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Covid-19
Hausärztin testet auf Corona-Antikörper

Maria Neuendorff / 31.03.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 31.03.2020, 06:22
Berlin (MOZ) Es ist bitterkalt, als sich morgens um 6 Uhr eine Schlange am Zabel-Krüger-Damm am nördlichen Stadtrand von Berlin bildet. Ulrike Leimer-Lipke, Hausärztin in Lübars, und ihre Helfer sind schon zwei Stunden eher aufgestanden, um vor der regulären Sprechstunde ein eigenes kleines Corona-Testzentrum vor der Praxistür aufzubauen.  Im weißen Zelt mit Holztischen und Bierbänken schlüpfen die Ärztin und ihr Team in dicke, gelbe Schutzanzüge und nehmen den Wartenden Speichelproben und bei Bedarf auch Blut ab, um zu testen, ob jemand die Krankheit schon hinter sich und so Antikörper gebildet hat.

Auch Menschen ohne Symptome

Unter den "Verdachtsfällen", die nun ihre Krankenkassenkarte vor dem Zelt selbstständig wie bei einem EC-Gerät an der Supermarktkasse auslesen lassen können, ist unter anderem ein älteres Ehepaar, das zwar keine Symptome verspürt, aber sichergehen will, weil sich ihr Sohn infiziert hat. Dahinter wartet die Krankenschwester, die seit zwei Tagen Halsschmerzen und Husten hat. An diesem Morgen kam auch noch Fieber dazu. Für  Ulrike Leimer-Lipke schon vor dem Abstrich ein ziemlich klarer Fall. "Es gibt bei Covid 19 ein Symptom, das sich von dem Verlauf einer normalen Influenza abhebt – und zwar Geruchs- und Geschmacksstörungen", erklärt die Medizinerin.

Dass sich der Vorplatz zu ihrer Hausarztpraxis in einer alten Reinickendorfer Familienvilla seit dem 17. März zu einer provisorischen Corona-Praxis entwickelt hat, zu der von Tag zu Tag mehr Menschen von den Gesundheitsämtern Reinickendorf und Oberhavel geschickt werden, ist eher dem Zufall geschuldet. Während eines Gesprächs mit der Behörde wurde Ulrike Leimer-Lipke der Mangel an Testkapazitäten bewusst. "Gebt mir Schutzanzüge und Material, und ich helfe", sagte die 58-Jährige spontan. "Es war schon immer mein Traum, bei Ärzten ohne Grenzen zu helfen, also dort, wo man richtig stark gebraucht wird. Das habe ich jetzt vor der eigenen Haustür."

Dabei begleitete Ulrike Leimer-Lipke auch Infizierte in der Not durch die Krankheit. Sie erzählt von einer 36-jährigen infizierten Frau, die schon leichte Atembeschwerden hatte, aber aufgrund ihrer beiden Hunde partout nicht ins Krankenhaus wollte. "Wir überprüften täglich den Sauerstoffgehalt in ihrem Blut, inzwischen geht es ihr schon besser."

Doch es gehe nicht nur darum, Behörden und Krankenhäuser zu entlasten, sondern auch in den Zeiten der Angst, den Menschen eine Anlaufstelle zu bieten, in der ihnen die Unsicherheit genommen wird. "Gerührt hat mich auch eine schwangere Frau. Sie hatte weniger Angst vor Ansteckung als davor, dass ihr Mann nun nicht bei der Geburt dabei sein darf."

Von den 150 Personen, die die Ärztin und ihre Hilfskräfte bis Montagvormittag testeten, waren sieben positiv, weitere sieben haben schon Antikörper gebildet. Darunter ein 56-jähriger Lehrer, der sich eigentlich nur testen ließ, weil seine Eltern mit Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören. Nachdem er von seiner Immunisierung erfahren hatte, habe er sofort angeboten, Plasma zu spenden und nun auch anderen älteren Menschen zu helfen. "Er ist ja nun quasi wie ein Joker. Und davon brauchen wir jetzt viele", erklärt die Medizinerin.

Doch die Antikörpertests gibt es erst seit einer Woche. Das Serum dafür werde gerade mit Hochdruck hergestellt. Auch deshalb hofft die Ärztin, dass viele ihrer Kollegen ihrem Beispiel folgen, und auch zusätzlich testen. "Wir sind gerade dabei, zur Unterstützung ein Netzwerk aufzubauen", kündigt Ulrike Leime-Lipke an.

Am Montag musste sie ihre von 6 bis 8 Uhr anberaumte Corona-Sprechstunde bis halb 11 Uhr verlängern, um niemanden wegzuschicken. Dass sie nun täglich um 4 Uhr aufstehen muss, nimmt sie gelassen. "Ich gehe jetzt einfach früher ins Bett. Um 20.30 Uhr nach den Nachrichten." Die Maßnahmen, die Berlin derzeit getroffen hat, findet sie richtig. "Die Kontaktreduzierung ist sinnvoll, aber eine komplette Ausgangssperre würde einfach zu viel Stress in den Familien erzeugen."

Erst anrufen, dann zum Test

Menschen, die befürchten, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollten erst einmal telefonisch abklären, ob und wenn ja wo sie auf das Virus getestet werden können. Die Senatsverwaltung für Gesundheit hat dafür die Hotline 030 9028-2828 geschaltet, auf der Experten zwischen 8 und 20 Uhr beraten.

In Brandenburg gibt es eine landesweite Hotline für Fragen: Sie ist montags bis freitags zwischen 9 und 15 Uhr unter 0331 8683-777 zu erreichen. Auch mehrere Landkreise haben Bürgertelefone eingerichtet. Betroffene können sich aber auch telefonisch an den kassenärztlichen Notdienst unter 116117 wenden. ⇥neu

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