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NS-Geschichte
Eine Woche im Mai - Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht (1938-45), unterzeichnet am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.
Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht (1938-45), unterzeichnet am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. © Foto: dpa
Esteban Enge / 27.04.2020, 08:54 Uhr
Berlin (dpa) Den Besiegten wurde der Katzentisch zugewiesen. Im Saal einer Villa in Berlin-Karlshorst erlebten die deutschen Generäle die ultimative Demütigung.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichnete Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel mit anderen Wehrmachtsoffizieren die Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. So gingen vor 75 Jahren in Europa die Kämpfe zuende. Im Pazifik dauerte das noch einige Wochen länger.

Marschall Georgij Schukow, Sieger der Schlacht um Berlin und Oberbefehlshaber der sowjetischen Truppen in Deutschland, ordnete an, die deutschen Vertreter weder mit ihrem Rang anzureden noch sie zu grüßen. Nachdem die Übersetzung der Kapitulationsurkunde verlesen war, deutete Keitel an, dass ihm das Dokument zur Unterschrift vorzulegen sei. Schukow befahl: "Kommen Sie zum Schreiben hierher!"

In der Eingangshalle des Gebäudes, das von 1945 bis 1949 Sitz der Sowjetischen Militäradministration war, ist noch heute auf Kyrillisch zu lesen: "1941 - 1945 - Ruhm dem Großen Sieg". Im Garten stehen Panzer und ein Raketenwerfer. Drinnen, im großen Saal des Deutsch-Russischen Museums, lässt sich noch Geschichte besichtigen.

Anders sieht es zehn Kilometer westlich aus. Wo sich Adolf Hitler am 30. April 1945 mit einem Pistolenschuss umbrachte und seine frisch vermählte Ehefrau Eva Braun eine Giftpille schluckte, weist nur eine schlichte Tafel auf den Ort hin. "Mythos und Geschichtszeugnis Führerbunker" steht da, einen Sprung vom Holocaust-Mahnmal und vom Brandenburger Tor entfernt.

Von der Geisterstadt, die Berlin in der ersten Maiwoche 1945 war, ist hier nichts zu spüren. Weder der Eingang zu Hitlers Betonfestung noch der Garten, in dem die Leiche des Diktators mit Hilfe mehrerer Kanister Benzin verbrannt wurde, sind zu sehen. Stattdessen ein Parkplatz, Rasen, ein Plattenbau.

Im Mai 1945 liegt nach fast sechs Jahren Krieg das NS-Regime in Trümmern. Wie Höhlenbewohner ziehen Menschen durch die Ruinen. Acht Tage hat der Kampf getobt, schreibt der Arbeiter Karl Deutmann ins Tagebuch. "Mit Fliegerbomben hatte es angefangen, nun war der Ring um die Belagerten geschlossen. Es gab keine Lebensmittel, kein Licht, kein Wasser und kein Verbandszeug mehr. Männer, Frauen und noch mehr Kinder starben. Verwundete starben, Mütter starben bei oder nach der Geburt. Die Toiletten fließen nicht mehr ab, Verwesungsgeruch macht sich bemerkbar, wird unerträglich."

Die Rote Armee ist unter dem blauen Frühlingshimmel bis in das Stadtzentrum vorgerückt. Die sowjetischen Scharfschützen zielen auf alles, was sich bewegt. Im Schulenburgring 2 in Berlin-Tempelhof hat General Wassili Tschuikow sein Gefechtsstand aufgeschlagen. Am Morgen des 2. Mai wird in der Erdgeschosswohnung der Kapitulationsbefehl für die Berliner Garnison unterzeichnet.

Bis zuletzt hatten die Deutschen durchgehalten, dem Regime zugejubelt oder es mit Gleichgültigkeit erduldet. Nur wenige leisteten hier und da Widerstand angesichts der vorrückenden West-Alliierten und der Roten Armee. "Die Stimmung war ängstlich, nicht aufsässig", beschreibt der britische Historiker Ian Kershaw die Lage in den letzten Kriegsmonaten. Seit Landung der Alliierten in der Normandie am "D-Day" 6. Juni 1944 und das Scheitern der Ardennen-Offensive im Winter 1944/45 ist das Ende in Sicht.

Auf seine Weise lässt Hitler Realitätssinn erkennen. "Wir können untergehen. Aber wir werden eine Welt mitnehmen", hat er Ende Dezember 1944 gedroht. Die Flucht in immer neue Kriege, wie der Historiker Herfried Münkler die deutsche Gewaltlogik nach dem Einmarsch in Polen am 1. September 1939 beschreibt, ist beendet. Ein Ausbrechen aus der Lage unmöglich. Bis dahin hatte das NS-Regime auf das Machtinstrument zurückgegriffen, das es beherrschte: Krieg.

Doch die bevorstehende Niederlage lässt sich schon im Sommer 1944 nicht mehr weglügen. Die Alliierten haben ihre Stellung auf dem europäischen Festland gesichert. Im Osten durchbricht die Rote Armee mit der "Operation Bagration", benannt nach einem General, die 700 Kilometer lange Front der Heeresgruppe Mitte. Im Süden nehmen die Amerikaner Rom ein. Mit dem gescheiterten Anschlag auf Hitler in der "Wolfsschanze" am 20. Juli verliert der selbst ernannte "Führer" die Aura der Unverwundbarkeit.

Die Nazis reagieren mit noch mehr Terror. Zweifler und "Defätisten" werden unbarmherzig verfolgt. Mit dem "Volkssturm", dem letzten militärischen Aufgebot, wird die Gesellschaft bis in den letzten Winkel militarisiert. Vieles läuft aber auch weiter. Die Verwaltung, die Propaganda, das kulturelle Leben. Am 16. April, als die Rote Armee im Anmarsch auf Berlin ist, spielen die Berliner Philharmoniker ihr letztes Konzert zu Kriegszeiten.

Zwar unterstützt nur noch eine Minderheit in der "Volksgemeinschaft" Hitler fanatisch. Doch die Generäle kuschen. Ein Aufstand bleibt aus. Devise: "Rette sich, wer kann!" Angesichts der Niederlage, schreibt Kershaw in seinem Standardwerk "Das Ende", beweisen die Deutschen eine "erstaunliche Elastizität und verzweifelte Hartnäckigkeit".

Die Alliierten-Forderung nach bedingungsloser Kapitulation stößt auf taube Ohren. Die westlichen Mächte hatten sich schon Anfang 1943 in Casablanca darauf verständigt. US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premier Winston Churchill wollten ihrem Verbündeten in Moskau, Josef Stalin, auf diese versichern, dass die Front gegen Hitler auf jeden Fall zusammenhalten werde.

Propagandaminister Joseph Goebbels schürt die Angst vor einem "Vernichtungskrieg" gegen Deutschland und "bolschewistischem Terror". Im letzten Kriegsjahr werden allein in der Hauptstadt mehr als 7000 Selbstmorde registriert.

Im Januar 1945 verschanzt sich Hitler in Berlin. Er versucht mit aller Macht, das Blatt zu wenden. Vor seinem Tod wird er sich außerhalb des Führerbunkers nur noch einmal öffentlich zeigen - am 20. April, zu seinem 56. Geburtstag, als er 20 Hitlerjungen und 30 SS-Soldaten mit dem Eisernen Kreuz auszeichnet. Die Nazi-Diktatur überlebt ihren Begründer nur um eine Woche.

Einen Tag vor dem Selbstmord hat Hitler Großadmiral Karl Dönitz zum Nachfolger bestimmt. Dönitz ist mit hochrangigen Militärs und NS-Größen, darunter Heinrich Himmler, auf dem Marinestützpunkt Mürwik in Flensburg geflohen. Dort bildet er am 3. Mai eine geschäftsführende Reichsregierung, die den Krieg zunächst fortsetzt. Auch Dönitz’ kurze Herrschaft ist vom NS-Geist geprägt. Militärgerichte fällen weiter gnadenlose Urteile, Soldaten werden immer noch hingerichtet, für geringe Vergehen.

Der Großadmiral beugt sich am Ende auch den Realitäten. Dönitz schickt Generaladmiral Hans­Georg von Friedeburg in die Lüneburger Heide - zur Kapitulation vor dem britischen Feldmarschall Bernhard Montgomery. Er bittet "Monty" am 4. Mai, ihn und seine Truppe gefangen zu nehmen. Der Brite lässt die deutschen Offiziere zappeln. Nicht einmal einen Stuhl bekommen sie.

Die Kapitulation auf dem Timeloberg in Wendisch Evern gilt nur für die deutschen Truppen in Norddeutschland, Dänemark, Norwegen und den nördlichen Niederlanden. Deswegen besteht US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower auf eine Kapitulation für die gesamte Wehrmacht.

Der vorletzte Akt spielt in einer Schule in Reims. In der Rue Jolicœur, dem Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte, ergibt sich am 7. Mai Generaloberst Alfred Jodl. Die bedingungslose Kapitulation schließt alle Streitkräfte zu Land, zu Wasser und in der Luft ein. Alle Kampfhandlungen sollen am 8. Mai 24.00 Uhr eingestellt werden.

Doch Stalin misstraut den Alliierten. Der sowjetische Machthaber befürchtet ein doppeltes Spiel des Westens. Er verlangt eine Wiederholung der Zeremonie in Berlin. Auch angesichts der enormen sowjetischen Verluste und der Millionen zivilen Toten ist Stalin nicht bereit, das offizielle Kriegsende den USA zu überlassen.

So besiegeln Keitel für das Oberkommando der Wehrmacht und das Heer, Friedeburg für die Kriegsmarine und Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff für die Luftwaffe auch gegenüber der Sowjetunion die umfassende Niederlage. Amerikaner, Franzosen, Briten und Russen feiern in Karlshorst den Triumph mit Wodka und Whisky bis in die Morgenstunden.

Am 9. Mai strahlt der Reichssender Flensburg den letzten Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht aus. "Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen", heißt es. "Die deutsche Wehrmacht ist am Ende einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen."

Die Radio-Botschaft ist der Beginn einer neuen Legende, wie der Historiker und Publizist Volker Ullrich schreibt - die der "sauberen" Wehrmacht, die bis zuletzt "anständig" gekämpft habe. Die Legende, so Ullrich in seinem neuen Buch "Acht Tage im Mai", sollte sich als erstaunlich zählebig erweisen. Erst durch die Wehrmachtausstellungen 1995 und 2001 wird ihr endgültig der Boden entzogen.

Fünfzig Millionen Tote, der Massenmord an den europäischen Juden, ein Kontinent in Schutt und Asche - Hitler und die Wehrmacht haben unendliches Leid über Europa gebracht. Die Treue zu Hitler fordert einen hohen Preis: Von Juli 1944 bis Mai 1945 sterben weitaus mehr Zivilisten als in den vier Kriegsjahren zuvor - und fast ebenso viele Soldaten.

Es sei selten, stellt der Historiker Kershaw nüchtern fest, dass ein Land fähig und auch dazu bereit gewesen sei, einen Krieg bis zu seiner totalen Zerstörung zu führen und dabei einem Führer zu folgen, der sie offensichtlich ins Verderben stürzen wollte.

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