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Der Potsdamer Polizeioberkommissar Steffen Meltzer hat einen Ratgeber zum Thema Gefahrenabwehr geschrieben

Expertentipp
„Weichen Sie einem Kampf aus!“

Polizeitrainer und Ratgeberautor: Steffen Meltzer gibt Tipps, wie man sich in Gefahrensituationen am besten verhält.
Polizeitrainer und Ratgeberautor: Steffen Meltzer gibt Tipps, wie man sich in Gefahrensituationen am besten verhält. © Foto: Johanna Bergmann
Harriet Stürmer / 21.02.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 21.02.2019, 07:43
Potsdam (MOZ) Jeder Mensch kann jederzeit Opfer einer Straftat werden. Im Alltag können wir mit verschiedenen Formen von Gewalt in Berührung kommen. Umso wichtiger sei es zu wissen, wie man sich in einer gefährlichen Situation am besten verhält, meint der Potsdamer Polizeioberkommissar Steffen Meltzer. Er hat den „Ratgeber Gefahrenabwehr“ geschrieben.

Viele werden sich noch an den Fall Tugce erinnern. An die Frau, die sich für andere einsetzte und dafür mit ihrem Leben bezahlte. An die Frau, deren Schicksal ganz Deutschland bewegte und die zum Symbol für Zivilcourage und Mut wurde: Es ist die Nacht des 15. November 2014, als die Studentin in Offenbach unterwegs ist. Auf dem Parkplatz einer McDonalds-Filiale kommt es zum Streit mit einer Gruppe Jungs. Tugce Albayrak will zwei jüngere Mädchen verteidigen, die zuvor auf der Toilette von den Jungen belästigt worden waren. Aus bösen Worten wird Gewalt. Der 18-jährige Serbe Sanel M. schlägt der 22-Jährigen ins Gesicht. Tugce stürzt mit dem Hinterkopf auf den Boden. Sie  erleidet eine Gehirnblutung, fällt ins Koma und wird für hirntot erklärt. Knapp zwei Wochen später werden die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt.

Nach ihrem Tod steigt die junge Frau mit türkischem Migrationshintergrund zu einer Art Heldin auf, die für ihren Mut sterben musste. Doch wäre die Tragödie womöglich vermeidbar gewesen? Der Potsdamer Polizeioberkommissar Steffen Meltzer sagt Ja. Seiner Ansicht nach hat Tugce die Situation falsch eingeschätzt, indem sie die emotional aufgeheizte Szenerie nicht verließ und sich stattdessen in die unmittelbare Reichweite des Schlägers bewegte. „Wann immer Sie können, weichen Sie einem Kampf aus!“, lautet denn auch eine von Meltzers Empfehlungen in seinem „Ratgeber Gefahrenabwehr“, der kürzlich in einer überarbeiteten Neuauflage erschienen ist.

Der Fall Tugce ist bei Weitem kein Einzelfall. Meltzer weiß: „Es gibt viele Beispiele von Zivilcourage, die auf tragische Weise enden: mit schweren Verletzungen oder sogar dem Tod.“ Der Zweck des Einschreitens könne jedoch nicht sein, sich unnötig selbst in Gefahr zu bringen. Wer Zeuge einer Straftat wird, solle am besten sofort die Polizei rufen oder aber andere Zeugen auffordern, gemeinsam aktiv zu werden. „Keinesfalls sollte man den Helden spielen“, warnt der Buchautor. Denn die wenigsten Normalbürger seien für solche Krisensituationen trainiert.

Der 56-Jährige hat jahrelange Erfahrung als Polizeitrainer. In zahlreichen Seminaren hat er mit Kollegen richtiges Verhalten in brenzligen Situationen geübt – etwa bei Amoklagen oder bei Einsätzen, bei denen es die Beamten mit häuslicher Gewalt zu tun haben. Zudem engagiert sich Meltzer für Aufklärungsarbeit in Sachen Kinderschutz. In seinem Ratgeber „So schützen Sie Ihr Kind“ gibt er Eltern Tipps, wie sie ihre Kinder mit einfachen Übungen für mögliche Gefahrensituationen sensibilisieren können.

Auch in seinem aktuellen Buch „Ratgeber Gefahrenabwehr“ wendet sich der Polizeioberkommissar ausdrücklich an „normale Menschen“ und zeigt, wie sich jedermann in gefährlichen Situationen schützen kann, indem er richtig reagiert. Wie verhalte ich mich bei einem Raubüberfall? Wie wehre ich mich gegen sexuelle Belästigung? Wie gehe ich mit Stalking um? Das sind nur einige der Fragen, auf die Meltzer Antworten gibt.

Grundsätzlich gelte: Wer in eine brenzlige Situation gerät – ob als Zeuge oder potenzielles Opfer –, sollte hellwach sein ohne in Panik zu verfallen. „Eine problemtische Schockstarre lässt sich minimieren beziehungsweise vermeiden, wenn man sich mit möglichen Krisensituationen gedanklich vorab befasst hat“, sagt Meltzer. Er nennt es die Entwicklung eines „gelassenen Gefahrenbewusstseins“, das weder etwas mit Ängsten noch Verfolgungswahn zu tun habe. „Wir besitzen alle Fähigkeiten, Gefahrensituationen erfolgreich zu meistern. Leider sind diese nicht selten im Laufe der Jahre verloren gegangen. Das Buch soll helfen, sie wieder zu aktivieren.“

Manchmal kann es durchaus helfen, forsch aufzutreten. Meltzer beschreibt in seinem Ratgeber folgende Begebenheit, die sich tatsächlich ereignet habe: Eine ältere Dame steht an einer Bushaltestelle. Ein Jugendlicher fängt an, die Seniorin zu beleidigen und zu bedrohen: „Na Oma, paar auf die Fresse haben oder was?!“ Die Rentnerin entgegnet: „Aber nur, wenn du das Echo verträgst!“ Der Junge: „Haha. Es gibt von mir gleich auf die Platte!“ – „Na dann komm her, Kerlchen, komm!“ Der verdutzte Jugendliche verzieht sich daraufhin. Doch was hat dazu geführt, dass der vorlaute Aggressor plötzlich klein bei gab? Die Sicht des Opfers: „Man muss dem Gegenüber immer fest in die Augen schauen; das allein bewirkt viel. Dann habe ich gezeigt, dass ich keine Angst habe; auch weil ich zurückgeschlagen hätte. Er hat gemerkt, er würde mit mir kein leichtes Spiel haben.“ Aus Meltzers Sicht hat die Seniorin alles richtig gemacht – und die Situation souverän gemeistert.

Anders sieht es allerdings aus, wenn die Situation eine weitaus gefährlichere ist. Wenn man zum Beispiel mit jemandem in Streit gerät und dadurch Opfer eines tätlichen  Angriffs werden könnte. „Versuchen Sie, nicht zu provozieren“, rät Meltzer in einem solchen Fall. „Weichen Sie räumlich aus, so gut das möglich ist. Starren Sie nicht in die Augen des Täters; zeigen Sie weder Überheblichkeit noch Unterwürfigkeit. Bleiben Sie unbedingt sachlich und ergreifen Sie die Initiative. Schauen Sie nach Zeugen!“

Kommt es doch zu einem tätlichen Angriff, sollte man sich durch Weglaufen wehren, rät der Experte, und versuchen, andere Menschen direkt anzusprechen. „Oder verteidigen Sie sich aktiv! Sie haben ein Notwehrrecht!“ Das Recht müsse nicht dem Unrecht weichen. Jedoch sei die Flucht mitunter die beste Lösung, um beispielsweise einen Überfall unbeschadet zu überstehen.

Besondere Vorsicht sei immer dann geboten, wenn es sich bei dem Täter um einen psychisch kranken Menschen handelt. „Das kann extrem gefährlich werden. Auch für Polizisten“, erklärt Meltzer. Der Umgang mit psychisch gestörten Tätern sei für Polizisten einer der schwierigsten Einsätze überhaupt. Meltzer erinnert vor diesem Hintergrund an den tragischen Tod zweier Kollegen in Oegeln (Oder-Spree), die dort Ende Februar 2017 überfahren und getötet worden waren, als sie sich dem flüchtigen Jan G. entgegenstellten, der zuvor seine Großmutter erstochen hatte. In Brandenburg würden Polizisten bislang noch unzureichend auf Einsätze dieser Art vorbereitet, kritisiert Meltzer.  Der Umgang mit psychisch gestörten Tätern müsse noch besser geschult werden.

Steffen Meltzer: Ratgeber Gefahrenabwehr, Ehrenverlag, 2018, ISBN 978-3-9819559-1-0. www.steffen-meltzer.de

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