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Ausstellung über Gewalt gegen Häftlinge in der DDR

Harriet Stürmer / 14.06.2010, 19:42 Uhr
Berlin (In House) Mit Gewalt gegen Häftlinge in DDR-Gefängnissen beschäftigt sich eine neue Ausstellung in der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen. Die Schau zeigt Opfer und Täter – und das Versagen des Staates bei der Aufarbeitung. Nach der Wende mussten nur zwei ehemalige Wärter ins Gefängnis.

Einer von ihnen ist Hubert Schulze. 1997 wurde der damals 62-Jährige vom Landgericht Cottbus zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Unter den Häftlingen im Cottbuser Gefängnis war der Wärter als „Roter Terror“ bekannt. Jahrzehntelang hatte er dort Gesichter blutig geschlagen, Gefangene die Treppe hinuntergestoßen, sie stundenlang in eiskalten Wasserbecken sitzen lassen, ihnen mit Stiefeln in den Unterleib getreten.

Prügel, Schlafentzug, Isolationshaft – physische und psychische Misshandlungen standen in DDR-Gefängnissen auf der Tagesordnung – egal ob in der Untersuchungshaft oder im Strafvollzug. Der Allmacht des Gefängnispersonals waren kaum Grenzen gesetzt. Nach dem Ende der DDR wurden zwar Tausende Ermittlungsverfahren eingeleitet. Doch neben Schulze wurde nur noch der ehemalige Wärter Horst Jahn zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung in 23 Fällen schickte das Landgericht Cottbus den damals 52-Jährigen im Jahr 1999 zwei Jahre und drei Monate hinter Gitter. Auch er war Wärter im vor allem für politische Häftlinge vorgesehenen Cottbuser Gefängnis. Dort hatte er Gefangene mit den Fäusten, einem Gummiknüppel oder einem schweren Schlüsselbund geschlagen.

Einen Freispruch hingegen bekam Horst Böttger, der als Psychiater im MfS-Haftkrankenhaus Hohenschönhausen arbeitete, Patienten aushorchte und die Informationen an das Ministerium für Staatssicherheit weitergab. 
Nach der Wende sagten zahlreiche ehemalige Häftlinge gegen Böttger aus. Das Landgericht Berlin sprach ihn im Jahr 2000 aber aus Mangel an Beweisen frei. Und Böttger konnte nur drei Straßen vom ehemaligen Stasi-Gefängnis entfernt weiterhin als Arzt 
praktizieren.

Den Tätern stellt die Ausstellung „Gewalt hinter Gittern. Gefangenenmisshandlungen“ Opfer gegenüber – unter ihnen der Marine-Unteroffizier Bodo Strehlow. 1979 wollte er mit einem NVA-Schiff in den Westen flüchten, wurde von der Mannschaft aber überwältigt. Das Urteil: lebenslanger Freiheitsentzug. Mehr als zehn Jahre verbrachte Strehlow im Zuchthaus Bautzen II – fast die gesamte Zeit in Isolationshaft in der verbotenen Zone, die nur von wenigen betreten werden durfte.

Auch das Schicksal von Birgit Willschütz ist in der Ausstellung – erarbeitet von den Gedenkstätten in Hohenschönhausen und Bautzen – dokumentiert. In den 80er-Jahren hatte sie einen Ausreiseantrag gestellt, von dem sie einem Freund im Westen auf einer Postkarte berichtete. Daraufhin wurde die junge Mutter zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt. Bis August 1985 saß sie die Strafe im Frauengefängnis Hoheneck ab – dann kam sie durch eine Freikaufaktion nach West-Berlin. Hoheneck war das größte Frauengefängnis der DDR – berüchtigt für seine katastrophalen Haftbedingungen. Es gab Zellen für Isolationshaft und Dunkelhaft.

Die Wanderausstellung ist in Hohenschönhausen (Genslerstraße 66) von Mittwoch bis zum 15. September täglich von 9 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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Helmut Holfert 21.06.2010 - 18:51:26

Ausstellung über Gewalt gegen Häftlinge in der DDR

»Prügel, Schlafentzug, Isolationshaft – physische und psychische Misshandlungen standen in DDR-Gefängnissen auf der Tagesordnung – egal ob in der Untersuchungshaft oder im Strafvollzug. Der Allmacht des Gefängnispersonals waren kaum Grenzen gesetzt. Nach dem Ende der DDR wurden zwar Tausende Ermittlungsverfahren eingeleitet. Doch neben Schulze wurde nur noch der ehemalige Wärter Horst Jahn zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.« Nichts will ich bagatellisieren, doch bei Tausenden Ermittlungsverfahren nur zwei Verurteilungen, woran mag das wohl liegen? Außerst dürftige Beweislage? Gnädige Richter? Oder eine noch immer völlig überzogene Berichterstattung, auch 20 Jahre nach der Vereinnahmung? Ohne Übergriffe in JVA's in Abrede zu stellen, die sowohl in Ost als auch in nicht geringer Anzahl in West geschehen sein könnten, sollte man endlich damit aufhören das DDR-Bild weiter nur "so" darzustellen.

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