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Bio wird zur Mangelware

Werbung für Bio-Eier: Die Nachfrage ist durch den Dioxin-Skandal deutlich gestiegen.
Werbung für Bio-Eier: Die Nachfrage ist durch den Dioxin-Skandal deutlich gestiegen. © Foto: dapd
Henning Kraudzun / 18.01.2011, 19:43 Uhr
Frankfurt (Oder) (In House) Der Dioxin-Skandal sorgt in den Läden für einen Ansturm auf Bio-Produkte. Die brandenburgischen Öko-Landwirte stießen angesichts der großen Nachfrage schon im Vorjahr an ihre Produktionsgrenzen.

Rund zehn Prozent Umsatzplus verzeichneten die Betriebe seit Bekanntwerden des Skandals, heißt es bei der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau (FÖL) Brandenburg. „Gerade bei Bio-Eiern sowie Geflügel- und Schweinefleisch kommt es derzeit immer wieder zu Lieferengpässen“, sagt FÖL-Geschäftsführer Michael Wimmer. Auch die Nachfrage nach ökologisch produzierten Früchten sei deutlich gestiegen.

Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) bestätigt, dass es vereinzelte Engpässe gibt. 
Der Absatz allein von Bio-Eiern sei um ein Drittel gestiegen, sagt BNN-Chefin Elke Röder. Der Grund: Die Öko-Branche ist vom Skandal nicht betroffen. Im Gegensatz zu konventionellen Hühnerfarmen dürfen Bio-Betriebe ihre Tiere nicht mit industriell hergestellten Fetten füttern. „Wir haben von Anfang an einen eigenen Futtermittelkreislauf aufgebaut“, sagt sie.

Felix zu Löwenstein, Vorstand des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, spricht von einer „regelrechten Stromstoß-Nachfrage“. Diese bringe für die langfristige Entwicklung der Branche jedoch keine Vorteile. „Es gibt auch keine Reserven, die man jetzt freigeben könnte“, sagt der Chef des deutschen Öko-Dachverbandes. Der Dioxin-Skandal sollte nach seiner Ansicht zu tiefergehenden Diskussionen über die Ausrichtung der Landwirtschaft anstoßen. „Doch die wird weder in der Politik noch in der Agrarlobby geführt. Das ist ärgerlich“, meint zu Löwenstein.

Dass die Verbraucher auch in einigen Wochen die Regale mit Bio-Produkten leer räumen, glaubt die Branche nicht. „Der Skandal ist bald wieder vergessen. Das haben die Fälle in der Vergangenheit gezeigt“, sagt Sascha Philipp, Bio-Bauer aus Pretschen im Spreewald. „Viele Verbraucher werden bald wieder vor allem billig kaufen“, glaubt auch Christoph Schulz, der mit seiner Firma „Märkische Kiste“ über 1600 Haushalte und Kitas mit Bio-Erzeugnissen beliefert. Seit Unternehmensgründung vor 13 Jahren verzeichnet er ohnehin ein stetes Wachstum. „Und ein Ende ist noch nicht abzusehen.“

Die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau verweist ebenso auf die langfristige Entwicklung. Die Bio-Läden in der Region konnten laut FÖL-Chef Wimmer ihre Absätze allein im vergangenen Jahr um zwölf Prozent steigern. Auch in den Jahren zuvor wurden meist zweistellige Wachstumsraten registriert. Der gesamte Bio-Handel habe in Berlin und Brandenburg bereits ein Volumen von 150 Millionen Euro erreicht, vor zehn Jahren sei es nur ein Drittel gewesen, so Wimmer. Rund 670 Öko-Bauern sind im brandenburgischen Landwirtschaftsministerium registriert.

Durch den anhaltenden Boom stießen märkische Öko-Landwirte bereits in den vergangenen Jahren an ihre Kapazitätsgrenzen. „Wir könnten beispielsweise deutlich mehr Obst und Gemüse in Berlin verkaufen als wir anbauen“, sagt Wimmer. Hingegen könne die Nachfrage bei Bio-Milch abgedeckt werden: 20 Millionen Kilogramm werden in Brandenburg hergestellt. Auch die jährliche Produktion von 75 000 Tonnen Öko-Getreide reiche aus, um die Bio-Bäckereien in der Hauptstadt zufriedenzustellen. Defizite gibt es noch bei der Verarbeitung und Vermarktung. Wimmer sieht in einem globalen Wettbewerb der Bio-Produzenten große Vorteile für märkische Anbieter. „Regionale Erzeugnisse verkaufen sich besser, weil man ihre Herkunft genau nachvollziehen kann“, betont er. Dass die Preise der Bio-Produkte in die Höhe schnellen, glauben die Experten jedoch nicht. „Viele Lieferanten haben langfristige Verträge abgeschlossen, da wird jetzt nicht schnell an der Preisschraube gedreht“, sagt der Verbandschef Felix zu Löwenstein.

Der Bio-Boom hat zudem bislang keine Konsequenzen für märkische Landwirte, die nach konventionellen Kriterien produzieren. „Uns sind keine Hiobsbotschaften bekannt“, sagt der Sprecher des Bauernverbandes, Holger Brantsch. Weder Geflügel- noch Schweinefleischproduzenten hätten einen Absatzeinbruch gemeldet. Man dürfe auch nicht die gesamte Branche verteufeln, betont der Sprecher. Der Futtermittel-Skandal sei durch eine „kriminelle Handlung“ hervorgerufen worden.

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