Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Solidarität
Alltag mit Corona ist "Fast schon surreal"

Stefan Kegel / 20.04.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 20.04.2020, 06:51
Berlin (MOZ) Anders als Deutschland denkt Frankreich noch nicht über eine Lockerung der Ausgangssperre nach, die dort auch wesentlich strikter umgesetzt wird. Bis mindestens zum 11. Mai müssen die Bürger zu Hause bleiben. Sabine Thillaye, Vorsitzende des Europa-Ausschusses in der französischen Nationalversammlung, berichtet im Telefoninterview, wie sie die Maßnahmen erlebt.

Frau Thillaye, wo erreiche ich Sie gerade?

Ich bin im Homeoffice, in meinem Wahlkreis Indre-et-Loire. In Frankreich gibt es ja seit Mitte März eine strikte Ausgangssperre.

Auch in Deutschland dürfen viele Leute nur unter Auflagen raus, gerade werden einige Maßnahmen gelockert. Wie ist es bei Ihnen?

Es ist eine sehr ungewöhnliche, fast schon surreale Situation. Fast alle Abgeordneten arbeiten im Homeoffice. Das Parlament ist auf Sparflamme heruntergefahren worden. Präsidiums- und Ausschusssitzungen finden per Videokonferenz statt. An der Regierungsbefragung im Plenarsaal, die einmal in der Woche stattfindet, nimmt nur der jeweilige Fraktionschef mit zwei Abgeordneten teil. Auch die Ausschussarbeit findet kaum statt. Besonders gut sind die Arbeitsbedingungen nicht.

Wie kommt die Ausgangssperre in Ihrem Wahlkreis an?

Mein Wahlkreis ist ein sehr ländliches Gebiet in Zentralfrankreich, südwestlich von Paris. Hier gibt es jetzt große Probleme – nicht mit der Versorgung, aber mit der Frage, wie man den Absatz der kleinen und mittelständischen Betriebe sichern kann. Es ist nicht einfach, Märkte offen zu halten. Das müssen die Bürgermeister umständlich bei der Präfektur beantragen.

Und wie erleben Sie die Zeit mit den Einschränkungen wegen der Corona-Krise in Ihrem persönlichen Leben?

Wenn wir rausgehen wollen, dürfen wir das nur unter bestimmten Bedingungen, etwa um zum Arzt zu gehen oder einzukaufen. Wir müssen dafür einen Passierschein ausfüllen mit der Uhrzeit, wann wir aus dem Haus gegangen sind und weswegen. Das wird jetzt strenger kontrolliert als am Anfang; auch die Bußgelder sind verschärft worden. Man darf nur einmal am Tag für eine Stunde an die frische Luft, und das auch nur allein oder zu zweit mit jemandem aus der eigenen Familie, zum Joggen oder Spazierengehen. Wenn man das Glück hat, in einem Haus mit Garten zu leben, ist das natürlich etwas ganz anderes als in einer Zweizimmerwohnung mit drei Kindern.

Wann waren Sie selbst das letzte Mal persönlich im Parlament?

Am 3. März, vor der zweiwöchigen Parlamentspause wegen der Kommunalwahlen. Leider sind einige Kollegen von uns mit Corona infiziert. Deswegen ist die Präsenz auch so runtergefahren worden.

Ist für die Franzosen angesichts der Lage die Frage der europäischen Solidarität wichtig? Oder ist man bestrebt, es allein zu schaffen?

Ein Signal, dass Solidarität in Europa ernst genommen wird, ist ganz, ganz wichtig. Auch im Hinblick auf Emmanuel Macrons Ziel einer europäischen Souveränität und Autonomie. Gerade in dieser Krise zeigt sich ja, wie wichtig es ist, dass wir uns selber helfen können, und zwar nicht nur als Nationalstaat. Die Europäische Union steht hier auf dem Prüfstand. Auch wenn die Gesundheitspolitik nach den Europäischen Verträgen keine Kompetenz der EU ist, versucht sie ja schon zu tun, was sie kann, etwa durch Hilfsprogramme und eine Lockerung des Stabilitätspakts.

Fühlt sich Frankreich genug unterstützt von Nachbarn, wie etwa Deutschland?

Es gibt Regionen in Frankreich, wie Grand-Est oder das Elsass, in denen die Krankenhäuser völlig überlastet sind. Da muss man ein großes Dankeschön an Baden-Württemberg, ans Saarland, an Sachsen-Anhalt und andere deutsche Bundesländer richten, dass sie französische Patienten aufgenommen haben, die bei uns nicht mehr behandelt werden konnten. Das wird in Frankreich durchaus wahrgenommen. Auf dieser Ebene ist die europäische Solidarität kein leeres Wort.

In Deutschland gibt es erste Erleichterungen, es ist aber eine Diskussion über die richtige Strategie entbrannt, wie man nach und nach wieder zur Normalität zurückfinden kann. Wie ist das in Frankreich?

Ich finde es wichtig, dass man sich rechtzeitig mit einer Rückkehrstrategie auseinandersetzen muss. Wir werden mit der Virusgeschichte auch noch längere Zeit beschäftigt sein. Wir müssen da auch an die Wirtschaft denken, vor allem an die vielen Kleinunternehmen und Selbstständigen. Es ist wichtig, dass wir bei dem Weg aus der Krise niemanden zurücklassen und an den Gemeinsinn der Menschen appellieren.

Corona-Blog: Coronavirus und die Folgen für Brandenburg und Berlin

Deutsch-französische Erfahrung

Sabine Thillaye (60) ist Deutsch-Französin und leitet seit 2018 als Mitglied der Regierungspartei La Republique en Marche den Europa-Ausschuss des französischen Parlaments. Von 2018 bis 2019 war Thillaye Vorsitzende der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung. Die Unternehmerin ist verheiratet und dreifache Mutter. ⇥kg

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG