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Unsicher
Hoffnungsschimmer für Nachsorgeklinik

Martin Stralau,Jens Sell / 06.12.2019, 07:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Jozsef Magyar hat zu seinem 70. Geburtstag auf Geschenke verzichtet: Die Gratulanten sollten stattdessen für den Neubau der Kindernachsorgeklinik in Strausberg spenden.

Er verteilte die entsprechenden Faltblätter mit dem Überweisungsträger, in dem schon der Verwendungszweck festgeschrieben ist. Vergangenen Donnerstag besuchte Magyar die Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg in ihrem jetzigen Domizil in Bernau, um sich zu erkundigen, ob denn die Spenden angekommen seien. "Ich wurde herzlich begrüßt und von Geschäftsführerin Sandra Bandholz durchs Haus geführt", berichtet der Rentner, "sie hat mir alles gezeigt und sich herzlich bedankt." Immerhin sind auf seine Initiative hin 980 Euro gespendet worden. Schließlich wurde mit ihm, einem Mitarbeiter und einem Plakat mit Dankesworten ein Erinnerungsfoto geschossen.

Am Freitagabend fiel Jozsef Magyar dann aus allen Wolken: Er las in der Märkischen Onlinezeitung moz.de, dass die Kindernachsorgeklinik in Bernau zum Jahresende ihren operativen Betrieb einstellen werde. Nun fragt er sich: "Was wird aus den fast 1.000 Euro, die meine Geburtstagsgesellschaft für den Neubau gespendet hat? Und wie stehe ich jetzt da?" Magyar findet es auch fragwürdig, dass man ihm am Tag nach der entscheidenden Gesellschafterversammlung mit keiner Silbe die Problemlage der Klinik angedeutet habe.

Gegenseitige Vorwürfe

Als Begründung für deren Aus hatte Sandra Bandholz vor allem zwei Gründe angeführt. Zum einen seien es unterschiedliche Auffassungen über eine angemessene Miethöhe für die Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen SED-Politbüros in Wandlitz gewesen, wo die Kindernachsorgeklinik seit 2009 ihren Sitz hat. Der Besitzer, die Michelskliniken, hatte gekündigt. Zum anderen nannte sie nicht zu stemmende finanzielle Verpflichtungen von inzwischen zehn Millionen Euro, die mit dem Umzug nach Strausberg verbunden wären. Auf einem Grundstück am Straussee sollte die Klinik ab 2021 in einem Neubau der Peter-und-Ingeborg-Fritz-Stiftung für chronisch kranke Menschen ein neues Zuhause finden. Doch die finanziellen Bedingungen hätten sich geändert. Hatte Investor Peter Fritz zu Beginn des Vorhabens noch erklärt, dass die Finanzierung des Neubaus zu 100 Prozent aus Eigenkapital des Stifter-Ehepaares gesichert sei, so sollte die Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg als späterer Mieter neben den monatlichen Mietkosten nun auch noch fünf Millionen Euro als verlorenen Baukostenzuschuss beisteuern, wie Sandra Bandholz konstatierte. Das Geld käme zu den Kosten für die Innenausstattung in Höhe von ebenfalls fünf Millionen Euro dazu, die die Klinik – so sei es von Anfang an vereinbart gewesen – zusammen mit ihren Gesellschaftern selbst aufbringen wollte. Für Letztere zu viel Risiko, zumal sich Fritz, der selbst 20 Millionen Euro beisteuert, und die Kindernachsorgeklinik bis heute nicht auf einen Mietvertrag einigen konnten.

Mit der aktuellen Entwicklung und dem Aus der Kindernachsorgeklinik in Bernau ist nun die Frage offen, ob es in Brandenburg eine Zukunft für das Konzept der Familienorientierten Rehabilitation (FOR) geben kann. Die Klinik ist eine von bundesweit nur fünf, und die Einzige ihrer Art in den neuen Bundesländern, die danach arbeitet. Am Standort in Bernau nimmt die von der Deutschen Rentenversicherung und den Krankenkassen anerkannte Rehabilitationseinrichtung seit zehn Jahren in erster Linie herz- und krebskranke Kinder und Jugendliche und ihre Familien im Anschluss an Akutbehandlungen auf, betreut und behandelt sie. Einen Monat lang sind die Familien vor Ort. Nach anstrengenden, kraftraubenden Wochen im Krankenhaus eine erholsame Zeit für sie und eine Zeit des Zusammenfindens, zumal sich die Eltern dann auch um die oft zu kurz kommenden Geschwisterkinder kümmern können.

2.500 Familien betreute die Einrichtung seit 2009. Mit dem Neubau in Strausberg sollten sich die Gegebenheiten im Vergleich zu Bernau deutlich verbessern. Die langen Wege zwischen den einzelnen Gebäuden der dortigen Klinik und deren Ausstattung genügen nicht mehr den Anforderungen an moderne Rehakonzepte. In Strausberg können nach den Plänen 60 statt bisher 25 Patienten und ihre Familien zeitgleich betreut werden. Es sind dringend benötigte Plätze. Die Wartezeiten für andere derartige Einrichtungen liegen deutschlandweit bereits bei drei bis sechs Monaten.

Einer, der das Konzept der Familienorientierten Rehabilitation vor 35 Jahren mit entwickelt hat, ist Roland Wehrle. Er ist nicht nur Aufsichtsratsvorsitzender der Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg gGmbH, sondern auch Vorstand eines ihrer Gesellschafter, der Stiftung Deutsche Kinderkrebsnachsorge, und Geschäftsführer der Nachsorgeklinik in Tannheim im Schwarzwald. Er war maßgeblich an den Verhandlungen mit Peter Fritz beteiligt, das Konzept für die Klinik in Strausberg stammt zu großen Teilen aus Tannheim. "Dass es nicht gelungen ist, mit Herrn Fritz einen Weg zu finden, dieses Projekt in anderthalb Jahren zu eröffnen, macht mich tief betroffen", sagt Wehrle. Bis zuletzt habe kein unterschriftsreifer Mietvertrag vorgelegen. "Wir wussten ja nicht einmal, was Fritz jährlich an Miete von uns verlangen wird. Es waren immer 400.000 Euro im Gespräch. Das wäre für uns auch in Ordnung gewesen." Ebenfalls bis heute lägen keine schriftlichen Unterlagen vor, was der Bau, der schon kräftig in die Höhe wächst, tatsächlich koste, sagt Wehrle. "Wir wissen auch gar nicht, wie der Baukörper bisher ausgeführt wurde. Wir haben die kompletten Raumpläne geliefert, die für das Konzept der Familienorientierten Reha nötig sind. Ob Herr Fritz das so umsetzt, wissen wir nicht. Das Grundstück dürfen wir nur betreten, wenn er es genehmigt." Die Gesellschafter hätten jetzt wieder viel Geld in die Hand nehmen müssen, um etwas aufrechtzuerhalten, von dem man nicht wisse, wo es sich hin entwickele, sagt Wehrle. "Deshalb hat der Aufsichtsrat beschlossen, das Projekt einzustellen."

Wehrle betont, dass alleine seine Stiftung zwei Millionen Euro für die Finanzierung der Inneneinrichtung zugesagt hatte, plus einen jährlichen Zuschuss von 350.000 Euro, um den Betrieb der Klinik zu sichern. "Und die anderen Gesellschafter wollten ja auch noch was beisteuern." Außerdem hätte die Stiftung neben der Inneneinrichtung "fünf bis sieben Millionen Euro als Baukostenzuschuss gegeben. Dafür hatten wir schon eine Bank in Baden-Württemberg gewonnen. Das hätten wir übermorgen vorlegen können, aber Grundlage wäre eine Besicherung auf dem Grundstück gewesen, also ein Eintrag ins Grundbuch. Denn keine Bank gibt ohne eine Absicherung auch nur einen Euro." Peter Fritz habe das aber abgelehnt, sagt Wehrle. Er betont, dass das bisher in Strausberg und im Randberliner Bereich gesammelte Spendengeld, das von der Bevölkerung und Unternehmen zweckgebunden für den Neubau gestiftet wurde, treuhänderisch an die Stadt Strausberg übergeben werde. "Als Stiftung haben wir in den vergangenen vier Jahren 160 000 Euro im Großraum Berlin gesammelt", bilanziert er. "Kein Spender soll sich übers Ohr gehauen fühlen." Sofern ein neuer Betreiber gefunden werde, wäre man sogar bereit, das Know-how der Stiftung einzubringen und eine jährliche finanzielle Förderung. "Aber nur, wenn er das Konzept der Familienorientierten Rehabilitation umsetzt", sagt Wehrle. "Denn wir wollen, dass diese Behandlungsplätze für Kinder und Familien erhalten bleiben. Sie werden dringend gebraucht."

Peter Fritz betonte wie schon am Wochenende, dass er zwei namhafte Partner aus dem sozialen Sektor in der Hinterhand habe, die einspringen und genau dieses Konzept umsetzen könnten. Das Konzept sei in seiner Stiftungssatzung festgeschrieben. Dem fühle er sich verpflichtet. "Ob die beiden Interessenten die Klinik zusammen oder einzeln betreiben, wird derzeit erarbeitet", sagt Fritz. Momentan liefen die Abstimmungen über die weitere Zusammenarbeit mit den Krankenkassen und der Deutschen Rentenversicherung als Kostenträger.

Kein Finanzierungsplan

Fritz erklärte, dass den Gesellschaftern sehr wohl ein unterschriftsreifer Vertrag vorgelegen habe. "In dessen Anhang finden sich auch 80 Seiten zur Bauausführung, sie wissen also, was und wie dort gebaut wird." Die Baustelle hätten sie jederzeit besichtigen können. Auch die Miethöhe von jährlich um die 500.000 Euro sei ihnen bekannt gewesen. "Das Geld ist als Baurücklage für die kommenden 20 Jahre gedacht. Ich will mit der Klinik nichts verdienen", sagt Fritz. Bereits im Juli dieses Jahres habe er die Verhandlungen mit den Gesellschaftern für gescheitert erklärt und angekündigt, Alternativen zu suchen. "Sie hatten mir versprochen, einen Finanzierungsplan vorzulegen, das ist nicht passiert." Bis heute wisse er nicht, was die Klinik an Umzugskosten plane. "Nach meinen Berechnungen sind für die Innenausstattung, den Umzug und die Baukosten, die über die 20 Millionen Euro hinausgehen, die ich zahle, 8,5 Millionen Euro einzuplanen." Dafür habe er im Vorfeld eine nachweisbare Sicherheit haben wollen. Auch die habe es nicht gegeben. Die von Wehrle geforderte Besicherung des Grundstücks habe er von Anfang an abgelehnt, zumal nach der Neustrukturierung der Gesellschafterversammlung mit dem Ausstieg der Michelskliniken und dem Deutschen Herzzentrum ohnehin unklar gewesen sei, wie es dort weitergehe.

Für die Kindernachsorgeklinik in Bernau und ihre 40 Mitarbeiter geht es indes noch bis 19. Dezember weiter. "Bis dahin werden noch Patientenfamilien im Haus sein und die Mitarbeiter haben sich gegenseitig versprochen, dass diese letzte Reha die schönste sein wird, die die Familien je hatten", sagt Sandra Bandholz. Wie gemein das Schicksal manchmal sein kann, merkte sie am vergangenen Freitag. Just an dem Tag, an dem sie ihren Mitarbeitern die Kündigung mitteilte, gab es Post von der Aktion "Ein Herz für Kinder" des Springer-Verlags. Man wolle den Aufbau des neuen Hauses mit 250.000 Euro unterstützen.

Stadtverordnete müssen Änderungen zustimmen

Die Grundlage für den Bau einer Kindernachsorgeklinik am Straussee legten die Stadtverordneten im Oktober 2018 mit einer Änderung des Flächennutzungs- und dem Beschluss des Bebauungsplans. 24 Stadtverordnete votierten bei einer Gegenstimme und drei Enthaltungen für das Projekt. Im Kaufvertrag für das 32 000 Quadratmeter große Grundstück ist der Bau einer Kindernachsorgeklinik unabhängig von der Betreiberfirma festgeschrieben. Nur wenn der Käufer und Investor keinen Betreiber findet und ihm die Betreibung einer solchen Klinik wirtschaftlich nicht zugemutet werden kann, ist ein anderer karitativer Verwendungszweck der Immobilie zulässig. Dem müssten die Stadtverordneten aber zustimmen. ⇥red

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