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Wildbienenzucht
Frankfurter Bienen-Video geht viral

Nicht vom Aussterben bedroht: Die Gehörnte Mauerbiene ist in Deutschland häufig anzutreffen.
Nicht vom Aussterben bedroht: Die Gehörnte Mauerbiene ist in Deutschland häufig anzutreffen. © Foto: Martin Schutt/dpa
Mathias Hausding / 23.04.2020, 03:45 Uhr - Aktualisiert 23.04.2020, 11:22
Frankfurt (Oder) (MOZ) Eine Landwirtin züchtet wilde Bienen. Ein Video von tausenden ihrer Tiere hat sich zum Internet-Hit entwickelt.

Als Claudia Schernus vor einigen Tagen morgens die Tür zum Kühlhaus öffnete, traute sie ihren Augen nicht. Eine Armee von Wildbienen marschierte auf sie zu. Tausende Tiere, jeweils mit ein paar Zentimetern Abstand unter einander, fast über den ganzen Fußboden des Raumes verteilt. Schritt für Schritt bewegte sich der Pulk hin zum Licht. Einige Stunden ging das so. "Hilfe, unsere Bienen hauen ab", dachte sich die Frankfurter Obstbäuerin bei dem Anblick.

Ja, wo laufen sie denn hin?

Denn was sich da abspielte, war durchaus ein kleines ungewolltes Malheur, was sich allerdings schnell in Wohlgefallen auflöste. Ja, das spontan gedrehte Video vom Marsch der Wildbienen ist in den vergangenen Tagen sogar zu einem Internet-Hit geworden. Claudia Schernus schickte es mit ein paar erklärenden Zeilen an "Bauer Willi", einen von Deutschlands Top-Influencern im Agrar-Bereich. Er postete das Filmchen, das innerhalb weniger Tage fast 40.000 Mal gesehen wurde und für begeisterte Kommentare sorgte. "So was habt ihr noch nicht gesehen", schwärmte Bauer Willi selbst gegenüber seiner Community.

Das Video finden Sie auf dieser Facebookseite.

Den Kommentar zur Züchtung von Wildbienen lesen Sie hier.

Aber was ist da genau passiert? Wieso gibt es im Kühlhaus Wildbienen? Warum laufen sie statt zu fliegen? Und wieso haben die Tiere im Video alle weiße Köpfe, sodass es aussieht, als würde eine Kolonne von Grubenarbeitern mit einer Lampe am Helm zur Schicht wandern? Fragen über Fragen.Claudia Schernus erzählt, dass sie vor anderthalb Jahren 10.000 Gehörnte Mauerbienen als Bestäubungs-Helfer für ihre Obstplantagen gekauft hat. Lediglich als Absicherung für die in Frankfurt-Markendorf auch in der Natur zahlreich vorhandenen Insekten. Zur Obstblüte vor einem Jahr wurden die Bienenhäuser von der Kühlzelle auf dem Hof des Betriebs in die einige Kilometer entfernten Obstanlagen umgesiedelt, wo die Tiere dann ihren Job erledigten. "Die Bienen bestäubten fleißig unsere Blüten, legten viele Eier in die Röhren und verschlossen sie mit Lehm. Im Herbst holten wir die Häuser und Kästen zurück den Hof in die Kühlzelle", berichtet Claudia Schernus.

Dort sollten sie bei vier bis acht Grad überwintern. Nun begab es sich aber, dass das Kühlaggregat ausfiel und aus Kostengründen zunächst kein Ersatz beschafft wurde, weil wegen der Ernteausfälle ohnehin keine Äpfel zu lagern waren.

Und so waren die milden Temperaturen Anfang April quasi Wecker und Marschbefehl für die Wildbienen. Ein paar Tage früher als geplant, vor allem aber am falschen Ort. Mehrere Kilometer von den Obstplantagen entfernt.

Als die Tiere auf dem Boden krabbelnd die rund sieben Meter bis ins wärmende Sonnenlicht geschafft hatten, erhoben sie sich in die Lüfte, um sich sogleich auf die nächste Blüte zu stürzen. So beschreibt es Claudia Schernus. "Die Osterglocken waren schwarz, aber so viel mehr Blüten gab es nicht. Deshalb hatte ich Sorge, dass die Bienen einfach wegfliegen."

Taten sie aber nicht. Als es an diesem Tag kühler wurde, kehrten die meisten in ihre inzwischen nach draußen gestellten Häuser oder in von den Obstbauern an dem Tag flink gebastelte Ersatzbehausungen zurück. Dann endlich in die Obstplantagen transportiert, erwachten sie am nächsten Tag am Arbeitsplatz und gingen ihrer Aufgabe nach: dem Bestäuben. Mauerbienen-Männchen haben übrigens weiße Haare im Gesicht und sie schlüpfen als erste, deshalb der besondere Anblick.

"Abgesehen von dem kleinen Schlupf-Malheur, sind wir sehr zufrieden mit unserer Wildbienenaufzucht", sagt Claudia Schernus. "Und es gibt keinen Hinweis auf irgendwelche Schäden durch unsere Produktionsweise mit Pflanzenschutzmitteln." Am meisten Arbeit mache der Bau der Behausungen.

"Wir schneiden dafür Bambusstäbe auf 20 Zentimeter Länge und bohren die Löcher noch mal nach. In jede Röhre legen die Bienen fünf bis sechs Eier." Dadurch habe man schon jetzt schätzungsweise doppelt so viele Tiere wie am Anfang. "Das ist ein schöner Erfolg. Außerdem ist es interessant, beruhigend und macht sehr viel Spaß, die Bienen zu beobachten."

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Anja Grabs 05.05.2020 - 21:22:58

Kritik an Wildbienenzucht

Sehr geehrter Herr Hausding, wenn beim Obstbau Pestizide eingesetzt werden, dezimiert man damit mehrere hundert Arten an natürlich vorkommenden Insekten. Die meisten Arten davon sind keine sogenannten Schädlinge. Dazu gehören zum Beispiel viele Schmetterlingsarten, Käferarten und selbstverständlich auch alle natürlich vorkommenden Wildbienenarten, wovon über die Hälfte von ihnen in ihrer Art bedroht sind. Wenn man also diese vielen hundert Arten an Ort und Stelle mit Pflanzenschutzmitteln vernichtet und dann eine Wildbienenart einkauft, weil man Bestäuber benötigt, dann kann nicht davon die Rede sein, dass "Landwirte einmal mehr einen Beitrag zur Artenvielfalt leisten.", wie Sie schreiben. Vielmehr handelt es sich um eine Vernichtung hundert lokal vorkommenden Arten. Der Insektenbestand von Null auf eine einzige eingekaufte Wildart trägt nicht zur Artenvielfalt bei, sondern spiegelt eine reine Symptombehandlung wieder: Ich vernichte alle Arten und weil mir die Bestäuber fehlen, kaufe ich eine Art ein. Das ist dann eher ein Beitrag für die große aktuelle Artenarmut. Die Monokultur muss hier grundsätzlich hinterfragt werden. Wenn keine Pestizide eingesetzt werden, kann man die lokal vorkommenden Arten wunderbar selbst unterstützen. So wie man das bei Streuobstwiesen bereits tut, die eine sehr hohe Artenvielfalt aufweisen und komplett ohne Pestizide auskommen.

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