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Lebensgeschichte
Der 109-Jährige, der nach Polen zog und dort sein Leben genießt

Dietrich Schröder / 01.08.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 01.08.2020, 12:48
Frankfurt (Oder)/Gorzów (MOZ) Dieser Herr versteht sein Leben nun wirklich zu genießen: "Schenkst Du mir noch etwas Wein ein, Grazyna? Der Fisch ist Dir vorzüglich gelungen und der Wein schmeckt so gut!" Als Zeuge dieser Szene reibt man sich ungläubig die Augen. Sitzt uns da wirklich ein 109-Jähriger gegenüber? Arnold Leissler scheint über sein Alter selbst amüsiert zu sein.

Für die Art, wie er und Grazyna Jedrzej­czak sowie deren Mann Tadeusz miteinander leben, gibt es keine gebräuchliche Beschreibung. Denn der hochbetagte Deutsche ist mehr als nur ein Gast oder Pflegefall in Polen. Und wenn man ihn schon als Greis beschreiben will, dann auf jeden Fall als lustigen.

"Arnold ist Teil unserer Familie geworden", sagt die Hausfrau, die selbst 66 Jahre zählt. Sie greift dem Älteren beim Aufstehen nur kurz unter die Schulter. Denn dank seines Rollators läuft der 109-Jährige noch immer selbst durch die Wohnung und den Garten.

Als Arnold Leissler am 21. Mai 1911 – einem Sonntag – in Hannover das Licht der Welt erblickte, herrschte noch Kaiser Wilhelm II. über Deutschland. Nur einen Tag später weihte der Monarch die Hohenzollernbrücke über den Rhein in Köln ein.

"Ich war das vierte von sechs Kindern und hatte gute Eltern. Mein Vater war ein fleißiger Tischler. Wir hatten einen Garten mit viel Obst,  aber trotzdem nur wenig Geld", berichtet der Hochbetagte. Es klingt so, als wäre es gestern gewesen. Sein Vater Johannes, der 1876 geboren wurde, musste den gesamten Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 als Soldat verbringen. Anschließend erhielt seine kinderreiche Familie in der Weimarer Republik endlich etwas Unterstützung vom Hannoveraner Wohlfahrtsamt.

Ob Arnold Leissler wirklich der älteste lebende Deutsche ist, lässt sich nicht ganz genau sagen. Denn aus Datenschutz-Gründen gibt es dafür keine offizielle Statistik. Aber sehr wahrscheinlich ist er es schon, denn es lässt sich auch niemand Älteres finden.

Nach Tipps befragt, wie man so ein Alter überhaupt erreichen kann, kommt Leissler auf die viele Arbeit zu sprechen, die er geleistet hat. "Als ich Kind war, ließ mich ein Nachbarsjunge nicht mit seinem Holländer-Wagen aus Holz fahren. So einen hätte ich auch gern gehabt. Doch dafür musste ich mich anstrengen."

Schon mit 16 zum Studium

Die Kunstgewerbeschule in Hannover nahm ihn schon als 16-Jährigen auf, "weil ich gut zeichnen konnte und mich für vieles interessierte". Seine Kommilitonen waren mehrere Jahre älter als er. Auch Aktzeichnen stand auf dem Stundenplan. Mit 19 erhielt er sein Zeugnis als Innenarchitekt mitten in der großen Wirtschaftskrise von 1930. Zu seinem Förderer – im guten wie im schlechten Sinne – sollte der Architekt Wilhelm Fricke werden. Der besaß ein Büro mit mehr als drei Dutzend Zeichnern.

"Häufig gegen 18 Uhr, wenn es eigentlich Zeit für den Feierabend gewesen wäre, kam er mit seinem hinkenden Bein, das von einer Verletzung aus dem ersten Weltkrieg stammte, die Treppe zu uns Angestellten hinauf und gab uns noch Aufträge." Damals entstand die Gewohnheit des jungen Architekten, auch nachts zu arbeiten. Doch Fricke nahm den jungen Mitarbeiter auch auf eine Italien-Reise mit, bei der Leisslers Liebe zu Venedig entstand, der Stadt der Lebensfreude und des Karnevals, die er später immer wieder besucht hat.

1933 – im gleichen Jahr, als die Nazis die Macht in Deutschland übernahmen – lernte Leissler seine Frau Gertrud kennen, mit der er 75 Jahre verheiratet sein sollte. Beim ersten Besuch in Hamburg ließ sie ihn noch vor der Tür stehen, aus Angst vor ihrem Vater. Doch der junge Arnold blieb wie bei so vielen Dingen hartnäckig. 1934 folgte schon die Hochzeit  und 1939 – kurz bevor der Zweite Weltkrieg begann – wurde der einzige Sohn der beiden geboren.

Die Firma von Wilhelm Fricke entwarf Brücken und Raststätten für den von Hitler vorangetriebenen Autobahnbau. "Mit meinem Chef fuhr ich meistens zu den Baustellen in Ost und West", berichtet Arnold Leissler.

1942 musste er dann genauso in einen Weltkrieg ziehen, wie sein Vater drei Jahrzehnte zuvor. Er war froh, dass er nicht an die Ostfront, sondern in die Niederlande und nach Frankreich kam. Eines seiner ersten Quartiere im Feindesland war ein Wirtshaus. "Der holländische Wirt stellte mir Essen und Wein hin, und da er etwas Deutsch sprach, unterhielten wir uns freundlich. Da verstand ich: Das Elend jedes Krieges besteht doch immer darin, dass irgendwelche Herrscher den einfachen Leuten erklären wollen, wer ihre Feinde sind", schrieb Leissler in einem der Briefe an seine Frau, die er heute noch besitzt.

Obwohl seine heutige Betreuerin Grazyna Jedrzejczak erst nach dem Krieg geboren wurde, lassen sich schon in dieser Zeit Verbindungen im Schicksal der beiden finden. "Meine Mutter Olga war Ukrainerin. Ein 16-jähriges hübsches Mädel, das deutsche Soldaten 1942 in Kiew einfach so verhafteten, als sie mit ihrer Freundin in der Stadt spazieren ging", berichtet Grazyna. Ihre Mutter musste bei einem deutschen Bauern schuften, obwohl sie sehr zierlich war.

Das Schicksal wollte es so, dass sie ihren späteren Mann Bronisław, der aus Ostpolen stammte, bei der Zwangsarbeit kennenlernte. "Im Prinzip sind die Deutschen daran schuld, dass ich auf der Welt bin", sagt Grazyna.

Arnold Leissler blieb der Einsatz bei der kämpfenden Truppe erspart. Erneut half ihm das Zeichnen. "Ich musste Stellungen skizzieren und war Schreiber vom Dienst." 1943 wurde er wieder nach Hause geschickt. "Im Winter 1944/45 war ich in Frankfurt (Oder) beim Bau eines Heizwerks eingesetzt." Russische Flieger warfen nachts Bomben über der Stadt ab.

"Ich bin immer gut durchgekommen, hab viel gearbeitet", berichtet er über sein Leben nach dem Krieg. Leissler gründete in Hannover endlich ein eigenes Architekturbüro, in dem er Fabrikgebäude und Wohnhäuser entwarf und bis zu seinem 75. Geburtstag tätig war. Nebenbei begann er zu malen. Der steigende Verdienst führte dazu, dass er sich viele Reisen leisten konnte. Die abenteuerlichste Tour habe ihn nach Nepal geführt, fast bis aufs Dach der Welt.

"Grazyna, Du gehörst zur Familie"

Als seine Frau 2007 dement wurde, brauchte er Hilfe. Damals kreuzte sich sein Lebensweg mit dem von Grazyna. "Ich war schon einige Jahre zur Arbeit nach Hannover gefahren, als Putzkraft oder Pflegerin", berichtet die Polin. Sie brauchte das Geld vor allem für ihre drei Töchter, die alle studierten. Und eigentlich habe sie es auch immer gut mit den Deutschen getroffen. Doch die Worte, die Arnold Leissler gleich am ersten Tag ihrer Begegnung sagte, waren etwas Besonders: "Fühle Dich nicht als Putzfrau oder etwas Niederes, Grazyna", sagte er. "Nein, Du gehörst zur Familie."

2013 starb Gertrud Leissler, nur zwei Jahre später der einzige Sohn des Ehepaars. Der mittlerweile 104-jährige Architekt blieb allein in seinem großen Haus. Da entstand die Idee, zu seiner "polnischen Familie" zu ziehen und ihr bei der Verwirklichung des Traums vom eigenen Häuschen zu helfen.

Das Ergebnis lässt sich in einem Dorf bei Gorzów bewundern, das etwa 40 Kilometer von der Oder entfernt ist. In dem Häuschen, das von einem riesigen Garten umgeben ist, hat auch Arnold Leissler seine eigene Wohnung. Seine Architekten-Erfahrung hat der Deutsche an allen Ecken und Enden eingebracht "und immer gesagt, wir nehmen das beste Material", verrät Grazyna.

13 Operationen hat der Greis gut überstanden, die jüngsten am Herzen und am Darm. Sie wurden 2017 am Immanuel Klinikum Bernau sowie 2019 in Schwedt durchgeführt. Leissler lobt die Ärzte in Brandenburg, die ihn trotz seines hohen Alters so gut behandelten. Aber wahrscheinlich sind die guten Gene, die ihm seine Eltern vor über einem Jahrhundert mit in die Wiege gegeben haben, das eigentliche Geheimnis für sein hohes Alter. Denn drei seiner fünf Geschwister wurden auch über 100 Jahre alt.

"Wegen Corona konnten wir Arnolds 109. Geburtstag im Mai nicht richtig mit Gästen feiern", sagt Grazyna zum Abschied. "Am besten, Ihr merkt euch den Termin schon für das nächste Jahr vor!"

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