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Eine Mangelhaften Infrastruktur hemmt die Entwicklung in der Uckermark, sagt Wirtschaftsförderer Silvio Moritz

Wirtschaftsförderer
„Nicht abgehängt, aber benachteiligt“

Region braucht bessere Infrastruktur: Wirtschaftsförderer Silvio Moritz sieht den Bund in der Pflicht beim Ausbau von Straße und Schiene.
Region braucht bessere Infrastruktur: Wirtschaftsförderer Silvio Moritz sieht den Bund in der Pflicht beim Ausbau von Straße und Schiene. © Foto: ICU
Ina Matthes / 18.12.2018, 07:00 Uhr - Aktualisiert 18.12.2018, 07:25
Schwedt (MOZ) Die Uckermark ist ein IndustrieStandort und die Region mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Brandenburg. Ina Matthes sprach mit dem Wirtschaftsförderer Silvio Moritz, Geschäftsführer des ICU Investor Center Uckermark GmbH, über die Chancen ländlicher  Regionen, über fehlende Infrastruktur und den Standortfaktor schöne Landschaft.

Herr Moritz, „Made in Uckermark“. Was fällt Ihnen dazu  spontan ein?

Natürlich Kraftstoffe. Ohne Uckermark bewegt sich in Berlin und Brandenburg nichts. Dann Zeitungspapier und Karton für Verpackungen oder Kunststoffteile für den Automobilsektor. Wir haben hier aber auch eine schlagkräftige Landwirtschaft mit guten Böden und hohen Erträgen und regionale Produkte von Käse bis Wurst.

Sie haben eine Regionalmarke Uckermark entwickelt. Was prägt denn diese Marke?

Die Regionalmarke soll zeigen, wie die Region aufgestellt ist. Wir wollen damit die Potentiale, die wir haben, kommunizieren. Wir haben in der Uckermark zum einen Industriestandorte, zum Beispiel Schwedt und Prenzlau. Zum anderen sind die Erneuerbaren Energien, die Ernährungswirtschaft, die Landwirtschaft und der Tourismus stark aufgestellt. Dieser Mix ist besonders; eine solche Mischung haben andere ländliche Regionen nicht. Auch die Lage zwischen zwei großen Städten – Berlin und Stettin – ist eine Besonderheit der Uckermark.

Viele Menschen sind in der Industrie – zum Beispiel in Schwedt – und in den mit ihr verbundenen Unternehmen beschäftigt?

Wir haben allein in der Stadt Schwedt 4500 reine Industriearbeitsplätze. Nimmt man die mittelständischen Unternehmen hinzu, die Dienstleistungsbranche und Verwaltung gibt es in der gesamten Uckermark 39 000 Arbeitsplätze.

Obwohl die Uckermark große Industriebetriebe hat,  herrscht hier selbst in der jetzigen Konjunktur die höchste Arbeitslosigkeit in Brandenburg mit aktuell  10,6 Prozent. Woran liegt das?

Dabei muss man auch sehen, wo wir herkommen: Die Uckermark hatte Mitte der 1990er Jahre 30 Prozent Arbeitslosigkeit. 2005 lag die Quote noch bei 24,4 Prozent, jetzt liegen wir bei zehn Prozent. Das heißt, die Uckermark hat grundsätzlich eine gute Entwicklung genommen, auch wenn wir nominell noch eine vergleichsweise hohe Quote haben.

Warum sind so viele Menschen immer noch ohne Job?

Das sind Menschen, die nicht die Qualifikationen haben, die die Firmen in der Region brauchen. Es gibt in der Uckermark aktuell um die 1000 freie Stellen. Wir brauchen Facharbeiter in der Industrie, bei Handwerksunternehmen, in Kliniken. Wir haben da ein Missverhältnis in der Region zwischen Arbeitssuchenden und Bedarf. Wichtig sind jetzt zum Beispiel Schulungen, Um- und Weiterbildungen für die Menschen.

In den 1990er Jahren haben viele Uckermärker ihre Heimat verlassen. Gibt es immer noch Abwanderung?

Vor 20 Jahren ist der Wegzug zum Teil durch Prämien gefördert worden. Jetzt hat sich die Situation umgekehrt. Es gibt viele, die zurückkehren oder die es planen. Das ist eine große Chance für die Region.

War es ein Fehler damals, die Leute mit Prämien zum Weggehen zu bewegen?

Das könnte man rückblickend so sehen. Aber damals gab es hier einfach die Arbeitsplätze nicht; die Firmen mussten sich umstrukturieren. Aber die Menschen wollten und sollten ihren Unterhalt selbst verdienen. Das war damals nicht anders möglich als durch Wegzug.

Vom Wegziehen zum Herkommen: Wie viele Neuansiedlungen gab es in diesem Jahr?

Es gab in diesem Jahr bisher keine Neuansiedlung. Aber die Zeichen sehen gut aus, dass wir im nächsten Jahr neue Ansiedlungen verkünden können. Wir sind in Gesprächen mit Investoren. Der Projektstand lässt über noch keine weiteren Informationen zu. Außerdem ist erfreulich, dass sich die Bestandsfirmen erweitern. So konnten zehn Firmen in der Uckermark ihre Betriebe unter Nutzung von Fördermitteln ausbauen.

Warum ist es so schwierig, Firmen in die Uckermark zu ziehen?

Wir haben mit Problemen in der Infrastruktur zu kämpfen.  Schwedt, als Industriestandort von brandenburgweiter Bedeutung, ist nicht gut an die Autobahn angebunden. Die Stadt ist 35 Kilometer bzw. 28 Kilometer von den nächsten Autobahnanschlüssen entfernt. Es gibt auch keine gute Anbindung an Polen; ein neuer Grenzübergang und die Anbindung an die bestehende Schnellstraße S 3 wären sehr sinnvoll. Die Bahnstrecke Angermünde – Stettin ist nur eingleisig ausgebaut und die Wasserstraße Richtung Stettin ist wirtschaftlich kaum zu nutzen. Bei der Ertüchtigung der Infrastruktur hat insbesondere der Bund seine Pflicht gegenüber der Region nicht erfüllt. Auch die Strompreise liegen hier höher als in anderen Regionen. Aber wir erleben seit etwa anderthalb Jahren eine steigende Nachfrage an Flächen. Wir merken, dass sich der Speckgürtel rund um Berlin füllt und sich Unternehmen weiter hinaus ins Land orientieren.

Ist die Uckermark eine abgehängte Region?

Nein, wir sind nicht abgehängt, aber etwas benachteiligt. Eine gute Infrastruktur ist eine zentrale Frage für die Wirtschaft. Da sind auch Verbesserungen in Aussicht, insbesondere der zweigleisige Ausbau der Bahnstrecke nach Stettin und am Ausbau der B 198 müssen wir dran bleiben. Auch beim flächendeckenden Ausbau der Breitbandversorgung gibt es Fortschritte. Wir müssen die Innovationskraft der Region stärken und auch mehr in Richtung Start­ups schauen. Wir müssen in Bildung investieren, aber auch in die Landwirtschaft und den Tourismus.

Gleich hinter der Grenze liegt Stettin mit 400 000 Einwohnern. Wie wirkt sich die Nähe dieser Stadt auf die Wirtschaft der Uckermark aus?

Polnische Familien siedeln sich in der Uckermark an. Sie arbeiten in Stettin und in Deutschland. Manche eröffnen auch hier Geschäfte. Das ist durchaus ein wirtschaftlicher Effekt. Dieser Zuzug trägt dazu bei, die Infrastruktur hier zu erhalten, die Busverbindungen, Sportvereine, Feuerwehr oder die Schulen.

Und wie sieht es mit der Ansiedlung von Firmen aus?

Es könnten mehr Verknüpfungen entstehen zwischen deutschen und polnischen Unternehmen. Dass sich polnische Firmen Richtung Deutschland orientieren, das funktioniert schon gut. Sie bieten hier zum Beispiel Dienstleistungen an. Deutsche Firmen sind da in Richtung Polen nicht ganz so aktiv. Aber das muss auch die Zeit mit sich bringen. Die Entwicklung einer gemeinsamen Metropolregion Stettin, mit Uckermark und Vorpommern ist wichtig. Diese hätte eine Million Einwohner – dann werden wir auch ganz anders wahrgenommen. Nicht nur als Region am Rande Deutschlands, sondern inmitten Europas.

In der Uckermark siedeln sich Leute aus der Berliner Kultur- und Kreativszene an. Zum Beispiel Filmfirmen in Gerswalde. Was bringt das für die Region?

Es ist wichtig, dass wir als eine Region mit erhöhter Lebensqualität wahrgenommen werden. Als eine Region, wo es Freiräume gibt, eine schöne Natur und man trotzdem – zum Beispiel von Angermünde aus – innerhalb von 52 Minuten in Berlin ist. Gerade kreative Menschen schätzen diese guten Voraussetzungen, die die Uckermark bietet. Die Region wird davon profitieren, weil sich dies herumspricht und somit weitere kreative und innovative Menschen mit neuem Wissen und neuen Ideen die Region bereichern und weiterentwickeln.

Manche Wirtschaftsforscher meinen, dass klassische Industrien in ländlichen Regionen nicht weiter gefördert werden sollten. Wie sehen Sie das?

Wir wollen hier kein zweites PCK bauen oder keine neue Papierfabrik. Aber die Industrien, die hier eine lange Tradition haben, die sollten zukunftsfähig gemacht werden. Weil sie auf die Wirtschaft der Region ausstrahlen. Da ist auch Förderung notwendig. Übrigens hat das PCK keine Förderung erhalten. Das Unternehmen hat seine Investitionen selbst finanziert.

Wie sieht die Wirtschaft der Uckermark in fünf, zehn Jahren aus?

Dann haben wir den Breitbandausbau geschafft und hoffentlich alle unsere Funklöcher geschlossen. Die Digitalisierung wird junge Unternehmen in die Region ziehen. Wir werden eine Industrie 4.0 hier haben, die neue Innovationen hervorbringt.

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