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Arche Berlin
Hilfe trotz Corona - "Wir dürfen die Kinder nicht alleine lassen"

Maria Neuendorff / 12.04.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 12.04.2020, 13:04
Berlin (MOZ) Wenn Bernd Siggelkow morgens zur Arbeit kommt,  kann er die Stille manchmal kaum zu ertragen.  Vor 25 Jahren hat der Pastor mit der Arche in Berlin-Hellersdorf einen Ort geschaffen, der Kindern Schutz und Geborgenheit bietet.

Die Hilfseinrichtung, in der Kinder aus meist sozial schwachen und bildungsfernen Familien ein warmes Mittagessen, Hausaufgabenhilfe und vor allem menschliche Wärme bekommen, ist seit drei Wochen geschlossen. Um mit den Kindern Kontakt zu halten, machen Siggelkow und seine Helfer nun "Hausbesuche" und stellen Tüten mit Lebensmitteln in die Treppenhäuser. Wenn dann die Tür aufgeht, freut sich manch ein Kind  so sehr über das Wiedersehen, dass es Siggelkow und den anderen Betreuern wie gewohnt in den Arm rennen will. "Weil das aufgrund der Ansteckungsgefahr jetzt nicht geht, gab es auch Tränen bei den Kindern, aber auch bei uns", sagt Siggelkow.

500 Nachrichten täglich

Stattdessen beantwortet er nun manchmal 500 WhatsApp-Nachrichten am Tag. Die beiden Chats, die die Arche extra für die Kinder, aber auch für Eltern, eingerichtet hat, sind von 9 bis 20 Uhr geschaltet. Manchmal muss er zwischen den Zeilen lesen. "Bernd, kannst Du heute ein bisschen länger an der Tür bleiben", schreibt zum Beispiel ein Mädchen. Dann nimmt Siggelkow eine Extra-Tafel Schokolade mit und redet unter Wahrung des Sicherheitsabstandes auch etwas ausführlicher mit den Eltern. "Wie geht’s euch? Was braucht ihr?" Ein Gespräch und ein Hilfsangebot können oftmals schon den Druck aus den Familien nehmen und eine Eskalation zu Hause vermeiden, weiß er.

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"Wir merken, dass die Familien in der Isolation mehr Kontakt brauchen. Dazu wissen viele inzwischen nicht mehr, wie sie sich beschäftigen sollen. Die Ideen gehen langsam aus." Deswegen haben die Arche-Mitarbeiter unter anderem 100 Gesellschaftsspiele bestellt, jede Woche gibt es ein selbstgemachtes Video mit der Spiel-Anleitung, aber auch andere Beschäftigungstipps und Gute-Nacht-Geschichten. Zu den Feiertagen verteilen die Helfer  Oster-Back-Sets. Jeden Tag um 16 Uhr gibt es zudem einen Livechat mit Aufgaben. Die Kinder sollen zum Beispiel die Küche aufräumen und anschließend ein Foto schicken. Für gute Taten gibt es wie in der Arche Punkte, für viele Punkte Preise. Dazu werden Quiz veranstaltet. Der Gewinner kann eine Pizza-Lieferung für die ganze Familie gewinnen.  "Mittlerweile sitzen auch Eltern mit vor den Bildschirmen und beantworten Fragen", berichtet Siggelkow. Es sei schön zu sehen, wie derzeit gerade auch so manche Problem-belastete Familie in der Krise zusammenwachse und sich auch den Arche-Helfern weiter öffne.

Trotzdem macht sich Siggelkow große Sorgen. Jeden Morgen vor dem Frühstück rollt er erst einmal die Nachrichten nach Polizeimeldungen durch. "Ich habe Angst, dass es in den Familien zu Gewalt kommt. Die Familienhilfe der Jugendämter ist ja auf zehn Prozent heruntergefahren. Hausbesuch vom Jugendamt gibt es nicht mehr."

So haben die Arche-Kinder nun die Nummer der Mitarbeiter, die nun 24 Stunden am Tag für Notfälle erreichbar sind. Ein Spielraum im ersten Stock wurde zum Call-Center umgerüstet, wo Mitarbeiter am Nachmittag mit ein paar Kindern über Facetime Schularbeiten machen. Doch nicht alle Schützlinge sind mobil. So ist Siggelkow dabei, Handys für die Kinder zu besorgen, die noch keines besitzen. Das Geld mancher Familien reicht zum Ende des Monats oft nicht mal mehr für Lebensmittel. Die Corona-Krise verschärfe die Situation noch. "Sonst bekamen die Kinder ja Gratis-Essen in der Schule und bei uns, das fällt weg."

Von der Politik fordert der 55-Jährige daher, Informationen über staatliche Hilfsleistungen transparenter und besser zugänglich zu machen, um die sowieso schon benachteiligten Familien ebenfalls zu erreichen und zu unterstützen. "Viele schauen abends nicht die Tagesschau oder Merkels Rede, sondern da läuft den ganzen Tag RTL 2". So wünscht er sich, dass gerade die Privatsender auch regelmäßig Hotlines von Hilfseinrichtungen einblenden.

Bernd Siggelkow hat mit seiner Arche schon viele Krisen durchlebt, war mit misshandelten Kindern, leeren Kühlschränken, Verwahrlosung, Hoffnungslosigkeit, Spendenrückgängen konfrontiert. Die aktuelle Krise sei neu, sein Kampf aber nicht, sagt er. Trotz 18-Stunden-Tagen wird er immer weitermachen, so lange es sein muss. "Es ist jetzt besonders wichtig, den Kindern zu zeigen, dass wir sie nicht alleine lassen."

Spendenkonto: Die ARCHE,IBAN: DE78 1002 0500 0003 0301 00. www.kinderprojekt-arche.de

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