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Der niederländische Geflügelproduzent Plukon produziert mit märkischen Landwirten Fleisch mit dem Siegel „FairMast“

FairMast
25 Kilo Huhn auf den Quadratmeter

Ina Matthes / 24.01.2019, 07:30 Uhr
Berlin (MOZ) Man kauft es, aber man mag es zunehmend weniger: Hähnchenfleisch aus Massentierhaltung steht öffentlich in der Kritik. Handel, Schlachtereien und Landwirte stellten auf der Grünen Woche in Berlin ein Konzept zwischen konventionell-billig und bio aber teuer vor: FairMast.

Ein paar Cent, mehr nicht, verdient der Landwirt Detlef Brauer an einem konventionellen Masthuhn. Der Chef eines Unternehmens aus dem Oderbruch setzt jetzt auf FairMast-Hühner. Davon soll der Bauer etwas haben und das Huhn. Die FairMast-Hähnchen und Hennen in der  Landwirtschaft Golzow Betriebs-GmbH leben länger – 56 Tage statt 38 Tage. Sie haben mehr Platz als die Artgenossen in den üblichen Massenställen: Bei Brauer kommen auf den Quadratmeter 25 Kilo Huhn und in der herkömmlichen konventionellen Mast bis zu 39 Kilo. Das sind rein rechnerisch bei einem Schlachtgewicht zwischen anderthalb und 2,5 Kilo mindestens zehn Hühner im Vergleich zu mindestens 16. Brauers Vögel hocken außerdem auf Sitzstangen und Strohballen und haben einen Kaltscharraum, einen überdachten Auslauf mit Tageslicht. Dafür kostet das Fleisch der FairMast-Hähnchen an der Ladentheke 30 bis 35 Prozent mehr als das der Hähnchen aus der Massentierhaltung.

Der holländische Geflügelhersteller Plukon hat das FairMast-Konzept vor über zehn Jahren in den Niederlanden entwickelt und will es jetzt zusammen mit Landwirten, Händlern und dem Deutschen Tierschutzbund in Deutschland etablieren. Die Betriebe werden nach Standards der Tierschützer von unabhängigen Zertifizierungsstellen bewertet und von diesen standardmäßig unangemeldet kontrolliert, heißt es beim Tierschutzbund. „Wir wollen versuchen, jetzt und sofort Verbesserungen für die Tiere in der konventionellen Haltung durchzusetzen“, erklärt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, das Engagement für FairMast.

Sechs Betriebe in Brandenburg sollen FairMast-Geflügel produzieren – in der Uckermark, im Kreis Oder-Spree, in Spree-Neiße, in Märkisch-Oderland. Zwei Standorte gehören zu Brauers Unternehmen: Ein Betrieb in Sachsendorf mit 71 000 Mastplätzen produziert seit drei Monaten. Ein zweiter in Golzow, mit rund 72 000 Plätzen, ist im Entstehen. Geschlachtet werden die Tiere bei Friki in Storkow, einer Tochtergesellschaft der Plukon-Gruppe.

Derzeit werden 15 000 bis 20 000 FairMast-Tiere pro Woche in Storkow (Oder-Spree) geschlachtet, sagt Bernhard Lammers, Geschäftsführer der Plukon Food Group Deutschland. Ziel sind 30 000 Tiere zum Jahresende. Zum Vergleich: Insgesamt verarbeitet Friki in Storkow täglich 125 000 Tiere.

In den Niederlanden hat das FairMast-Geflügel von Plukon einen Anteil von derzeit fünf bis sechs Prozent. In Deutschland wäre Lammers schon mit deutlich weniger zufrieden. Sind vier bis fünf Prozent drin? Eine Prognose mag er nicht geben. In den Niederlanden hat sich FairMast über einige Jahre entwickelt. Aber: „Wenn die Niederländer das kaufen, warum nicht auch die Deutschen“, meint Lammers.

Dafür müssen sie tiefer in die Tasche greifen. Die aus dem Saarland stammende Handelskette Globus, die unter anderem in Sachsen Filialen unterhält, verkauft Fleisch aus fairer Mast. Neun bis zehn Euro kostet ein Kilo Filet. Konventionelles Fleisch koste um die sechs Euro, hieß es in Berlin. Bio-Qualität liege bei etwa 20 Euro. Zehn Euro pro Kilo Filet sind eine kritische Schwelle beim Verkauf, sagt Horst Lang von der Globus Holding. Die Nachfrage nach Geflügel steige. Für Globus lohne es sich, Fleisch aus fairer Mast zu verkaufen. „Wir haben einen Riesenerfolg damit.“ FairMast-Geflügel aus heimischer Produktion ist inzwischen auch bei Edeka und bei Netto (Roter Netto) zu haben. Dort unter dem Namen Stallglück.

An der Ladentheke entscheidet sich, ob FairMast in Brandenburg Erfolg hat. Für Detlef Brauer ist dieses neue Wirtschaften zunächst ein Versuch. Fleisch werde zu billig verkauft in Deutschland, meint er. Es dürfe nicht „verramscht“ werden. 2,5 Millionen Euro hat sein Unternehmen investiert. Brauer hat bis vor drei Jahren Milchproduktion betrieben und nicht mehr benötigte Ställe umgebaut. Erfahrungen fehlen dem Landwirt noch mit der neuen Art der Hühnermast. Sie koste etwa 30 bis 40 Prozent mehr als die konventionelle, schätzt er.

Brauers Betrieb ist noch in der „Einstiegsstufe.“ Auch beim Tierschutz. Denn die FairMast-Betriebe arbeiten nach den Standards der Einstiegsstufe des Tierwohl-Labels des Deutschen Tierschutzbundes. Hier gibt es noch Luft nach oben und die heißt „Premiumstufe“.  Eine Option für die Zukunft. „Darüber wird diskutiert“, sagt Lammers. Allerdings sei damit noch einmal höherer Aufwand verbunden. Für Freigehege etwa müsse die Biosicherheit im Hinblick auf Vogelgrippe gewährleistet werden. „Ich sehen da Möglichkeiten für die Zukunft. Aber warten wir ab, wie sich FairMast jetzt etabliert.“

Um die Verbraucher zu überzeugen, dass sie für mehr Geld Fleisch aus einer besseren Haltung bekommen, wollen die Betriebe Transparenz schaffen. Im Oderbruch sollen Ställe so eingerichtet werden, dass Besucher sie anschauen können. Zum Beispiel Schulklassen. Brandenburgs Landwirtschaftsministerium will solche Aktivitäten unterstützen. Für sogenannte Demonstrationsbetriebe soll es 600 000 Euro zusätzliche Förderung geben.

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