzlauer Berg wie auch der Friedrichshain sind keine idealen Biotope für junge Familien mehr. Arbeiterbezirke sowieso nicht. „Es wird alles immer lauter, immer schriller“, sagt Stefan Sieg. Irka und Stefan entschlossen sich, in Strausberg ein Haus zu bauen mit Zimmern für beide Kinder und einem Garten, der Platz für ein Klettergerüst hat. Jetzt geht Raya in die dritte Klasse der Grundschule Am Annatal: „Es war ein ganz schön blödes Gefühl, aus Berlin wegzuziehen, ich habe ja acht Jahre dort gelebt“, sagt sie nachdenklich. Sie musste Freunde zurücklassen. Doch ihr bester Freund Jonas, Sohn einer befreundeten Familie, ist mit seinen Eltern nach Neuenhagen gezogen, also nicht unerreichbar. Und schnell findet sie positive Seiten der neuen  Heimat. „Mein Lehrer ist cool, und am Sonnabend waren wir nebenan beim Feuerwerk im Handelscentrum. Und ich habe jetzt mein eigenes Zimmer, und wir haben zwei Klos, da muss ich nicht immer warten!“

Auch Philipp schwärmt: Er gehe in die Kita Wirbelwind in der Vorstadt, seine neuen Freunde heißen Tristan und Jeremy, und Erzieherin Maria findet er toll. Doch seine älteste Freundin ist Pauline, und die wohnt – in Neuenhagen! In der Straße hat er sich schnell mit Denny und Fine angefreundet. Über Fine ist Raya zum Strausberger Fanfarenzug gekommen. Und Philipp sagt: „Ich freue mich auf den Winter, da bauen wir einen Schneemann im Garten.“

Ihren Arbeitsplatz verlegt hat Irka Sieg: Sie setzt ihre Facharztausbildung zur Internistin am Krankenhaus Märkisch-Oderland in Wriezen fort. Das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge wollte ihren Vertrag nicht verlängern. In Strausberg freute man sich über ihre Nachfrage. Stefan ist in Herzberge noch als IT-Systemadministrator tätig: „Früher konnte ich zur Arbeit laufen, heute lerne ich die Leiden der S5-Pendler kennen, das ist aber der einzige Wermutstropfen.“

Die Siegs sind angekommen in Strausberg, das Gefühl hatten sie sogar schon im September, als das alljährliche Straßenfest stattfand. Was sie beitragen wollten, wurden sie im Vorfeld gefragt. Sie gaben mit einer Schüssel Tacco-Salat ihren Einstand und kamen schnell ins Gespräch, nicht zuletzt über das Rezept. Wenn sie heute Abend das Schlafzimmerfenster offenlassen, wissen sie: Alles richtig gemacht.

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