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Corona-Folgen
FU-Wissenschaftler sieht die Corona-Pandemie als komplexe Katastrophe

Das undatierte Foto zeigt den Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin, Martin Voss.
Das undatierte Foto zeigt den Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin, Martin Voss. © Foto: Privat/dpa
dpa / 29.04.2020, 08:54 Uhr - Aktualisiert 29.04.2020, 09:17
Berlin (dpa) Stimmt unsere Wahrnehmung der Corona-Pandemie - oder wird sie unterschätzt, weil der Blick auf sie verkehrt ist? Nach Überzeugung des Berliner Sozialwissenschaftlers Prof. Martin Voss ist sie eine Katastrophe.

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Dass von ihr in der Regel als Krise gesprochen wird, sieht er kritisch. "Es fehlen bei der Corona-Pandemie die zerstörerischen Bilder und die sofort sichtbaren großen Opferzahlen, die verwundeten Menschen und zerstörten Häuser", sagte Voss, der die Katastrophenforschungsstelle (KFS) an der Freien Universität Berlin leitet, der Deutschen Presse-Agentur. So erscheine es vielen, als wäre alles noch nicht ganz so schlimm.

"Wir haben in den Köpfen ein Bild von einer Katastrophe als Sturm oder Hochwasser", so der Wissenschaftler. Die Pandemie werde jedoch ein Vielfaches der Opfer fordern wie etwa der Tsunami von 2004 oder das Erdbeben auf Haiti im Jahr 2010. Voss nennt die Corona-Pandemie eine "komplexe Katastrophe", weil praktisch alle Bereiche betroffen und die Auswirkungen nicht wirklich absehbar seien.

Pandemie steht exemplarisch für Katastrophen, die drohen

Die meisten Menschen würden allerdings nicht an der Infektion sterben, sondern an den damit verbundenen indirekten Folgen. "Die Pandemie steht exemplarisch für die komplexen Katastrophen, die uns im 21. Jahrhundert in einer vernetzten Welt zunehmend drohen", warnte Voss.

Ob die Politik angemessen auf die Bedrohung durch die Corona-Pandemie reagiert hat, lasse sich erst auf längere Sicht beantworten. "Wir operieren am offenen Herzen der Gesellschaft in Echtzeit und haben davor gar nicht geübt", sagte der Berliner Wissenschaftler. "Wir hätten natürlich vorher schon einmal modellieren können, was es bedeutet, wenn alle Menschen mit Vorerkrankung sich auf einmal selbst isolieren müssen. Viele Detailfragen hätte man vorher schon abarbeiten können, dann hätte man jetzt Blaupausen in der Schublade."

Offen sei auch, ob die Corona-Krise zu mehr Solidarität führe oder im Gegenteil zu mehr Egoismus: "Die Gesellschaft ist zusammengerückt. Aber wir sehen auch jetzt schon, dass mit ziemlicher Gewalt die Machtasymmetrien zurückkehren", erklärte Voss. "Es treten Lobbyisten in den Vordergrund, die parteipolitischen Akteure mit ihrer jeweiligen Klientel, die mehr Berücksichtigung finden sollen. Das ist der Anfang von dem, was wir in den nächsten Wochen und Monaten sehen werden." Die Entwicklung könne ins Solidarische zurückführen, aber auch zu großen Umbrüchen.

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