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Cartoonmuseum
Lachen hinter Gittern in Luckau

Harriet Stürmer / 09.05.2020, 04:30 Uhr
Luckau (MOZ) Zugegeben: Etwas befremdlich mutet es schon an, dass mit Brandenburgs Cartoonmuseum ausgerechnet Satire und Humor im alten Knast von Luckau (Dahme-Spreewald) Einzug gehalten haben. Ein merkwürdiger Ort für ausgiebiges Gelächter, wenn man bedenkt, wie viele traurige Schicksale mit dem Gefängnis verbunden sind. Vor allem wegen der Unterbringung politischer Häftlinge machte das Zuchthaus ja einst von sich reden.

Der bekannteste der ehemaligen Insassen dürfte KPD-Mitbegründer Karl Liebknecht sein, der in den Jahren 1916 bis 1918 in Luckau einsaß – wegen Hochverrats. Am 1. Mai 1916 war Liebknecht als Führer einer Antikriegsdemonstration in Berlin aufgetreten – und verhaftet worden. 1934 war mehr als die Hälfte der über 800 Insassen wegen ihrer Gegnerschaft zum Dritten Reich in Luckau. Und ab 1945 inhaftierte und folterte das sowjetische Innenministerium NKWD tatsächliche oder vermeintliche Nationalsozialisten in dem Knast. Später kamen von DDR-Gerichten wegen Nazi-Verbindungen oder als Kriminelle Verurteilte hinzu – bis schließlich 2005 die Nutzung als Haftanstalt endete.

All diese Zeiten sind lange vorbei. Und während sich das Niederlausitz-Museum in den erhaltenen historischen Zellen nun der Geschichte der Strafanstalt widmet und dabei den zu Unrecht Verurteilten besondere Aufmerksamkeit schenkt, beherbergt der sanierte Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert seit nunmehr gut neun Jahren auch die witzige Sammlung der Stiftung "Museen für Humor und Satire", die sich in Trägerschaft des Cartoonlobby-Vereins befindet.

150 Quadratmeter Platz hat der Verein für seine Ausstellungen und die Archivierung seiner Schätze in den klimatisierten Räumen. An den Wänden der alten Haftanstalt hängen nun während der ständig wechselnden Präsentationen Karikaturen vieler berühmter Zeichner. In den vergangenen Jahren hat der Verein mehr als 35 Sonderausstellungen auf die Beine gestellt.

Die bundesweit agierende Cartoonlobby, die sich 2008 gegründet hat, zählt inzwischen mehr als 100 Mitglieder. In ihrem Archiv finden sich heute rund 40 000 originalgrafische Blätter (Zeichnungen, Druckgrafiken, Plastikaturen, Plakate, Illustrationen, Skizzen, Studien, Entwürfe, Collagen, Fotomontagen), die vom Verein treuhänderisch verwaltet werden oder Dauerleihgaben sind. Darunter sind ganze Lebenswerke prominenter Klassiker der Karikatur und des Cartoons. Den Grundstock der Sammlung bilden die Werke und das künstlerische Erbe ehemals ostdeutscher Karikaturisten und Zeichner – insbesondere aus dem Umfeld der Satirezeitschrift "Eulenspiegel".

In der Fachbibliothek finden sich unter anderem alle "Eulenspiegel"-Ausgaben und die des Vorgängers "Frischer Wind" sowie sämtliche im Eulenspiegel-Verlag erschienenen Karikaturenbücher und Postkartenkalender. Erste Teilbestände der Zeitschriften "Simplicissimus", "MAD", "Kowalski", "Titanic" und "Pardon" gehören ebenso zum Bestand. Auch das nahezu gesamte Cartoon- und Humor-Programm des Oldenburger Lappan-Verlages aus den vergangenen 40 Jahren ist dabei.

Wegen Corona musste das Haus zuletzt ein paar Wochen schließen. Doch inzwischen ist die Sammlung wieder zugänglich. Die laufende Ausstellung mit dem Titel "Gestrichen voll!" zeigt Cartoons von Matthias Kiefel. Der gebürtige Berliner (Jahrgang 1960) ist Grafiker, Cartoonlobbyist und Schöpfer von Cartoonfiguren besonders eigenartigen Stils. Seine schrägen Protagonisten geraten immer wieder in die absurdesten Alltagssituationen. "Mit bösartigem Humor und hintergründiger Satire führt Kiefel uns gesellschaftliche und zwischenmenschliche Schieflagen auf oft drastische Weise vor Augen", beschreibt es Cartoonlobby-Geschäftsführer Andreas Nicolai.

Bekannt sind Kiefels Arbeiten vor allem aus dem "Eulenspiegel". Zuletzt lieferte er das Titelmotiv und umfangreiche Beiträge auf der Landesgartenschau in Wittstock in der Ausstellung "Da blüht uns was ...! – Karikaturen zu Klimawandel und Umweltpolitik". Bis Ende Juni werden Kiefels Arbeiten im Cartoonmuseum zu sehen sein. Einzige Einschränkung für Besucher: Während der Corona-Pandemie müssen auch dort die vorgeschriebenen Abstandsregeln eingehalten werden.

Ein ganz anderes Problem

Indes treibt Vereins-Geschäftsführer Nicolai aber ein ganz anderes Problem um. Seit fünf Jahren sind er und seine Mitstreiter nun schon vergeblich auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Ende des Jahres läuft der Mietvertrag in Luckau nach zehn Jahren planmäßig aus. Bevorzugt will man das Museum künftig in Berlin-Nähe betreiben. "Bestenfalls wäre das ein eigenes Haus in publikumsfreundlicher Lage, welches auch die Sammlung mit beherbergt", sagt der 61-Jährige.

Ebenso denkbar wäre aber auch eine Ansiedlung bei anderen Kunstarchiven, auf Sonderausstellungsflächen in Museen passender Ausrichtung oder eine Zusammenarbeit mit Universitäten oder Fachhochschulen. Ein neues Zuhause sei vor allem deshalb wichtig, damit man die Sammlung für die Nachwelt erhalten könne, sagt Nicolai. Zumal die Stiftung über keinerlei Vermögen – abgesehen von der Sammlung – verfüge.

Das Cartoonmuseum Brandenburg in Luckau sieht Nicolai als Vorläufer für das erste Museum für Komische Kunst in der Hauptstadtregion. Fünf ähnliche Einrichtungen gibt es bereits in Deutschland – unter anderem in Hannover, Frankfurt (Main) und Greiz.

Für das neue Museum in der Hauptstadtregion plant die Cartoonlobby allerdings eine thematisch breitere Aufstellung, die die Zeichenkunst in ihrer ganzen Vielfalt präsentiert – ähnlich wie es Häuser in London, San Francisco oder Basel vormachen. So sollen künftig auch andere Formen der Zeichenkunst wie Comics oder animierte Cartoons in dem neuen Museum zu sehen sein. Bislang eine Vision. Aber an deren Verwirklichung werde zielstrebig gearbeitet, versichert Nicolai.

Daten und Eintrittspreise

Die Ausstellung "Gestrichen voll!" mit Cartoons von Matthias Kiefel ist bis zum 28. Juni im Cartoonmuseum in Luckau, Nonnengasse 3, zu sehen. Geöffnet ist Dienstag, Donnerstag, Sonnabend und Sonntag jeweils von 13 bis 17 Uhr.

Der Eintritt beträgt zwei, ermäßigt ein Euro. Kinder bis zwölf Jahre haben freien Zutritt. Weitere Informationen gibt es online unter www.cartoonmuseum.de oder dem Infotelefon 03375 5293044. ⇥has

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