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Holocaustüberlebende
Den Toten eine Stimme geben

Hat überlebt: Rahel R. Mann wurde nach der Deportation ihrer Mutter als Siebenjährige von der Hauswartsfrau im Keller eines Schöneberger Miethauses versteckt. Am Sonnabend liest die 81-jährige Berlinerin dort aus ihren Erinnerungen.
Hat überlebt: Rahel R. Mann wurde nach der Deportation ihrer Mutter als Siebenjährige von der Hauswartsfrau im Keller eines Schöneberger Miethauses versteckt. Am Sonnabend liest die 81-jährige Berlinerin dort aus ihren Erinnerungen. © Foto: Sven Darmer/Agentur Davids
Maria Neuendorff / 04.05.2019, 14:59 Uhr
Berlin (NBR) Wenn Rahel R. Mann am Sonnabend in den Keller der Starnberger Straße 2 hinabsteigt, in dem sie als Siebenjährige ganz alleine hausen musste, wird sie sich nicht gruseln.

"Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich habe mich dort unten behütet gefühlt", sagt die 82-Jährige. Denn noch viel schrecklicher als die Einsamkeit im Kellerverschlag habe sie als Kind den Bombenhagel empfunden. Nachts holt ein junger Helfer das Mädchen in den letzten Kriegsjahren 1945 an die Luft. Die gemeinsamen "Spaziergänge" führen durch Trümmer, in denen Menschen  verbluteten. "Ich war immer froh, wenn ich wieder unten in der Stille war", sagt Rahel R. Mann heute.

Bewohner recherchieren selbst

Das Mietshaus im Bayerischen Viertel, in dem Mann fünf Monate lang ganz alleine im Keller versteckt wurde, blieb als einziges in der kleinen Straße stehen. An der Gründerzeitfassade ist eine Tafel für Frieda Anna Vater angebracht. Die Hauswartsfrau rettete das Mädchen vor den Nazis, obwohl ihr Mann NSDAP-Mitglied und Blockwart war. Wie Rahel R. Mann die Tage und Nächte im dunklen Keller überstand, und sich allein mit Hilfe eines Kinderbuchs und einem Zettel voll Buchstaben das Lesen beibrachte, erzählt sie am Sonnabend um 15 Uhr vor Ort.

Ihre Lesung ist Teil der Reihe "Denkmal am Ort", bei der an diesem Wochenende Nachfahren von NS-Verfolgten an authentischen Orten an die Schicksale ihrer Familien erinnern. Dazu sind Enkel und Urenkel aus Australien, Argentinien, England, Schweden, den USA und den Niederlanden angereist. Eingeladen wurden sie von heutigen Bewohnern, die oft selbst die Biografien der früheren Nachbarn recherchierten und ihre Wohnung für Lesungen und Ausstellungen öffnen.

"Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich eventuell Wunden aufreiße", gesteht Wolf-Rüdiger Baumann, der im Hochparterre der Mommsenstraße 6 lebt. Gemeinsam mit seiner Frau besuchte er vor drei Jahren eine "Denkmal am Ort"-Veranstaltung und war zutiefst berührt. "Wir fragten uns, ob es in unserem Haus ähnliche Fälle gab", erklärt der Berliner. Also fing er an zu recherchieren und schaltete in einer weltweiten Migranten-Zeitung Suchinserate. Innerhalb von wenigen Tagen gab es Antworten aus Lima, New York und den Niederlanden. Aus Australien sind die Geschwister Naomi und Paul Fliegel angereist, die am Sonnabend von 14 bis 17 Uhr in Baumanns Wohnung an ihre 1939 geflohenen Großeltern sowie ihren Vater erinnern, aber auch an die anderen Verwandten, die es nicht rechtzeitig geschafft haben. Naomi Fliegel hat dazu ein kleines schwarzes Tagebuch mitgebracht, in dem ihr 17-jähriger Vater – ein guter Schwimmer – unter anderem beschreibt, wie sehr er darunter litt, als Jude mehr und mehr vom Sport ausgeschlossen zu werden.

Auch Rahel R. Mann hat zwischen ihrem 14. und 20. Lebensjahr versucht, mit rund 30 Tagebüchern ihre unglaubliche Geschichte zu verarbeiten. Schon ihre Geburt war dramatisch. Obwohl sie ein Frühchen ist, werden Mutter und Kind 1937 gleich nach der Entbindung aus dem Krankenhaus Neukölln geschmissen. "Ich war ganz dünn und eigentlich nicht lebensfähig", weiß sie von späteren Erzählungen einer Freundin der Mutter. Ein jüdischer Arzt nimmt Rahel in der Kinderklinik Königs Wusterhausen auf, wo sie ein halbes Jahr von einer fürsorglichen Hebamme aufgepäppelt wird. Die Mutter selbst, die sich als Jüdin auch nur immer von Versteck zu Schwarzjob durchschlägt, habe sie nie gewollt, sagt Rahel R. Mann heute.

Dass sie in den ersten drei Lebensjahren in Pflegefamilien aufwuchs, sollte sie erst mit über 70 Jahren erfahren. Die Mutter, die 1941 in das KZ Sachsenhausen deportiert wird und nach Kriegsende seelisch und körperlich schwerkrank zurückkehrt, wird lebenslang schweigen.

So denkt die kleine Rahel lange, dass sie nicht gewollt ist und verborgen wird, weil sie ein uneheliches Kind von einem unbekannten Vater ist. Dennoch gibt es immer wieder Helfer. Auch bei einem Pastor der nahen Apostel-Paulus-Kirche kommt sie unter, bis dieser aufgrund seines offenkundigen Widerwillens gegen das Naziregime verhaftet wird.

Einmal wird sie fast deportiert

Doch Ende 1944 findet sich niemand mehr, der das Kind aufnehmen kann. Die meisten jüdischen Familien wurden deportiert. Einmal ist Rahel gerade bei einer jüdischen Familie in der Starnberger Straße 2, als diese von der Gestapo abgeholt wird. Auf der Liste stehen vier Kinder. "Das ist meine", sagt die Hauswartsfrau und zieht Rahel einfach mit sich. Vom Fenster einer Nachbarin aus muss das Mädchen mit ansehen, wie die Gestapo das kleinste Kind mit tödlicher Gewalt an die Wagentür schmettert, als die Mutter sich weigert, einzusteigen. "Im Haus gegenüber standen die Menschen hinter den Gardinen und blieben stumm."

Dass sie selbst nie die Wärme einer liebevollen Familie hatte, aus der sie die Nazis hätten herausreißen können, habe ihr vielleicht geholfen, die Zeit seelisch zu überstehen, glaubt sie. Trotz ihrer traumatischen Kindheit ging Rahel R. Mann ihren Weg. Sie wurde Ärztin, schrieb Bücher und Gedichte über ihre Erlebnisse und behandelte als Psychotherapeutin nicht nur Opfer des Holocaust, sondern auch Täter.

Veranstaltungen am Wochenende

Denkmal am Ort erinnert seit 2015 immer Anfang Mai an Menschen, die in der NS-Zeit ausgegrenzt, verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Dabei öffnen Berliner ihre Haus- und Wohnungstüren für Führungen, Gespräche, Lesungen, Installationen und Musik. Am 4. und  5. Mai gibt es insgesamt 26 Veranstaltungen. Zudem wird im Max Liebermann Haus neben dem Brandenburger Tor noch bis zum 28. Juli die Geschichte des gleichnamigen jüdischen Malers und seiner Familie in einer neuen Ausstellung erzählt. Der Eintritt ist frei. Alle Termine unter www.denkmalamort.de

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