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Die Stadt Stettin will 100 Paaren eine Kinderwunsch-Behandlung finanzieren / Kirche und Regierung sind strikte Gegner davon

Kinderlose Paare
Polnischer Glaubenskampf um die künstliche Befruchtung

Polnische Frauen fordern Selbstbestimmung: Auf dieser Demo in Kattowitz ging es um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und Hilfe für kinderlose Paare zugleich.
Polnische Frauen fordern Selbstbestimmung: Auf dieser Demo in Kattowitz ging es um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und Hilfe für kinderlose Paare zugleich. © Foto: dpa/Andrzej Grygiel
Dietrich Schröder / 19.12.2018, 11:00 Uhr
Stettin (MOZ) In Polen tobt seit Jahren ein ideologischer Kampf nicht nur um Schwangerschaftsabbrüche, sondern auch um die Unterstützung für kinderlose Paare. Ein Vorstoß, den die Großstadt Stettin jetzt macht, ist eine Kritik an der Regierung in Warschau.

Jurek und Maria sind beide bereits über 30. Und obwohl der Automechaniker und die Verkäuferin aus Stettin sich seit Jahren nichts sehnlicher als ein gemeinsames Baby wünschen, hat es bisher nicht geklappt.

Allein in der 400 000-Einwohner-Stadt nahe der deutschen Grenze befinden sich geschätzt 11 000 Paare in der gleichen Situation. In ganz Polen dürften es mehr als eine Million sein. Wenige Tage vor Weihnachten gibt es jetzt für einige neue Hoffnung. Denn am Dienstag haben die Stettiner Stadtverordneten beschlossen, dass die Kommune 100 kinderlosen Paaren die In-Vitro-Methode finanzieren wird. Bei dieser werden die Eizellen der Frau mit dem Samen des Mannes in einem Labor zusammengeführt.

Dabei könnte es gerade in Stettin kaum eine widersprüchlichere Situation in dieser Frage geben. Einerseits existiert hier das private „Kinderwunschzentrum Vitrolive“, in dem nicht nur gut betuchte Polen, sondern auch deutsche Paare die künstliche Befruchtung durchführen lassen. „Das liegt daran, dass wir eine gute Erfolgsquote haben und unser Service preiswerter ist als in Deutschland“, sagt eine Mitarbeiterin. Anderseits können sich Paare wie Jurek und Maria dies nicht leisten.

In Deutschland werden die Kosten, die etwa 3000 Euro je Eisprung-Zyklus der Frau betragen, zur Hälfte von Krankenkassen übernommen. Ein Problem besteht darin, dass oft erst nach drei oder mehr Versuchen die Verpflanzung der im Labor erzeugten Embryonen in die Gebärmutter gelingt.

In Stettin sind die Kosten zwar nur halb so hoch, doch dafür gibt es überhaupt keine Unterstützung von der Kasse. Der frühere Regierungschef Donald Tusk hatte 2013 deshalb ein Gesetz angeschoben, mit dessen Hilfe 15 000 bedürftigen polnischen Paaren die künstliche Befruchtung finanziert werden sollte.

Selbst dieser Kompromiss war erst nach jahrelanger Debatte erreicht worden. Denn Polens katholische Kirche bezeichnet die künstliche Befruchtung als „Versuchung des Teufels“ und droht Gläubigen mit der Exkommunizierung.

Bei der In-Vitro-Methode gibt es tatsächlich ein ethisches Problem. Für jeden Versuch werden der Frau zwei oder noch mehr Eizellen entnommen und im Rea­genzglas befruchtet. Doch nur einer der Embryonen wird später in die Gebärmutter verpflanzt. Die anderen werden eingefroren oder beseitigt.

„Man benötigt fünf bis neun Kinder, um ein Kind mit dieser Methode zur Welt zu bringen“, erklären die Kritiker. Zu den schärfsten unter ihnen gehört auch der Stettiner Erzbischof Andrzej Dziega. Für ihn stellen die nur aus wenigen Zellen bestehenden Embryonen bereits Kinder dar, die getötet werden.

„Mit ihrer scharfen Kritik stürzt uns die Kirche in einen Gewissenskonflikt“, sagen Jurek und Maria. Ist es wirklich eine Sünde, auf diesem Weg zum ersehnten Glück zu kommen? Als die national-konservative PIS-Partei vor drei Jahren an die Macht kam, wurde das In-Vitro-Programm gestoppt. Während der diesjährigen Kampagne zur Kommunalwahl erklärte der parteilose Stettiner Oberbürgermeister Piotr Krzystek jedoch, dass er sich im Falle seiner Wiederwahl für ein kommunales Angebot einsetzen wolle. Ein Pfarrer drohte ihm daraufhin im Internet: „Sie werden vor dem Jüngsten Gericht dafür zur Rechenschaft gezogen werden!“

Doch nachdem der 45-jährige Krzystek die Wahl gewann, kam es jetzt zum Schwur: Die Mehrheit der Stadtverordneten beschloss umgerechnet 200 000 Euro für das Programm. „Das Interesse ist groß, viele Menschen haben schon bei uns nachgefragt“, berichtet die Leiterin des Sozialamts, Beata Bugajska. Auch Jurek und Maria wollen sich bewerben.

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