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Eine Woche Stillstand

Keine Ende des Tarifkonflikts in Sicht: Wie am Bahnhof Frankfurt (Oder) bleiben derzeit vielerorts Odeg-Züge aus
Keine Ende des Tarifkonflikts in Sicht: Wie am Bahnhof Frankfurt (Oder) bleiben derzeit vielerorts Odeg-Züge aus © Foto: MOZ
Mathias Hausding / 16.06.2011, 20:49 Uhr
Frankfurt (Oder) (In House) Seit gut einer Woche streiken die Lokführer bei der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH (Odeg). Zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Unter den Kunden, die auf den Schienenersatzverkehr angewiesen sind, wächst der Ärger.

Sie habe die Fahrt mit ihrer 5. Klasse extra per Fax an die Odeg angemeldet, erzählt Marion Schubert, Lehrerin an der Grundschule Neutrebbin. In den Zoo nach Eberswalde sollte es am vergangenen Dienstag gehen. „Auf dem Schreiben stand unsere Telefonnummer“, betont sie. Doch weder ein Anruf noch ein Zug kam. „Nach fast einer Stunde Wartezeit morgens am Bahnhof Neutrebbin fuhr ein Kleinbus im Auftrag der Odeg vor“, erinnert sich die Lehrerin. Viel zu klein für 17 Schulkinder. Der Ausflug in den Zoo musste ausfallen. „Ärgerlich“ findet Marion Schubert vor allem, wie die Odeg den Ersatzverkehr organisiert.

Auch Ronald Wenzel hat schlechte Erfahrungen gemacht. Vier Stunden habe er jüngst für die Fahrt mit der Odeg von Eberswalde nach Frankfurt (Oder) gebraucht. „Weil in Wriezen der Wechsel in einen anderen Bus nicht geklappt hat“, berichtet der Callcenter-Mitarbeiter, während er am Frankfurter Bahnhof wie an jedem Streiktag auf den Bus wartet, der ihn heim nach Eberswalde bringen soll.

Auf sechs Linien ist die Odeg in Berlin und Ostbrandenburg unterwegs. Zumindest bis einschließlich Freitag verkehren lediglich zwischen Berlin-Lichtenberg und Werneuchen planmäßig Züge. Die anderen Strecken werden entweder gar nicht oder mit Bussen und Bahnen im Wechsel bedient. Die 75 Jahre alte Anita Krüger aus Storkow ist froh, dass ihre Busse bislang wenigstens pünktlich fahren. Sie muss wegen des Streiks zweimal umsteigen, um ihren Mann in Frankfurt im Krankenhaus besuchen zu können. „Und dafür zahle ich auch noch Fahrgeld“, ärgert sie sich. „Der Zorn der Leute wächst, und wir bekommen ihn ab“, klagt Andreas Scheffler, Busfahrer einer Berliner Firma, die im Auftrag der Odeg in Brandenburg unterwegs ist.

„Sehr bedauerlich“ sei die Situation, sagt Odeg-Sprecher Jörg Kiehn. „Wir entschuldigen uns bei den Fahrgästen für die Unannehmlichkeiten.“ Die Schuld sieht er allerdings allein bei der Lokführergewerkschaft GDL. „Es kann nicht sein, dass uns eine Gewerkschaft einheitliche Regeln für eine gesamte Berufsgruppe diktieren will. So etwas gibt es in keiner anderen Branche.“ Derzeit sehe er im Tarifkonflikt mit der GDL „keine Bewegung“.

Auch die Gewerkschaft will hart bleiben. „Wir sind noch lange nicht am Ende“, sagt Frank Nachtigall, Bezirksvorsitzender der GDL. „Um die Größe unserer Streikkasse muss sich niemand Gedanken machen.“ Nachtigall sieht in der Odeg einen von bundesweit drei „Totalverweigerern“ unter den privaten Bahnen. „Sie ist nicht bereit, über einen Rahmentarifvertrag für alle Lokführer auch nur zu verhandeln.“

Im Gegensatz dazu habe man erst gestern mit der in Nordrhein-Westfalen aktiven Bahngesellschaft Keolis eine grundsätzliche Einigung erzielt. Auch die Verhandlungen mit der Hessischen Landesbahn hätten sich in dieser Woche gut entwickelt. Die GDL will einen einheitlichen Tarifvertrag für alle 26 000 Lokführer bundesweit.

Fragt man die Reisenden, hört man Verständnis für die Lokführer. „Wenn wir für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, bleibt die Schule auch zu“, sagt die Neutrebbiner Lehrerin Marion Schubert. „Ich verstehe, dass man sich um mehr Gehalt bemüht“, ergänzt Ronald Wenzel.

Odeg-Sprecher Jörg Kiehn wundern diese Aussagen nicht. „Es ist immer so, dass die Sympathie für David im Kampf gegen den vermeintlichen Goliath größer ist.“ Das Bahnunternehmen müsse aber an seine langfristige Ausrichtung und die des gesamten Systems denken, argumentiert Kiehn. Welche finanziellen Verluste der Streik dem Unternehmen täglich bringt, will er nicht sagen. Ronald Wenzel hat beobachtet, dass auf seiner Strecke nur halb so viele Pendler unterwegs sind wie zu Normalzeiten.

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