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Sterbenskrank
„Glücksmobil“ soll letzte Wünsche erfüllen

Enrico Wendt, vom Verein Uckermark gegen Leukämie e.V., sitzt im Glücksmobil. Mit Hilfe von Sponsoren hat der Verein einen Krankentransporter mit notfallmedizinischer Ausstattung zur Verfügung, um Sterbenskranken letzte Wünsche zu erfüllen.
Enrico Wendt, vom Verein Uckermark gegen Leukämie e.V., sitzt im Glücksmobil. Mit Hilfe von Sponsoren hat der Verein einen Krankentransporter mit notfallmedizinischer Ausstattung zur Verfügung, um Sterbenskranken letzte Wünsche zu erfüllen. © Foto: Patrick Pleul/dpa
dpa / 12.02.2019, 06:52 Uhr - Aktualisiert 12.02.2019, 11:13
Schwedt (dpa) Noch einmal das Meer sehen, ein Konzert der Lieblingskünstler erleben oder von geliebten Menschen Abschied nehmen, die weit weg wohnen. Bevor sie sterben, haben unheilbar Kranke für die verbleibende Lebenszeit oft noch einen Herzenswunsch, den sie sich aus eigener Kraft nicht mehr erfüllen oder sich finanziell nicht leisten können. Axel Matzdorff, Chefarzt für Innere Medizin im Asklepios-Krankenhaus Schwedt (Uckermark) kennt das aus seinem Alltag mit Krebs-Patienten. „Oftmals habe ich ihnen zwar einen medizinischen Rat gegeben, konnte praktisch aber nicht weiterhelfen“, erzählt er.

Der Arzt ist froh, dass er auf das „Glücksmobil“ verweisen kann. Der ehrenamtlich tätige Verein „Uckermark gegen Leukämie“ hat durch die Hilfe von Sponsoren einen Krankentransporter mit notfallmedizinischer Ausstattung zur Verfügung, um Sterbenskranken letzte Herzenswünsche erfüllen zu können. Unter dem Motto „wunschlos loslassen“ wollen die Vereinsmitglieder individuelle Ausflüge und Besuche organisieren, um den Abschied vom Leben zu erleichtern. Finanziert werden soll dieses Angebot ausschließlich aus Spenden, für die der Verein noch Unterstützung sucht.

Die Idee ist nicht neu. Bereits seit 2014 hat der Arbeitersamariterbund (ASB) deutschlandweit seine Wünschewagen im Einsatz, seit September 2016 auch in Brandenburg. „Wir wollen dem Wünschewagen auch nicht wirklich Konkurrenz machen. Aber der Bedarf ist gerade in der Uckermark und in Barnim enorm hoch“, sagt die Vereinsvorsitzende Ines Baumgarten. Darin pflichtet ihr auch Mediziner Matzdorff pflichtet ihr bei.

Der Brandenburger ASB-Geschäftsführer Jürgen Haase kann diesen Eindruck hingegen nicht bestätigen. „In den zweieinhalb Jahren unseres Wünschewagens hatten wir nicht eine Anfrage aus der Uckermark. Die meisten Wünsche erfüllen wir in Frankfurt (Oder) sowie im Landkreis Märkisch-Oderland“. Insgesamt könne der ASB mit seinem speziellen Angebot deutlich mehr leisten, als er momentan zu tun habe, macht Haase deutlich.

Die Schwedter „Glücksmobil“-Organisatoren verstehen sich dennoch nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung im Flächenland Brandenburg, sagt Baumgarten. „Möglicherweise verschwinden bei Betroffenen Berührungsängste, weil wir hier vor Ort sind.“

Die Schwedterin, die auch als ehrenamtliche Sterbebegleiterin im Hospiz arbeitet, hatte den Verein nach der Leukämieerkrankung ihres Mannes vor zehn Jahren gegründet. Zunächst als Initiative, um potenzielle Spender für Erkrankte zu suchen, Krebskranke und deren Angehörige zu begleiten und zu betreuen. Inzwischen hat der 15 Mitglieder zählende Verein ein Netzwerk mit Ärzten, Selbsthilfegruppen, Spenderdateien, Hospizeinrichtungen und anderen Hilfsorganisationen aufgebaut. „Wir sind einfach da und versuchen zu helfen und zu beraten - bei sozialen und auch finanziellen Problemen, bei Behördenanträgen oder einfach nur als guter Zuhörer“, umschreibt sie die Vereinsaufgaben.

Bis das „Glücksmobil“ zu seiner ersten Mission starten kann, wird es laut Baumgarten aber noch etwas dauern. „Da ist jede Menge Organisation bereits im Vorfeld notwendig.“ Erfahrungen hat der Verein in dieser Beziehung bereits mit schwerkranken Kindern gemacht, deren Wünsche auch ohne „Glücksmobil“ erfüllt worden waren: Vereinsmitglieder besuchten mit kleinen Patienten das „Ozeaneum“ in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern) oder das Legoland in Bayern, organisierten Mitfahrgelegenheiten im Polizeiauto oder eine Ballonfahrt. Es könne aber dauern, bis sich auch erwachsene Betroffene trauen, glaubt Mediziner Matzdorff. „Gerade Tumorpatienten sehen in ihrem Leiden etwas, mit dem sie allein fertig werden müssen.“

Aktuell sind es vor allem Angehörige von Schwerkranken, die sich an den Verein wenden. „Wenn wir dann genauer nachfragen, möchte der Betroffene selbst gar keinen Wunsch erfüllt bekommen. Das bedeutet nicht, dass er wunschlos glücklich wäre, sondern dass ihm eine Unternehmung in seinem Krankheitsstadium einfach zu viel ist“, sagt Baumgarten. Sie glaubt, dass der bevorstehende Tod noch immer ein großes Tabuthema ist. „Vielen fehlt der Mut, Familienangehörigen davon zu erzählen. Sie zögern es raus, bis es zu spät ist.“

Der Patient müsse nämlich stabil genug sein, um die Reise mit dem „Glücksmobil“ zu machen, sind sich die Vereinsvorsitzende und der Mediziner einig. Ein Rettungssanitäter sei für den Ernstfall immer mit dabei. „Außerdem suchen wir noch Freiwillige als Begleiter, die wir natürlich vorher schulen“, sagt Baumgarten. Laut Matzdorff muss der Gedanke der Selbsthilfe in der Uckermark noch stärker gelebt werden: „Ärzte sind hier knapp und die Situation wird künftig nicht besser.“

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