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Dokumentation
Fehler der Treuhand wirken bis heute

Wanderausstellung:  Besucher bei der Eröffnung der Schau "Schicksal Treuhand - Treuhand-Schicksale", die am Dienstag im Kunsthaus in  Erfurt eröffnet wurde und bis Ende 2020 deutschlandweit gezeigt werden soll.
Wanderausstellung:  Besucher bei der Eröffnung der Schau "Schicksal Treuhand - Treuhand-Schicksale", die am Dienstag im Kunsthaus in  Erfurt eröffnet wurde und bis Ende 2020 deutschlandweit gezeigt werden soll. © Foto: Matthias Eckert/Rosa Luxemburg Stiftung
Nina Jeglinski / 21.08.2019, 06:00 Uhr - Aktualisiert 21.08.2019, 10:11
Potsdam (MOZ) Auch 30 Jahre nach der Wende stehen die Privatisierungs-Methoden der Treuhandanstalt in der Kritik.

Eine Wanderausstellung will nunmehr zeigen, "dass die marktwirtschaftliche "Schocktherapie" sich massiv bis in die Gegenwart auswirkt – wirtschaftlich-strukturell ebenso wie individuell-biografisch", wie es die Veranstalterin, die linke Rosa-Luxemburg-Stiftung, in ihrer Ankündigung schreibt.

Bei der Ausstellungseröffnung am Dienstag sagte der Ministerpräsident Thüringens, Bodo Ramelow (Linke): "Die Menschen konnten nicht erhobenen Hauptes in die Veränderungen gehen." Vor allem Fehler bei der schnellen Privatisierung und Schließung von DDR-Betrieben haben nach seiner Einschätzung bis heute negative Auswirkungen. Trotz der in vielen Teilen guten wirtschaftlichen Entwicklung Ostdeutschlands könnten die Menschen kaum Stolz auf das Geleistete entwickeln, sagte Ramelow. Besonders bitter für die Betroffenen sei zudem, dass die Treuhand auf individuelle Lebensleistungen, berufliche Qualifikationen und Kenntnisse aus 40 Jahren DDR ebenso wenig Rücksicht nahm, wie auf Emanzipationserfahrungen der Jahre 1989/90.

Bis Ende August werden im Kunsthaus in Erfurt 25 Biografien gezeigt, die symbolhaft die unzähligen Lebensgeschichten der DDR-Bürger aufzeigen, die in Betrieben  gearbeitet hatten, die der Privatisierungspolitik der damaligen Bundesregierung zum Opfer gefallen sind. Sie waren zur Wendezeit Kranführerin im Stahlwerk Riesa, Maurer im Chemiekombinat Buna, Fernsehelektronikerin in Oberschöneweide oder Entwicklungsingenieur im Halbleiterwerk Frankfurt (Oder). Einer von ihnen ist Helmut Fischer, der 1984 als "Held der Arbeit" ausgezeichnet wurde und sich später in der Arbeitslosigkeit wiederfand. Oder Dieter Kahmann, Jahrgang 1957, Maschinenbauer. Er arbeitete als Schlosser auf der Neptunwerft in Rostock. Heute bezeichnet er sich als "Wanderarbeiter", weil er seit Anfang der 1990er Jahre seiner Arbeit kreuz und quer durch Deutschland hinterher reist. Die Ausstellung zeigt aber auch Schicksale von Menschen, die durch den Verlust des Arbeitsplatzes und des damit verbundenen sozialen Umfeldes, komplett den Halt verloren und jahrelang kein Wort darüber sprachen oder ihre gesamte Existenz einbüßten.

"Die strukturschwachen Regionen, die heute im Osten beklagt werden, sind das Ergebnis der Treuhand-Politik", sagt Dagmar Enkelmann, Vorstandsvorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dieser Zeitung. Damals seien eklatante Fehler gemacht worden, die sich nun zu wiederholen drohen. So gäbe es in der Debatte um die Zukunft der Braunkohlegebiete in der Lausitz "bis zum heutigen Tag kein konkretes Projekt oder eine konkrete Entscheidung, wie es dort weitergehen soll", kritisiert Enkelmann.

Die Ausstellung "zeigt die Treuhandproblematik zum ersten Mal rein aus der Perspektive der Ostdeutschen", sagt Kuratorin Katrin Rohnstock dieser Zeitung. Die Berliner Firma Rohnstock-Biografien beschäftigt sich seit Jahren mit der Veröffentlichung von DDR-Biografien.

Und nicht zufällig wurde Erfurt als Startpunkt für die Schau ausgewählt. Obwohl es in den 1990er- Jahren in vielen Regionen der Ex-DDR Widerstand gegen die Treuhand gab, steht der Streik gegen die Schließung des Kaliwerkes im thüringischen Bischofferode als das Symbol des Widerstands gegen die Treuhand. Von 1992 bis 1993 kämpften in Bischofferode Kaliwerker für den Erhalt ihres Betriebs – mit allen Mitteln. Um ihren Job zu retten, riskierten einige sogar mit einem Hungerstreik ihr Leben.

Für die DDR war das Werk ein profitabler Devisenbringer, denn Kali wurde auch in den Westen exportiert. Rund 2000 Mann fanden dort bis Ende der 1980er-Jahre Arbeit. Vor allem  die chemische Industrie und die Landwirtschaft hatten Bedarf an dem Rohstoff.

Eigentlich waren das gute Aussichten für die Zukunft in der Marktwirtschaft, dachten die Kalikumpel. Doch Ende 1992 kam die Nachricht, dass die Treuhand den Betrieb an die Kali und Salz AG in Kassel verkauft hat. Nicht nur die Thüringer waren schockiert darüber, dass ausgerechnet ihr konkurrenzfähiges Werk dichtgemacht werden sollte. Hatte der Konkurrent aus Hessen doch weitaus mehr Verluste als der VEB-Betrieb.

Region wurde deindustralisiert

Den Bergleuten wurde unter Zahlung von Abfindungen gekündigt. Die Thüringer Landesregierung hatte 700 Ersatzarbeitsplätze versprochenen, doch nur etwa 100 wurden im eigens erschlossenen örtlichen Gewerbegebiet geschaffen. Knapp zwei Dutzend Kali-Kumpel fanden dort eine neue Anstellung. Seit der Stilllegung der Grube hat Bischofferode 700 Einwohner verloren. Von 1994 bis 2012 finanzierte der Freistaat Thüringen die Demontage mit 181 Millionen Euro.

Die Aktionen der Kalikumpel sorgten damals für bundesweites Aufsehen, Parolen wie "Bischofferode ist überall" verdeutlichten das Vorgehen der Treuhandanstalt, die Industrie beseitigte und somit ganze Regionen deindustrialisierte.

Ausstellungsstationen

Nach Erfurt ist die Ausstellung bis Ende 2020 in Ost- und West-Deutschland unterwegs, die nächsten Stationen sind:

Dresden (3.9. – 25.9.2019), Wir-AG Dresden, Martin-Luther-Straße 21.

Crimmitschau (30.9. - 28.10.2019), Sächsisches Industriemuseum/Tuchfabrik, Leipziger Straße 125.

Lauchhammer (4.11. - 23.11.2019), Friedensgedächtniskirche Lauchhammer, Kirchstraße 1.

Parallel zur Ausstellung erscheint ein Begleitbuch mit den Geschichten der Zeitzeugen, das in der Ausstellung kostenfrei erhältlich ist und auch online unter www.rosalux.de/treuhand-schicksale abrufbar ist.⇥nj

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