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Schon jetzt leben etliche Briten in Brandenburg.

Groll auf den Brexit
Briten bleiben in Wahlheimat Brandenburg

David Coleman, (l-r), Ruth Butterfield, Sarah Phillips und Adam Bogud, alle sind britische Staatsbürger die in Brandenburg leben, stehen am Abend auf der Aussichtsplattform vom Biorama-Projekt.
David Coleman, (l-r), Ruth Butterfield, Sarah Phillips und Adam Bogud, alle sind britische Staatsbürger die in Brandenburg leben, stehen am Abend auf der Aussichtsplattform vom Biorama-Projekt. © Foto: Patrick Pleul/dpa
dpa / 19.12.2018, 09:44 Uhr
Joachimsthal (dpa) Sarah Phillips ist Britin. Und Brandenburgerin aus Überzeugung. Seit 2003 lebt sie mit ihrem Mann Richard Hurding im alten Wasserturm von Joachimsthal (Barnim). Eine Aussichtsplattform schmückt die Turmspitze, bei gutem Wetter ist sie auch für Besucher zugänglich. Das gastfreundliche Ehepaar ist nach eigenem Empfinden in der Mark angekommen. „Mein Platz ist hier, es war eine bewusste Entscheidung“, sagt die 55-Jährige.

Familie und Freunde aber leben in Großbritannien. Mit dem bevorstehenden Brexit rücken sie ein bisschen weiter weg. „Das Ganze ist eine Katastrophe - für Großbritannien und auch für die EU“, findet Phillips. Die Gäste an ihrem Küchentisch nicken. Auch sie stammen aus Großbritannien und leben inzwischen in Joachimsthal.

David Coleman war Pianist und Dirigent an der Berliner Staatsoper. Inzwischen arbeitet er als freischaffender Künstler und hat sich ein Haus in Joachimsthal gekauft, mit der „Bilderbuch-Kulisse“ der Schorfheide, wie er sagt. Wie Phillips hofft auch Coleman, dass es noch ein Zurück gibt - entweder durch ein neues Referendum oder durch einen Regierungsbeschluss. „Doch dafür bräuchten wir erst eine neue Regierung.“

Dass der Brexit Großbritannien wirtschaftliche Verluste bringen wird, ist bekannt. Schon jetzt sinkt der Wert des englischen Pfunds und der von Immobilien. „Es mutet an wie vor einem Krieg. Die Leute horten Lebensmittel, weil sie nicht wissen, was kommt“, hat Phillips gerade bei einem Besuch in der alten Heimat beobachtet. Die Briten hätten Angst vor der Verteuerung ihrer Lebenskosten und um ihre Jobs, ergänzt Coleman.

„Meine Familie ist total verwirrt und ich selbst frage mich, wohin ich gehöre“, sagt Lehrer Adam Bogus, der ebenfalls am Tisch sitzt. Er ist seit eineinhalb Jahren Joachimsthaler. Enttäuscht von Großbritannien und auch geschockt sei er.

„Das Referendum zum Brexit 2016 basiert auf der Eitelkeit der regierenden Politiker, die nur an ihrem Machterhalt interessiert waren“, urteilt Ruth Butterfield. Die Übersetzerin, die mit ihrem aus Thüringen stammenden Mann 2009 nach Joachimsthal zog, ist froh, in Deutschland zu leben. Die ganze Abstimmung sei nicht durchdacht gewesen. Und Künstler Coleman glaubt: „Für das britische Volk war das keine Wahl, sondern eine Spaltung.“

In Phillips’ Bekanntenkreis in der alten Heimat gebe es einige, die in ein EU-Land auswandern wollten, um weiter zur Europäischen Union zu gehören, erzählt sie. Es würden endlose Diskussionen zum Brexit - angeheizt von den britischen Medien - geführt. „Dabei gibt es wichtige Themen, die einfach unter den Tisch fallen“, sagt Coleman und meint vor allem die regionale Ungleichheit in seiner Heimat. „London ist das politische und wirtschaftliche Zentrum - danach kommt lange nichts. Allein in England leben 1,5 Millionen Kinder in Armut.“

Sollte der EU-Austritt seines Heimatlandes nicht zu verhindern sein, würde der zweisprachig aufgewachsene Musiker für ein Modell der Europäischen Freihandelszone plädieren, wie es Norwegen, Dänemark und Belgien mit der EU praktizieren. „Es geht nur mit Kompromissen, wenn man nicht gänzlich kaltgestellt werden will.“

Den Exil-Briten in Joachimsthal ist gemein, dass sie nicht zurück wollen nach Großbritannien - schon gar nicht nach dem Brexit. „Deutschland wird uns nicht rauswerfen“, geben sie sich optimistisch. Doch es bleibt vieles unklar. „Wenn ich eigentlich kein EU-Bürger mehr bin, darf ich dann innerhalb der Europäischen Union reisen, wie bisher oder brauche ich jedes Mal ein Visum?“, fragt Phillips. Sie sei oft zu Gast bei Veranstaltungen in der britischen Botschaft in Berlin. „Auch dort weiß keiner, was die Zukunft bringt.“

Coleman hat die Unterlagen zur Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft zuhause liegen, Lehrer Bogus hat gerade die Sprachprüfung dafür gemacht. Phillips scheut sich noch etwas, weil sie ihr schriftliches Deutsch nicht gut genug findet. Übersetzerin Butterfield hingegen hat bereits die doppelte Staatsbürgerschaft. „Sollte ich nach dem Brexit eine davon abgeben müssen, so wird es nicht die deutsche sein.“

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