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Weiter Chaos? Großes Bangen um den Brandenburger Schulstart im August

Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse gehen nach der Begrüßung durch die Klassenlehrerin auf dem Schulhof ins Schulgebäude in der zweiten Phase der Schulöffnung nach der Zwangspause aufgrund der Corona-Pandemie. (Symbolbild)
Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse gehen nach der Begrüßung durch die Klassenlehrerin auf dem Schulhof ins Schulgebäude in der zweiten Phase der Schulöffnung nach der Zwangspause aufgrund der Corona-Pandemie. (Symbolbild) © Foto: Arne Dedert/dpa
Mathias Hausding / 30.06.2020, 17:54 Uhr - Aktualisiert 01.07.2020, 10:32
Potsdam (MOZ) Sorgt das Ministerium für einen guten Schulstart im August? Familien sehen sich genauso wie Pädagogen und Gewerkschafter vor Rätsel gestellt.

Die Ferien haben zwar gerade erst begonnen, aber es sind auch nur noch 40 Tage bis zum Start des neuen Schuljahres. Was passiert dann? Dazu hat das Bildungsministerium Schülern und Eltern je einen Brief geschrieben. Angekündigt wird die Rückkehr zum "Regelbetrieb". Aus der Pflicht zum Mindestabstand unter den Kindern und Jugendlichen werden Hygiene-Empfehlungen. Der Unterricht erfolge täglich und nach Stundentafel, Angebote wie Wahl- oder Förderunterricht könnten jedoch ausfallen.

Individuelle Lernausgangslage

Erst im letzten Absatz des Elternbriefes findet sich ein Stichwort, das den Schulalltag nach den Ferien bestimmen dürfte. So soll für alle Schülerinnen und Schüler bis zur 10. Klasse die "individuelle Lernausgangslage" ermittelt werden, also wo sie nach der Corona-Zwangspause stehen.

"Ich habe überhaupt keine Ahnung, was wir da machen sollen", räumte ein Grundschullehrer aus Dahme-Spreewald während der letzten Elternkonferenz vor den Ferien ein. Thorsten Ziedek, Vize-Elternsprecher am Frankfurter Liebknecht-Gymnasium, sagt: "Wir grübeln seit zwei Wochen, wie das läuft und wer das dann macht." Seine Befürchtung sei, dass der Job den Schulen ohne größere Vorgaben übertragen wird. Und er fragt sich, welchen Sinn die Ermittlung des Lernstands hat, wenn es kaum Kapazitäten für Förderunterricht gibt.

Jene vom Ministerium nicht weiter erläuterte Erhebung der "individuellen Lernausgangslage" soll nämlich laut Elternbrief die Basis für das weitere Vorgehen bilden, also "ob ein optionales schulisches Angebot in den Herbstferien 2020 notwendig ist und organisiert werden muss und ob Unterricht am Sonnabend erforderlich ist".

Günther Fuchs, Landeschef der Lehrergewerkschaft GEW, reagiert darauf ungehalten. Auch ihm seien keine landeseinheitlichen Formulare oder ähnliches bekannt, mit denen die Lernausgangslagen in den einzelnen Fächern ermittelt werden sollen. "Das Ministerium hat sich in die Ferien gerettet und will suggerieren, dass ab August wieder alles normal läuft. Aber das wird nicht so sein", prophezeit Fuchs. Wie ein Pädagoge, der das noch nie gemacht hat und dafür bis jetzt keine Anleitung in den Händen hält, zum Schulauftakt jene Erhebung machen soll, sei ihm schleierhaft, sagt der Gewerkschafter. "Das Thema Diagnostik ist in der Lehrerausbildung defizitär", ergänzt er. Erschwerend hinzu komme der stetig wachsende Anteil an Seiteneinsteigern ohne pädagogische Ausbildung.

Abgespeckte Lerninhalte

Gleichwohl sei eine solche Ermittlung des Lernstands wichtig, um dann für jedes Kind einen individuellen Förderplan aufzustellen. "Aber das dauert nicht ein paar Tage, sondern Wochen", gibt er zu bedenken. Das Pensum an neuem Stoff, der eigentlich zu vermitteln wäre, müsse auf das Wesentliche reduziert werden. "Das Ministerium muss also den abgespeckten Grundstock an Inhalten für das kommende Schuljahr definieren", fordert Fuchs.

Unterricht am Sonnabend und in den Ferien ins Spiel zu bringen, erscheint dem Gewerkschafter weltfremd. "Wo sollen dafür die Lehrer herkommen? Stand jetzt fehlen noch hunderte Pädagogen, um ab August den normalen Bedarf abzudecken."

Eine Ministeriumssprecherin sagte am Dienstag, dass es für Antworten auf viele Fragen noch zu früh sei. Das Landes-Schulinstitut Lisum sei beauftragt worden, bis zur Woche vor Schulstart Materialien für die Ermittlung der Lernausgangslage zu erarbeiten.

Lesen Sie dazu einen Kommentar von Mathias Hausding: Wo ist der Plan?

So viele Seiteneinsteiger wie noch nie

Brandenburgs Eltern hoffen ab dem 10. August auf Unterricht wie vor der Corona-Krise. Allerdings fehlen Lehrer. Das Ministerium teilte Mitte Juni mit, dass bislang 1164 neue Lehrkräfte für das Schuljahr eingestellt wurden, davon 435 ohne die eigentlich erforderliche Qualifikation. Das entspricht 38,7 Prozent der neuen Lehrkräfte. Vor einem Jahr betrug der Anteil noch 32,6 Prozent, 2018 lag er bei 26,4. Die Gewerkschaft GEW geht von einem noch höheren Seiteneinsteigeranteil aus. Sie rechnet auch rund 800 Nichtpädagogen dazu, die bereits in den Schulen gearbeitet haben, aber über noch keinen Abschluss verfügen. 

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