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Belziger fürchten um guten Ruf

Vor Ort: Landrat Wolfgang Blasig und Minister Günter Baaske 
(v. l.) pflanzen den Ginkgo-Baum.
Vor Ort: Landrat Wolfgang Blasig und Minister Günter Baaske 
(v. l.) pflanzen den Ginkgo-Baum. © Foto: MOZ/Henning Kraudzun
Henning Kraudzun / 30.11.2010, 20:00 Uhr - Aktualisiert 01.12.2010, 10:39
Bad Belzig (In House) „We shall overcome“ stimmen die Menschen auf dem Spielplatz an. Zuerst mit brüchigen Stimmen, dann immer lauter. Es ist bitterkalt und ein kleiner Ginkgo-Baum wurde soeben in den Boden gepflanzt. Dann verteilen Mitglieder des Afrika-Vereins „Cagintua“ halbierte Kolanüsse, das ist Teil der Zeremonie. Rund 70 Menschen sind am Dienstag gekommen, um ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) zu setzen.

Der ursprüngliche Gingko-Baum wurde erst vor einem Monat auf dem Spielplatz gepflanzt – auf Initiative afrikanischer Zuwanderer. Mit ihm sollte ein Symbol des gegenseitigen Respekts und der Gleichheit gesetzt werden. Kurze Zeit später wurde das Gehölz von Unbekannten herausgerissen. Weitere Taten folgten: Der Gedenkstein für den marokkanischen Asylbewerber Belaid Bayal wurde geschändet, der vor zehn Jahren an den Spätfolgen eines rassistischen Überfalls gestorben ist. Zudem wurden die Scheiben des Info-Café „Der Winkel“ eingeschlagen, in dem sich Zuwanderer treffen. Auf der Fassade fanden sich Neonazi-Parolen. Eine Woche später schlugen Unbekannte eine junge Kenianerin zusammen.

Die fremdenfeindlichen Übergriffe haben Betroffenheit in der Stadt ausgelöst. Vor allem die Attacke von Neonazis auf das Info-Café ruft bei vielen Engagierten traurige Erinnerungen wach: In den Gründungstagen des Treffpunkts hatte der braune Mob zahlreiche Anschläge auf die Einrichtung verübt. Landrat Wolfgang Blasig (SPD) berichtet gestern, dass die Anschläge im November „unvermittelt“ kamen. „Solche Leute haben hier längst keinen Platz mehr.“ Man habe gedacht, dass sei alles überwunden, sagt auch Ramona Stucki, Vorsitzende des Vereins Belziger Forum. Sie spricht von einer „Angst der Asylbewerber“, die vor allem nach dem Überfall auf die Kenianerin wieder da sei. Sie hoffe, dass sich die Serie nicht fortsetzt. Das Belziger Forum, ein Zusammenschluss engagierter Bürger, will weiterhin Jugendliche an Schulen aufklären.

Sozialminister Günter Baaske (SPD), der in der Stadt wohnt, findet auf dem Spielplatz wütende Worte. Es sei „hinterhältig und feige“, sich an einem Baum zu vergreifen, Scheiben einzuwerfen oder Frauen zu verprügeln. Belzig habe diese Rechtsextremen nicht verdient. Es gehe auch um den Ruf der Kurstadt, der erst im vergangenen Jahr mit der Vorsilbe „Bad“ aufpoliert wurde. „Die Demokratie muss immer wieder verteidigt werden“, fordert Baaske.

Bürgermeisterin Hannelore Kalbunde setzt auf die interkulturellen Netzwerke in der Stadt. „Wir werden nicht zulassen, dass sich dieses Gedankengut hier festsetzen kann“, sagt die parteilose Verwaltungschefin. „Wir sollten aufeinander aufpassen.“ Frauke Postel vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechts berichtet, dass es wiederholt Versuche von Rechtsextremen gibt, in Bad Belzig arbeitsfähige Strukturen aufzubauen.

Catingua-Vereinsgründer Obiri Mokini will sich nicht entmutigen lassen. Jetzt werde eben der zweite Baum wachsen und Wurzeln schlagen, sagt der Nigerianer. Nach der Aktion gehen die Leute ins Wächtlerhaus, dort wird getanzt und getrommelt. Junge Familien sind darunter, Senioren, Zuwanderer und Geschäftsleute. „Dieses Mal passen wir besser auf den Gingko auf“, sagt ein Rentner trotzig.

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