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Unternehmen aus Reitwein beseitigt Sturmschäden im Wulkower Schlosspark / Drei Freunde haben die Firma vor Kurzem gegründet

Salami-Taktik
Die Baumpatrouille sägt für Sicherheit

Ina Matthes / 21.02.2019, 09:00 Uhr - Aktualisiert 21.02.2019, 19:14
Reitwein (MOZ) Sie brauchen Mut, Kraft, Wissen über Bäume, Ökonomie und Naturschutz. Die Baumpatrouille gehört zu den neugegründeten Firmen im Oderland.

Manche Bäume lassen sich nicht so fällen wie andere. Kettensäge am Stamm ansetzen. Schnitt. Knirschen. Kippen. Krachen. Die schiefe Robinie  im Wulkower Schlosspark (Märkisch-Oderland) fällt anders, scheibenweise.

Seit dem Sturm Xavier 2017 ist der Park von Wulkow bei Booßen gesperrt. Die Baumkletterer des Reitweiner Unternehmens Baumpatrouille beseitigen jetzt Sturmschäden und Totholz - damit der Park wieder öffentlich zugänglich wird.
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Baumkletterer in Wulkow

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Dort, wo mal ihre Krone war, klebt ein Mann  hoch oben am efeuumschlungenen Stumpf.  Der Experte setzt die Kettensäge an. Ein kurzes Kreischen. Und schon schlägt ein armlanges Stück Stamm auf dem Boden auf. Christian Rau fällt den Baum in Salami-Taktik von oben. Das ist schonender für die kleinen Bäume drumherum.

Die Robinie am Eingang zum Kräutergarten im Schlosspark stand schon lang bedrohlich schräg. „Die hatte einen Wurzelschaden“, sagt Rau. Und dazu kam dann noch Xavier. Der Sturm fegte im Herbst 2017 durch den Schlosspark, knickte und drückte Bäume, riss Äste ab.

Manche blieben in den Kronen hängen, fallbereit. Seit über einem  Jahr ist  der Schlosspark  für die Dorfbewohner gesperrt.  Jetzt sollen Rau und seine Männer  ihn wieder sicher und begehbar machen.

Wie sie das tun, sieht von unten betrachtet gefährlich aus, aber auch akrobatisch. Stephan Eckert nimmt ein Seil mit einem kleinen Gewicht am Ende, schwingt es fast lässig durch die Luft und zielt auf die Krone der großen Rotbuche. Das Seil legt sich um einen Ast, das Gewicht sinkt nach unten.

So ein Seil – mehr braucht Michal Macan nicht. Der 26-Jährige Pole klettert daran in die Höhe, wie andere Treppen steigen. Ein Fuß vor den anderen. Eine kleines Metallteil an den Füßen namens Steigklemme hilft ihm dabei. Es klemmt sich am Seil fest, wenn Macan den Fuß belastet und löst sich, wenn er ihn entlastet. Stephan Eckert schaut von unten zu. „Ich habe auch einen Kletterschein“, sagt er. „Aber ich bin lieber am Boden.“

Stephan Eckert, Christian Rau und Michal Macan sind die Baumpatrouille. So heißt die Firma mit Sitz in Reitwein, die die drei gerade gegründet haben.  Sie ist aus Raus Unternehmen Schnittpunkt Baum hervorgegangen, mit dem er sich im vergangenen Jahr für den Existenzgründer-Preis Oderland beworben hatte.

Rau und Eckert sind seit ihrer Jugend in Frankfurt (Oder) befreundet. Christian Rau und Michal Macan haben sich bei einem Kletterwettbewerb kennengelernt. Der 26-jährige ist zweifacher polnischer Meister im Baumklettern und war 19. bei der Weltmeisterschaft 2018 in Ohio.

Im Wulkower Park arbeiten bis zu elf Männer. Darunter sind Forstleute und Landschaftsgärtner. Es gibt aber auch einen Orgelbauer. Stephan Eckert hat Energielektroniker gelernt. Christian Rau hat erst in Heidelberg Ethnologie, Soziologie, Ur- und Frühgeschichte studiert, dann eine Lehre zum Landschaftsgärtner gemacht. Baumpflege und -schnitt lagen ihm besonders. Schließlich hat er sich über Kurse zum Baumkletterer qualifiziert. Seit neun Jahren betreibt er dieses Geschäft.

Im Wulkower Park arbeiten sie in Teams. „Es muss immer ein zweiter Mann dabei sein,“ sagt der Reitweiner Eckert. Jeder Baum-Mann hat seinen Boden-Mann, der ihn zum Beispiel mit Werkzeug versorgt und in kritischen Situationen schnell helfen kann. Kritisch wird es zum Beispiel, wenn ein Kletterer versehentlich sein Arbeitsseil beim Sägen durchtrennt. Das ist jenes kurze Seil, mit dem sich Christian Rau beim Arbeiten in der windschiefen Robinie am Stamm festgemacht hat. Ein weiteres Seil, das durch benachbarte Bäume gespannt ist, sichert ihn zusätzlich.

„Das ist ein gefährlicher Job“, sagt Rau. Riskant  können zum Beispiel nahe Stromleitungen sein, plötzliche Windböen, Regen, der die Rinde der Bäume rutschig macht. Christian Rau ist einmal gegen einen Stamm geprallt, Schlimmeres ist ihm glücklicherweise nicht passiert. Kletterer müssen konzentriert und körperlich fit sein, sie brauchen Ausdauer und Geduld.

Am Anfang ist es anstrengend, bis die Technik richtig sitzt. Nicht mit Armkraft zieht sich ein Kletterer nach oben, er schiebt sich mit den Beinen voran. Das Hantieren mit mehreren Seilen in den Baumkronen müsse erst gelernt werden, sagt Stephan Eckert. Am Anfang sehe alles verworren aus. Und ein Kletterer muss viel von Bäumen verstehen.

Die Robinie zum Beispiel stand schief, war aber nicht akut umsturzgefährdet. „Sonst wäre ich da nicht raufgeklettert“, sagt Christian Rau. Ein Kletterer muss auch etwas von den Spannungen im Holz und seinen Kräften wissen und wann es zurückschlägt.  Setzt er die Säge falsch an, kann ein Stamm plötzlich aufplatzen und das reißende Holz ihn treffen.

Wie das Team vorgeht, das ist nicht nur eine Frage der Sicherheit und der technischen Möglichkeiten, sondern ebenso des Geldes. Der Auftraggeber – das Amt Lebus – gibt vor, was im Park gemacht werden soll. Entscheidungen fallen auf der Basis unabhängiger Gutachten. Aber die Kletterer haben eine gewisse Mitsprache.

Stellt sich zum Beispiel heraus, dass ein Fäll-Kandidat doch nicht so marode ist, kann die Patrouille ihre Bedenken einbringen. Das Team zieht dabei auch den Wert einer 150-jährigen Eiche für die Umwelt in Betracht. Das Ökosystem des Parkes soll intakt bleiben ebenso wie der Baum, dessen Äste gekappt werden. Die Männer schauen nach Hohlräumen im Stamm. Deuten sie darauf hin, dass der Baum morsch ist? Oder sind es Höhlen, die von Tieren bewohnt sind und erhalten werden können? „Man muss einen Blick für den Naturschutz haben“, sagt Christian Rau.

Und lange Unterhosen mögen. Die gehören im Winter zur Ausrüstung, so wie der dicke Gürtel um die Hüfte mit Seilen, Karabinerhaken, Sägen, Knoten dran. Christian Rau schwört außerdem auf einen leichten Schal. „Aber das Wichtigste ist, in Bewegung zu bleiben.“

Bis Ende Februar sorgt die Baumpatrouille im Park für Sicherheit. Dann müssen alle zu fällenden Bäume beseitigt sein. Restarbeiten könnten sich darüber hinaus erstrecken.

Die Kitakinder schauen den Kletterern von der Dorfstraße aus gerne zu. Und warten doch darauf, dass die Patrouille abzieht. Sie wollen endlich wieder im Park spielen können.

https://www.baumpatrouille.de

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