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Agrarpolitik
"Der Verband hat gepennt" - Brandenburger Bauern protestieren erneut

Matthias Hausding / 17.11.2019, 19:13 Uhr - Aktualisiert 17.11.2019, 20:36
Frankfurt (Oder) (MOZ) Viele Bauern fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und von den Bürgern missverstanden. In Kürze wollen sie erneut mit einer Sternfahrt nach Berlin auf ihre Lage aufmerksam machen. Johanna Mandelkow, 23-jährige Landwirtin aus der Uckermark, organisiert die Proteste. Mathias Hausding sprach mit ihr.

Frau Mandelkow, in Berlin wird jeden Tag für oder gegen etwas demonstriert. Warum glauben Sie, dass die Landwirte mit ihren Protesten durchdringen?

Weil es das jahrelang nicht gab. Die Bauern haben sehr lange still gehalten. Jetzt schauen viele Menschen auf und denken sich, da muss doch mächtig was im Gange sein, wenn die Landwirte auf die Straße gehen.

Für die erste Sternfahrt im Oktober gab es viel positives Feedback. Aber bringen Sie hochgereckte Daumen weiter?

Es ist schön zu sehen, dass nicht die gesamte Bevölkerung gegen uns ist. Wir hatten in der Folge auch schon Gespräche, zum Beispiel mit der Bundesministerin für Landwirtschaft Julia Klöckner von der CDU.

Die Bauernproteste kommen von der Basis, an den Verbänden vorbei. Warum?

Die Verbände haben es verpasst, alle mitzunehmen. In einigen Bundesländern sind die Landwirte der Meinung, dass der Bauernverband gepennt hat und von der Politik inzwischen nicht mehr gehört wird.

Zur Sternfahrt am 26. November werden fünfmal mehr Teilnehmer als im Oktober erwartet, diesmal aus dem gesamten Bundesgebiet. Wie sorgt man dafür, dass der Protest nicht zehn Minuten später wieder vergessen ist, sondern länger wirkt?

Diese Frage stellen wir uns auch. Wir setzen künftig auch auf Infostände zum Beispiel vor Supermärkten, um die Verbraucher aufzuklären. In den vergangenen Jahren haben wir es verpasst, den Leute zu erklären, wie sich die Landwirtschaft über die Zeit entwickelt hat. Das müssen wir jetzt nachholen.

Es gibt Ställe mit 50 000 Tieren und gigantisch große Mais-Felder. Das finden viele Leute nicht gut. Was antworten Sie ihnen?

Das einzelne Tier merkt nicht, wie groß der Stall ist. Und in modernen, größeren Ställen geht es ihnen meist deutlich besser als in alten Anlagen etwa aus DDR-Zeiten. Maisfelder und die damit verbundenen Biogasanlagen wurden von der Politik jahrelang gefördert. Es gab sogar Zuschüsse für Anlagen ohne jede Fläche oder ohne Tiere. Da Landwirte auch Unternehmer sind, liefern sie nun Mais für diese Anlagen, auch weil der Mais einfach im Umgang ist. Außerdem wurden viele Wirkstoffe verboten, dadurch sind andere Kulturen als der Mais noch unlukrativer geworden.

Agrarbetriebe wurden zuletzt nach dem Motto "Wachsen oder Weichen" immer größer. Muss hier nicht die Branche umdenken?

Das ist sicherlich nötig, aber genauso müssen Politik und Verbraucher umdenken, weil das Ganze bezahlt werden muss. Große Betriebe haben zum Beispiel bessere Technik und können so günstiger produzieren.

Was ärgert Sie am Agrarpaket der Bundesregierung?

Kurz und knapp: Wir bekommen immer strengere Auflagen, die teilweise berechtigt sein mögen, aber gleichzeitig werden mehr Importe zum Beispiel aus Südamerika zugelassen, wo beim Anbau längst nicht so strenge Vorschriften herrschen.

Wie würden sich die geplanten strengeren Auflagen auf Ihren Betrieb auswirken?

Unser Familienbetrieb, den es in der vierten Generation gibt, macht Ackerbau und Schweinemast. Mit den Auflagen wird alles, was wir produzieren, teurer. Wir können dann mit Importen aus anderen Ländern nicht mithalten, werden unsere Produkte nicht los und müssen dichtmachen.

Bei den Auflagen geht es zum Beispiel um Unkrautvernichter wie Glyphosat, die zurückgedrängt werden sollen. Warum sind die für die Bauern so wichtig?

Viele Betriebe arbeiten inzwischen pfluglos. Das ist gut für die Klimabilanz und für den Boden, weil er nicht durch Maschinen verdichtet wird und nicht weiter austrocknet. Aber möglich ist das nur mit Mitteln wie Glyphosat, weil man nach der Ernte einmal den Acker sauber bekommen muss, um der neuen Pflanze die Chance zum Wachsen zu geben. Es wird zwar bald Alternativen zu Glyphosat geben. Ich rechne aber damit, dass sie nicht besser sind, sondern bedenklicher.

Zur Person

Johanna Mandelkow,
 23 Jahre alt, ist gelernte Landwirtin. Sie arbeitet im Landwirtschaftsbetrieb ihres Vaters in Bandelow (Uckermark) und absolviert derzeit eine Ausbildung zur Agrarbetriebswirtin. Vor zwei Jahren setzte sie sich bei der Wahl der uckermärkischen Ernteprinzessin gegen zwei Mitbewerberinnen durch. Im September 2019 übergab sie dieses Amt an ihre Nachfolgerin Antonia Gest.

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