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Gotteshaus
Oberbürgermeister will Dauerstreit um Garnisonkirche lösen

Ziegelsteine sind vor der nachgebildeten Fassade der früheren Garnisonkirche zu sehen.
Ziegelsteine sind vor der nachgebildeten Fassade der früheren Garnisonkirche zu sehen. © Foto: Ralf Hirschberger/dpa
Ulrich Thiessen / 16.09.2019, 06:00 Uhr
Potsdam (MOZ) Potsdams Oberbürgermeister schaltet sich mit einer Reihe von Vorschlägen in den Streit um das Gotteshaus ein.

Der rote Backsteinbau im Zentrum Potsdams wächst stetig nach oben. Nach jahrelanger Verzögerung erweckt die Baustelle der Garnisonkirche den Eindruck, als würde das zweite Leben des ehemaligen Kirchturms nicht mehr aufzuhalten sein.

Der Streit um den Wiederaufbau bricht deswegen nicht ab. Seit der vergangenen Woche ist eine neue Diskussion hinzugekommen. Angestoßen hat sie Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD). Der war nach seinem Amtsantritt 2018 zunächst auf Distanz zum umstrittensten Bau seiner Stadt gegangen und hatte den Sitz im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche ruhen lassen. Nun hat er ein Papier vorgelegt, wie die Stadt mit dem Bau künftig umgehen soll.

So will er wieder im Kuratorium mitarbeiten und auch die Stadtverordneten beteiligen. Beispielsweise soll die Stadt Einfluss auf die geplante Ausstellung zur Geschichte des Baus nehmen. Für das eigentliche Aufsehen sorgt jedoch die Idee, das Kirchenschiff als modernen Bau an den barocken Turm anzufügen. Darin könnte eine europäische Jugendbildungs- und Begegnungsstätte eingerichtet werden. Als Vorbild nennt Schubert eine ähnliche Einrichtung in Weimar.

Die Stiftung Garnisonkirche zeigte sich der neuen Idee gegenüber offen. Bislang gab es ohnehin nur die Spendensammlung für den Kirchturm. Der wird von Jahr zu Jahr teurer und war zuletzt auf 40 Millionen Euro veranschlagt worden. Trotz mehrerer Großspenden fließen 18 Millionen an Bundesgeldern in den knapp 90 Meter hohen Turm.

Stolpe wollte einen Konzertsaal

An den Wiederaufbau des historischen Kirchenschiffes war bislang nicht zu denken. Der ehemalige Ministerpräsident Manfred Stolpe hatte schon vor Jahren die Idee ins Spiel gebracht, dort einen Konzertsaal zu errichten. Nun bringt Oberbürgermeister Schubert mit seinem Ruf nach moderner Architektur neue Kritiker auf den Plan: den Verein "Mitteschön" beispielsweise. Der hatte für die Wiederherstellung der historischen Stadtlandschaft gekämpft und fürchtet nun eine Verschandelung des Kirchturms und dessen Umfeldes.

In unmittelbarer Nähe zur Baustelle des Turmes gibt es ein weiteres Streitobjekt: das Glockenspiel. Das hatte Schubert zu Beginn des Monats stilllegen lassen. Es war in den 1980er-Jahren in Iserlohn von einem "Tradionsverein Potsdamer Glockenspiel" nach dem alten Vorbild aus der Garnisonkirche gegossen worden und Anfang der 90er als Geschenk nach Potsdam gekommen.

Die Initiatoren aus Bundeswehrkreisen gelten heute als nationalkonservativ, was in diesem Sommer eine Reihe von Künstlern auf den Plan brachte, die den Abriss forderten. Schubert veranlasste mit der Stilllegung eine wissenschaftliche Untersuchung der 40 Glocken und anschließend Empfehlungen zum weiteren Umgang damit.

Bekannt ist bereits, dass in die Bronze Erinnerungen an Wehrmachtverbände eingegossen wurden und der lateinische Ausspruch für "Jedem das seine" auf einer Glocke zu lesen ist – jener Satz, den die Nazis über dem Eingangstor zum KZ Buchenwald anbringen ließen. Für die Unterbringung an historischer Stelle im Turm der Garnisonkirche war das Glockenspiel ohnehin nicht vorgesehen, da dessen Qualität nicht der des Originals entsprach.

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