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Plädoyer
Staatsanwalt: "Emily war ihr gleichgültig"

Steht vor einer längeren Haftstrafe: Carola G. mit ihren Anwälten Bernd Hohmann (l.) und Dirk Zimmermann (r.)
Steht vor einer längeren Haftstrafe: Carola G. mit ihren Anwälten Bernd Hohmann (l.) und Dirk Zimmermann (r.) © Foto: Mathias Hausding/MOZ
Mathias Hausding / 07.12.2019, 09:30 Uhr - Aktualisiert 07.12.2019, 10:13
Frankfurt (Oder) (MOZ) Im Prozess um die Tötung der kleinen Emily aus Eberswalde hat die Staatsanwaltschaft am Freitag für die Stiefmutter fünfeinhalb Jahre Haft wegen Totschlags gefordert.

Angeklagt ist die 37-Jährige vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) wegen Mordes. Allerdings hatte die Strafkammer um die Vorsitzende Barbara Sattler in der seit August laufenden Hauptverhandlung bereits per rechtlichen Hinweis mitgeteilt, dass auch eine Verurteilung lediglich wegen Totschlags in Betracht komme.

Nach Einschätzung von Staatsanwalt Jochen Westphal schramme die Angeklagte knapp an einer Verurteilung wegen Mordes durch Unterlassen aus niedrigen Beweggründen vorbei. Aber ihr Tatbeitrag sei am Ende eben doch anders zu bewerten als der ihres Ex-Verlobten Angelo S. Der leibliche Vater von Emily ist wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden.

Abgemagert und schwer verletzt

Westphal schilderte in seinem zweieinhalbstündigen Plädoyer das Martyrium der anfangs gesund und munteren Zweijährigen, die im Oktober 2017 völlig abgemagert und mit schweren inneren und äußeren Verletzungen ins Koma gefallen und ein halbes Jahr später in einem Pflegeheim gestorben war.

Carola G. und Angelo S. lebten mit insgesamt vier Kindern und einem Hund sehr beengt in einer 60-Quadratmeter-Wohnung. Schließlich kam noch ein Baby dazu, das erste gemeinsame Kind des Paares. Ab diesem Zeitpunkt schob der allein sorgeberechtigte Vater laut Staatsanwaltschaft seine Tochter Emily auf das Abstellgleis. Sie wurde vom Rest der Familie isoliert, nur unregelmäßig versorgt, von ihrem Vater geschlagen und ans Bett gefesselt.

Im Laufe des Jahres 2017 verschlechterte sich ihr Zustand immer mehr. Sie durfte die Wohnung nicht verlassen, verlernte das Laufen, das Sprechen und das selbstständige An- und Ausziehen. Staatsanwalt Westphal glaubt der Angeklagten, dass sie Arztbesuche anmahnte, die Angelo S. jedoch, verbunden mit Drohungen gegen Carola G., abgelehnt habe.

Westphal ist aber auch davon überzeugt, dass der Angeklagten spätestens im September 2017 bewusst gewesen sei, dass Emily sterben könnte: "Ihr war klar, dass sich der Zustand des Kindes nicht von alleine bessern würde. Man hätte endlich einen Arzt aufsuchen müssen. Aber die Angeklagte schob ihre Bedenken zur Seite. Ihr war gleichgültig, was mit Emily geschieht." Dabei habe sie gewusst, dass nur von ihr hätte Hilfe kommen können, unterstrich der Ankläger. Schließlich habe das Mädchen keinen Kontakt zur Außenwelt gehabt, und von Angelo S. sei keine Unterstützung zu erwarten gewesen.

Westphal sprach von einer menschenverachtenden Tat. Strafmildernd müsse berücksichtigt werden, dass es extremere Arten des Totschlags gebe, dass die Angeklagte eine schwere Kindheit mit Gewalterfahrungen hinter sich habe und dass sie in der familiären Situation mit dem Neugeborenen überfordert gewesen sei. Mit Blick auf ihr knappes Teilgeständnis und die Weigerung, Fragen zu beantworten, appellierte Westphal an die Angeklagte: "Setzen Sie sich mit der Tat auseinander!"

Die Nebenklage hält den von der Staatsanwaltschaft ermittelten Strafrabatt für zu hoch und beantragte neun Jahre Haft wegen Totschlags. "Die Angeklagte hätte das Kind mit geringster Mühe retten können. Ein anonymer Hinweis an das Jugendamt hätte genügt", hieß es zur Begründung. Außerdem sei Carola G. nicht so durchsetzungsschwach, wie sie behauptet. Das habe sie an anderer Stelle immer wieder bewiesen.

Die Verteidigung hingegen sieht keinen Fall von Totschlag und forderte vier Jahre Haft wegen Misshandlung, die Aufhebung des Haftbefehls und die baldige Rückkehr der derzeit in Obhut befindlichen leiblichen Kinder zu ihrer Mutter. Carola G. habe keine konkrete Todesgefahr für Emily erkennen können, argumentierte die Verteidigung. Auch sei die Aufgabenverteilung in der Familie klar gewesen: Angelo S. kümmert sich um Emily.

Im sogenannten letzten Wort sagte die Angeklagte: "Ich bin nicht kalt. Ich habe jeden Tag mit dem Tod von Emily zu kämpfen." Am 19. Dezember soll das Urteil gegen sie gesprochen werden."

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