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Insektenzählen
Kriminalbiologe Mark Benecke warnt vor Massensterben der Insekten

Katharina Schmidt / 29.05.2020, 03:45 Uhr - Aktualisiert 29.05.2020, 09:29
Berlin (MOZ) Wenn dich das nicht umhaut, bist du schon ein kranker Großstädter geworden", unkt Forensiker Dr. Mark Benecke.

Denn schon eine Stunde in der Natur bei den Insekten ist für den tätowierten Kriminalbiologen "das Bewegendste und Schönste. Es macht begreifbar, dass wir Teil eines Lebensnetzwerks sind." Weil Beneckes Spezialgebiet das Lösen von Kriminalfällen durch die Untersuchung von Larven und Maden ist, verwundert seine Faszination für die kleinen Gliederfüßer nicht. Da von diesen allein schon 33 000 Arten in Deutschland existieren, "leben wir eigentlich auf dem Planeten der Gliedertiere wie Insekten, Milben und Spinnen und nicht der Giraffen, Elefanten oder Menschen", sagt er am Donnerstag bei einer Pressekonferenz des Naturschutzbundes (Nabu).

Benecke wirbt für das vom Nabu initiierte bundesweite Insektenzählen, das diesen Sommer zum dritten Mal stattfindet. Vom 29. Mai bis 7. Juni und 31. Juli bis 9. August soll "alles gezählt werden, was sechs Beine hat", erklärt die Nabu-Insektenexpertin Dr. Laura Breitkreuz. "Hat es mehr oder weniger Beine, ist es kein Insekt", fügt sie noch hinzu. Das Projekt verfolgt mehrere Anliegen. Einerseits soll es eine Datengrundlage für die zukünftige Insektenforschung schaffen. Andererseits will der Nabu auf die große Bedeutung von Insekten aufmerksam machen und das Wissen darüber stärken.

"Insekten sind systemrelevant", insistiert Breitkreuz. Ein Großteil unserer Nahrung hänge von der Bestäubung durch die Insekten ab. Zudem sind sie Nahrungsgrundlage vieler Tiere, darunter Singvögel. "Im letzten Jahrhundert beobachteten wir einen drastischen Insektenschwund." Das liege an dem Lebensraumverlust durch die Flächenversiegelung in der Stadt und den Monokulturen in der Landwirtschaft. Die dort eingesetzten Pestizide fügten den Tierchen noch zusätzlich Schaden zu.

Insekten als Grundlage für Nahrungskette

Sterben die Insekten, ist es auch mit der Menschheit bald vorbei, davon ist Mark Benecke überzeugt. "Auf unserem Planeten gab es bisher fünf Massensterben unter den Lebewesen. Wir befinden uns gerade im sechsten." Dabei habe es bisher immer diejenigen "weggeknüppelt, die an der Spitze der Nahrungskette standen". Denn die ganz oben sind auf die von unten angewiesen, da sie die Nahrungsgrundlage für die verschiedenen Glieder in der Kette bilden. Schuld daran sei für den vegan lebenden Benecke vor allem die Produktion tierischer Produkte wie Eier, Fleisch oder Leder, was Lebensraum und Ressourcen wegnehme. Daher seien Aktionen wie der Insektensommer vor allem wichtig, um den Menschen diesen kleinen überlebenswichtigen Kosmos nahezubringen.

Für das Zählen reiche es laut Veranstaltern, sich eine Stunde lang in der Natur aufzuhalten und zu schauen, was dort krabbelt und fliegt. Das kann im Garten, auf dem Balkon oder sogar auf einem Friedhof geschehen, aber auch im Wald oder auf einer Wiese stattfinden. Dabei sei wichtig, die Menge an Insekten zu zählen, die man gleichzeitig sieht. Denn derselbe Marienkäfer könne mehrfach durchs Sichtfeld im Laufe der Stunde fliegen. Für die Zuordnung muss man außerdem kein Experte sein. Wer den roten Schmetterling mit blauen und gelben Tupfen nicht namentlich zuordnen kann, könne einfach "unbestimmter Schmetterling" angeben, das würde laut Breitkreuz schon viel helfen.

Eine digitale Hilfestellung bietet die neue Nabu-App, die es kostenlos für iOS und Android gibt. Mit der Anwendung können die Insekten mithilfe des Smartphones bestimmt, kartiert und gemeldet werden. Zudem bietet der Nabu auf seiner Website eine Bestimmungshilfe an.

Im Vorjahr beteiligten sich übrigens 16 300 Insektensucher an der Aktion. In Brandenburg und Berlin wurde am meisten mit 155 Mal die friedfertige Steinhummel gezählt, die sicherlich auch in diesem Jahr vorbeifliegen wird.

Infos zur App und zum Zählen finden Sie hier.

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