Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Nur Ordnungswidrigkeit?
Zwischen Schrottautos: Bestatter lagern Leichen in KfZ-Werkstatt

Andreas Wendt / 26.09.2019, 17:56 Uhr - Aktualisiert 28.09.2019, 11:08
Biegen (MOZ) In Brandenburg sind Leichen in einer alten Kfz-Werkstatt in Biegen (Oder-Spree) entdeckt worden. Sie sollen dort von mehreren Bestattungsunternehmen gelagert worden sein.

Wie die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) und Amtsdirektorin Marlen Rost bestätigten, seien die Behörden nach Hinweisen von Anwohnern eingeschritten und hätten die Nutzung der Werkstatt untersagt. "Die Leichen wurden abtransportiert und der Fall selbst an Landkreis und Staatsanwaltschaft übergeben", sagte Rost weiter. Von Seiten der Staatsanwaltschaft hieß es, dass in dem Fall kein Anfangsverdacht auf eine Straftat vorliege. Es komme eine Ordnungswidrigkeit in Betracht, die der Landkreis ahnden müsste. Ein Verfahren ist nun eingeleitet.

Die Angst bleibt

Ortsvorsteher Björn Haenecke konnte anfangs selbst nicht glauben, was sich in direkter Nachbarschaft zur Kirche und wenige Meter von den Wohnhäusern entfernt ereignet hat. Als das Gesundheitsamt und Amt Odervorland am vergangenen Mittwoch eine Ortsbegehung machen, sind hinter den Rolltoren des Gebäudes Kühlzellen und Särge mit Leichen aufgetaucht.

Über die sofortige Schließung der Werkstatt und den Abtransport durch Bestattungsunternehmen aus der Umgebung waren die Biegener erst einmal froh. Geblieben ist ihre Verunsicherung darüber, wer in den vergangenen Wochen in der Halle zugange war und was sich dort möglicherweise noch alles abgespielt hat.

Ominöse Fremde lassen die Nachbarn aufhorchen

Schon vor Monaten konnten Nachbarn Fremde beobachten, die spät nachts noch mit Berliner Kennzeichen angefahren kamen, die Tore der Werkhalle öffneten, Ware anlieferten und offensichtlich im Gebäude zu tun hatten. Doch erst als sich Anfang vergangener Woche auch noch der Fahrer eines Bestattungsunternehmens bei ihnen nach einer Leiche erkundigte, die in ihrer Straße abzuholen wäre, wurden die Biegener richtig hellhörig und forderten vom Amt eine Überprüfung der Vorgänge.

This browser does not support the video element.

Video

Leichen in Kfz-Halle gelagert

Videothek öffnen

Landkreis leitet Verfahren gegen Bestatter ein 

Gegen den Bestatter wird ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Das teilte der Landkreis Oder-Spree am Freitag mit. Die Aufbewahrung von Leichen in der Halle wurde untersagt.

MDB35805032_aa4e34001b.IRSWPPROD_SF47N

Bestatter-Innung spricht von einem "Unding"

Die Bestattungsinnung Berlin-Brandenburg sprach von einem „Unding“. „Wir haben von so einen Fall überhaupt noch nicht gehört“, sagte Rüdiger Kußerow, Bestatter und Obermeister der Innung. „Das Ganze ist unwürdig“. Der Verstorbene müsse vom Sterbeort in eine amtlich anerkannte Kühlhalle überführt werden oder zum Friedhof oder ins Krematorium. „Alles andere ist nicht statthaft“, so Kußerow.

Unbenannt

Eine Lagerung auf diese Art und Weise sei zudem nicht ungefährlich, erklärte der Bestatter. Es gebe auch Leichen, die infiziert sein könnten. Bestatter, die keine eigenen Kühlräume haben, hätten Gelegenheit, sich in Krankenhäuser einzumieten. Diese stellten speziellen Platz für die Aufbewahrung der Leichen zur Verfügung.  (dpa)

This browser does not support the video element.

Video

Leichenhalle in alter Kfz-Werkstatt

Videothek öffnen

Wie muss in Brandenburg mit Verstorbenen umgegangen werden?

In Biegen sind Tote in einer Kfz-Werkstatt aufbewahrt worden, in Wandlitz war es ein ausgedienter Supermarkt. Wir haben mit Fabian Lenzen, Sprecher der Bestatterinnung von Berlin und Brandenburg, gesprochen.

Lenzen_1

Herr Lenzen, wer darf in Brandenburg überhaupt Verstorbene aufbewahren und wo?
Nach brandenburgischem Bestattungsgesetz müssen Verstorbene innerhalb von 24 Stunden nach dem Eintreten des Todes in eine Leichenhalle überführt werden. Die zuständige Aufsichtsbehörde für die Leichenhallen selbst ist in der Regel das Gesundheitsamt.

Sie sprechen von Leichenhallen. Wie ist die definiert? Reicht es, wenn ich einen gekühlten Raum vorweisen kann?
Grundsätzlich muss so ein Raum gut zu reinigen und zu desinfizieren und natürlich auch gekühlt sein. Er muss auch von außen gegen Blicke geschützt sein, so dass man nicht hineinschauen kann.

Jetzt haben wir den aktuellen Fall in Biegen, wir hatten vor einigen Jahren einen Bestatter, der die Leichen im Kühlraum eines früheren Supermarkts in Wandlitz aufbewahrt hat. Von welchem Punkt an wird das Geschäft mit dem Tod pietätlos?
Man müsste sich genau anschauen, wie die Räumlichkeiten sind. Wenn der Supermarkt nicht mehr da ist und dort jetzt ein Bestattungshaus drin wäre und der Kühlraum den Anforderungen entspricht und danach nicht mehr als Kühlraum für Lebensmittel genutzt wird, dann ist das grundsätzlich denkbar, dass man so einen Kühlraum umnutzen kann – wenn man alle Anforderungen erfüllt. Wenn das Objekt natürlich noch wie ein geschlossener Supermarkt aussieht und irgendwo hinten in der Ecke ein Kühlraum ist, der genutzt wird, dann ist das sicher nicht adäquat als Möglichkeit, dort Verstorbene aufzubewahren.

Hier geht es zum vollständigen Interview

In Brandenburg sind Leichen in einer alten Kfz-Werkstatt in Biegen (Oder-Spree) entdeckt worden. Sie sollen dort von mehreren Bestattungsunternehmen gelagert worden sein.
Bilderstrecke

Bestatter-Skandal: Leichen zwischen Schrottautos gelagert

Bilderstrecke öffnen

Zum Hintergrund: Leichen an vielen Orten Brandenburgs?

Biegens Ortsvorsteher Björn Haenecke zufolge standen in der Werkstatt, die jetzt einem Ukrainer gehören soll, mehrere Särge und Kühlzellen. Demnach sollen darin acht Tote aufbewahrt worden sein. Es sei ein Unding, zwischen Dreck und Schrottautos Verstorbene zwischenzulagern, sagte ein Nachbar. Ihm waren mehrere Fahrzeuge an der alten Werkstatt aufgefallen. Die Bestattungswagen trugen nach seinen Angaben polizeiliche Kennzeichen aus Eisenhüttenstadt und Königs Wusterhausen.

Nach Aussagen von Ortsvorsteher Haenecke soll einer der Fahrer gegenüber dem Gesundheitsamt gesagt haben: "Wenn Sie wüssten, in wie viel Garagen in Brandenburg Leichen lagern – Sie würden sich umgucken."

Anwohnerin zeigt sich erschüttert

Von der Entdeckung sind auch die Anwohner erschüttert. „Die Leichen haben zwischen Autoersatzreifen und Motorteilen gelegen! Meine Oma hätte ich nicht gerne dort gesehen!“, so eine Nachbarin. Anwohner sollen die Kfz-Werkstatt schon länger beobachtet haben. Einige hätten bereits eine Unterschriftensammlung gestartet, um die Vorfälle um die Halle aufzuklären, doch das Amt habe erst vergangene Woche reagiert.

So reagiert die Netzgemeinde: "Wer meint, eine Leiche wird besser als ein Paket behandelt, irrt"

Auch die MOZ-Leser zeigen sich erschüttert über die Lagerung der Leichen. "Das wird ja immer verrückter", so Dori Melchert auf Facebook. Dass nur ein Kühlhaus angebracht sei, findet Gabriele Zeibe. Auch die überregionalen Medien berichten jetzt über den Fall.  Michael Weiß, ein "Spiegel Online"-Leser, berichtet: "Ein Bekannter hat mal zeitweise im Ausland gestorben Personen abgeholt und nach Hause zum Bestatter überführt. Wer meint, eine Leiche wird besser als ein Paket behandelt, irrt." 

Elisabeth Zeitler hingegen hält die Praxis für vertretbar: "Ich hab das Gefühl das wird jetzt so künstlich aufgebauscht ... Irgendwo muss man Verstorbene ja unterbringen und in jedem Geschäft war mal ein anderes Geschäft irgendwann mal drin. Solange eine Genehmigung seitens des Bauamtes zur Aufbewahrung von Verstorbenen vorliegt ist doch alles in Ordnung."

Andere Facebook-User sprechen ihr Mitleid aus und sind entrüstet über einige Kommentatoren, denen die Aufbewahrung der Leichen egal ist: "Ich bin über die Kommentare recht geschockt. Hat niemand mehr Respekt vor dem Tod? Diese Verstorbenen haben auch Angehörige, die sicherlich sehr betroffen sind über solche Handlungen. Mein Beileid den Angehörigen, sowas Würdeloses wünsche ich niemandem", so Meral Ay.

Mehrere Fälle bekannt

Schon vor vier Jahren waren mehrere Särge mit Leichen in einem ehemaligen Supermarkt nördlich von Berlin entdeckt worden. Der Bestatter hatte die Toten in einem Kühlraum untergebracht.

Ende 2012 waren bei einem der spektakulärsten Autodiebstähle in Brandenburg und Polen in Hoppegarten bei Berlin drei Mercedes-Transporter vom Gelände einer Bestattungsfirma gestohlen worden. In einem der Fahrzeuge lagen zwölf Särge mit Leichen, die die Diebe später in einem Waldstück östlich von Posen entsorgten.

Lesen Sie ebenfalls

Behörde findet Verstorbene in Kühlanlage eines ehemaligen Discounters in Klosterfelde
Was die Amtsärztin 2015 in dem ehemaligen Einkaufsmarkt mitten im Ort vorfand, schockierte sie. In dem leerstehenden Gebäude befanden sich fünf Leichen in Särgen.

Leichenräuber müssen in Haft: Ein Urteil und viele offene Fragen
Im polnischen Posen wurden 2013 drei der Beteiligten an dem spektakulären Autodiebstahl mit zwölf Leichen in Hoppegarten verurteilt.

leichenhalle

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG