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Wein von der Oder
Polens Toskana liegt nah bei Schwedt

Dietrich Schröder / 19.09.2019, 18:43 Uhr - Aktualisiert 20.09.2019, 10:01
Baniewice (MOZ) Zuerst fährt man über eine holprige Pflasterstraße, die von 200-jährigen Linden gesäumt ist. Dann kommt man an einem Gutshof aus deutscher Zeit vorbei, an dessen Giebelwand die Jahreszahl 1881 prangt. Schließlich  traut man seinen Augen kaum: Denn auf den Hügeln der Endmoränenlandschaft, die knapp 30 Kilometer östlich der Oder liegt, wachsen Tausende Rebstöcke in Reih und Glied.

"Willkommen in Polens Toskana", begrüßt uns Zbigniew Turnau mit einem Lachen. Dann präsentiert der 62-Jährige stolz die Reben der Sorten Rondo und Regent. "Die roten Sorten ernten wir erst Anfang Oktober. Für ihre Süße zählt jede Stunde Sonne", erläutert der Winzer.

Angefangen habe alles als  Hobby, berichtet der Pole. Seine Deutschkenntnisse stammen noch aus der Zeit, als er als Bauingenieur an der Errichtung von Penicillinfabriken in der DDR beteiligt war. Nach der Wende ergriffen er und ein befreundeter Ingenieur die Stadtflucht und erwarben hier in der Gegend 200 Hektar landwirtschaftlicher Flächen, die seinerzeit noch recht preiswert waren.

"Aus einem Spanienurlaub vor zehn Jahren kehrte mein Bekannter dann mit der Idee zurück: Lass uns doch ein bisschen Wein anbauen!" Daraus ist längst ein erfolgreiches Geschäft geworden. Der sandig-lehmige Boden und die Tatsache, dass es wegen der Klimaveränderung immer mehr Sonnenstunden gibt, halfen den Winzern. Andererseits wurden schon im 18. und 19. Jahrhundert in der Gegend südlich von Stettin Reben angebaut. Auch Theodor Fontane berichtete davon, dass in seinem Elternhaus "Stettiner" getrunken wurde.

Aber wer weiß, vielleicht hat der Weinanbau hier eine noch vier längere Tradition? Das Dörfchen Marienthal (heute Baniewice), in dem sich das Weingut befindet, gehörte einst zum "Bahner Land", das Pommernherzog Barnim I. im Jahr 1234 dem Templerorden geschenkt hatte. 1330 eroberte dann Brandenburg die Gegend, die nach dem schwedisch-brandenburgischen Krieg 1679 für ein halbes Jahrhundert sogar zu Schweden gehörte.

"Das eigentliche Geheimnis für unseren Weinanbau liegt jedoch dort unten", sagt Zbigniew Turnau und zeigt mit dem Finger auf einen größeren See in einer Senke. Dessen Wasser speichert im Sommer die Wärme der Sonnenstrahlen und gibt sie jetzt an die Umgebung ab.

Zum Erfolg des Weinguts trägt freilich auch bei, dass Zbigniews Bruder Gregorz Turnau einer der bekanntesten polnischen Liedermacher ist. Weine der heimischen Marke Turnau zu kredenzen, das gehört bei den Erfolgreichen und Schönen des Nachbarlandes inzwischen fast zum guten Ton. Ohnehin hat sich der Weinkonsum pro Kopf der Bevölkerung seit 2005 von zwei auf sechs Liter verdreifacht, während Wodka fast schon out ist.

Dabei sind die Turnau-Weine nicht gerade billig, die Preise pro Flasche beginnen bei zwölf bis 15 Euro. Weinkenner sind jedoch immer wieder überrascht über die gute Qualität, die so weit nördlich erzeugt wird. "Beim internationalen Wettbewerb in Wien 2016 hat unsere Marke Solaris bei den Weißweinen Platz vier belegt", sagt Zbigniews Sohn Jacek, der die Winzertradition seines Vaters fortsetzt.Natürlich gibt es vor Ort Verkostungen, für die man sich ab fünf Personen anmelden kann. Und mehrmals im Jahr finden kleine Konzerte statt. Die polnischen Weine kann man aber längst auch im Internet bestellen.

Info:www.winnicaturnau.pl/de

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