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Insektensterben: "Die größte Agrarlüge seit BSE"

Bauernbund-Chef Reinhard Jung sieht die Landwirte zu Unrecht mit dem Insektensterben in Zusammenhang gebracht.
Bauernbund-Chef Reinhard Jung sieht die Landwirte zu Unrecht mit dem Insektensterben in Zusammenhang gebracht. © Foto: Simone Ahrend
Hanno Taufenbach / 27.07.2019, 09:30 Uhr - Aktualisiert 29.07.2019, 14:22
Wittenberge (Der Prignitzer) Der Bauernbund unterstützt keine der zwei laufenden Volksinitiativen gegen das Insektensterben in Brandenburg. Er beruft sich auf Fakten, die belegen sollen, dass die Landwirtschaft keine Schuld an einem möglichen Insektensterben hat. Geschäftsführer Reinhard Jung erzählt, warum.

Guten Morgen Herr Jung. Haben Sie heute schon geflucht oder gab‘s mal keinen  Grund für Kritik von Seiten des Bauernbundes?

Meine Eltern haben mir beigebracht, nicht zu fluchen, und die wohnen hier mit auf dem Hof, deshalb muss ich vorsichtig sein. Schimpfen ist erlaubt.

Worüber schimpfen Sie?

Klimawandel, Feinstaubbelastung, Grundwasserverunreinigung, millionenfaches Tierleid und jetzt noch das Insektensterben. An allem Übel dieser Welt sollen wir Bauern schuld sein.

Sie plädieren also auf nicht schuldig?

Landwirtschaft funktioniert im wesentlichen mit Sonnenenergie und Bodenfruchtbarkeit. Wir sind der einzige Teil der Wirtschaft, der in ökologischen Kreisläufen arbeitet. Es ist schon einigermaßen absurd, wenn Umweltpolitiker ausgerechnet uns zum Sündenbock abstempeln. Aber mit echtem Umweltschutz würden sie vermutlich zu viele Wähler verschrecken.

Womit sollte die Politik Wähler verschrecken?

Wie wäre es mit Kritik an dem maßlosen Luxus, in dem viele Menschen leben? Weite Reisen, dicke Autos, riesige Häuser, ständig neue Möbel, Klamotten, Handys. Es liegt doch auf der Hand, dass unser verschwenderischer Lebensstil verantwortlich ist, wenn die Natur leidet. Essen dagegen ist ein Grundbedürfnis – jeder Mensch hat ein Recht darauf, satt zu werden.

Das Insektensterben gibt es Ihrer Meinung nach nicht?

Es summt und brummt auf meinem Hof, die Insekten fliegen, die Vögel zwitschern. Wahrscheinlich gibt es woanders ein Insektensterben. Aber an der Entwicklung der brandenburgischen Landwirtschaft in den letzten 25 Jahren, wie der Naturschutzbund behauptet, kann es definitiv nicht liegen. Die Insektenlüge ist die größte Agrarlüge seit BSE.

Selbst im konservativen Bayern mit seinen vielen  Bauernhöfen und Almwiesen war das Volksbegehren "Rettet die Bienen" erfolgreich. Und Sie wollen die brandenburgischen Initiativen nicht einmal unterstützen. Wie begründen Sie das?

Die Volksinitiative ist Wahlkampf für die Grünen. Gegen Gentechnik und Braunkohle haben wir mit den Grünen zusammengearbeitet. Beim Insektensterben liegen sie falsch. Der Bauernbund hat als einziger Fakten vorgelegt.

Wir hören Ihnen zu.

Die Kulturen, die mit Insektiziden behandelt werden – Raps, Kartoffeln, Obst und Gemüse – haben seit 1993 nur minimal zugenommen, von 4,6 auf 4,7 Prozent der Landesfläche. Die Mittel sind bienenfreundlicher geworden. Das artenreiche Dauergrünland wurde von von 9,1 auf 10,1 Prozent der Landesfläche ausgedehnt und wird heute extensiver bewirtschaftet. Der ökologische Landbau wuchs von 2,4 auf 4,6 Prozent und der Naturschutz gar von 2,0 auf 7,9 Prozent. Alles Zahlen vom Amt für Statistik Berlin Brandenburg. Auch wurden keine Hecken und Baumreihen gerodet, sondern im Gegenteil neue gepflanzt.

Das sieht der Naturschutzbund anders.

Der Nabu kann viel erzählen. Die vom ihm beklagte ausgeräumte Landschaft entstand in den 1970er und 1980er Jahren, kann also nicht für einen Rückgang der Insekten in den vergangenen 25 Jahren verantwortlich sein.

Was spricht gegen Forderungen wie das Anlegen von Blühstreifen oder Hecken?

Nichts, wenn es finanziell gefördert wird und auf freiwilliger Basis erfolgt.

Die Erfahrung zeigt, dass Freiwilligkeit bei Themen wie Natur- oder Verbraucherschutz oft keine konkreten Ergebnisse bringt. Wenn schon gefördert, dann zumindest verpflichtend.

Nein, genau da liegt der Unterschied. Förderung schafft Anreize, Pflicht ist Zwang. Wir wehren uns dagegen, wenn andere uns sagen, was wir auf unserem Eigentum zu tun haben. Wir Bauern haben die Hecken nicht gerodet, das geschah auch zwangsweise auf Beschluss irgendeines Parteitages. Wir sind gegen Zwang und sehen vor allem nicht ein, dass er sich gegen uns richtet. Verbieten Sie doch mal Flugreisen. Ich hätte kein Problem damit. Sie etwa?

Was wären  Ihre Vorschläge?

Natürlich können wir Bauern mehr für Insekten tun. Zusätzliche Hecken wären auch aus landwirtschaftlicher Sicht gut gegen Winderosion. Eine weitere Idee ist privater Naturschutz ...

Was verstehen Sie darunter?

Wer auf seinem Grundstück Bäume pflanzen möchte, sollte das ohne die Sorge tun können, dass ihm später jemand reinredet. Momentan ist die Rechtslage so, dass er eine Genehmigung braucht, wenn er die Bäume wieder fällen möchte. So bleiben viele Bäume ungepflanzt. Das wollen wir ändern. Außerdem verteidigen wir die Weidetierhaltung gegen den Wolf, auch eine Form von Insektenschutz.

Was haben Weidetiere mit Insekten zu tun?

Auf der Weide kommen mehr Pflanzen zum Blühen als wenn gemäht wird. Und schauen Sie mal, wo die meisten Insekten sind: um einen Kuhfladen!

Ist der Kuhfladen im Ernst Ihre Antwort auf den Insektenrückgang ?

Wenn es diesen Rückgang gibt, sollte man zuerst fragen: Was hat sich in den letzten 25 Jahren zulasten von Insekten geändert? Da fällt mir die Zersiedelung ein, am Berliner Rand, aber auch hier. Die zugebauten und zugepflasterten Grundstücke. Statt Obst- und Gemüsegärten englischer Rasen und Splittflächen. Und abends mit Beleuchtung. Hier müssen wir ansetzen.

Aber man kann doch einem globalen Trend wie das Artensterben nicht punktuell begegnen?

Doch, man muss Probleme immer dort lösen, wo sie auftreten. Deshalb sind wir auch dagegen, dass die Düngeverordnung pauschal verschärft wird, nur weil in einigen Gegenden zu viele Tiere gehalten werden. Wir können in der Prignitz nicht das Grundwasser vom Emsland retten. Genauso wenig macht es Sinn, durch Zwang gegen die brandenburgische Landwirtschaft Insekten zu schützen, die von der brandenburgischen Landwirtschaft nicht bedroht werden. Die Volksinitiativen sind Volksverdummung. Ich bleibe dabei: Würden wir alle bescheidener leben, wäre der Natur am besten geholfen.

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