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Jüdischer Friedhof in Frankfurt (Oder) eröffnet

Zeremonie: Der von Gebeten begleitete erste Gang über den neuen jüdischen Friedhof in Frankfurt (Oder) wird von Rabbinern angeführt. Die letzte Ruhestätte bietet Platz für 250 Grabfelder.
Zeremonie: Der von Gebeten begleitete erste Gang über den neuen jüdischen Friedhof in Frankfurt (Oder) wird von Rabbinern angeführt. Die letzte Ruhestätte bietet Platz für 250 Grabfelder. © Foto: MOZ/Dietmar Horn
Henning Kraudzun / 27.06.2010, 21:02 Uhr - Aktualisiert 28.06.2011, 07:35
Frankfurt (Oder) (In House) Es war eine feierliche Eröffnung, die viele in Frankfurt (Oder) lebende Juden herbeigesehnt haben. Der bislang fehlende eigene Friedhof ist für ihre Religion von zentraler Bedeutung. Gestern wurde die Begräbnisstätte übergeben.

Shaul Nekrich hält ein Mikrofon, er spricht laut einige Gebete. Die Worte des Landesrabbiners schallen über die noch spärlich begrünte Fläche, die in den nächsten Jahren zur letzten Ruhestätte für Frankfurter Juden werden soll. Anschließend setzen sich die rund 100 Gäste in Bewegung. Sieben Mal wird der neue Friedhof umrundet, dann ist der heilige Akt abgeschlossen. Viele zur Eröffnung gekommene Menschen wirken erleichtert.

27. 06. 2011, Einweihung des Jüdischen Freidhofs in Frankfurt (Oder). Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Wladimir Levytskyy und Sabine Kunst.
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Jüdischer Friedhof

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„Für uns waren die Bestattungen bislang ein großes Problem“, sagt Volodymyr Levytzkyy, Vorsitzender der rund 200 Mitglieder starken jüdischen Gemeinde in der Oderstadt. Nach den Regeln ihrer Religion brauche jeder Verstorbene einen eigenen Platz und ein unbegrenztes Ruherecht. Dies könne auf kommunalen Friedhöfen nicht gewährleistet werden, da dort alte Gräber mitunter wieder für Bestattungen freigegeben werden.

Seit der Teilung der Oderstadt 1945 befindet sich die Begräbnisstätte auf polnischer Seite in Slubice. Sie wird längst nicht mehr benutzt, heute steht auf dem Areal ein Hotel. Viele Juden hätten ihre Angehörigen daher in Cottbus oder Potsdam beigesetzt, wo noch jüdische Friedhöfe existieren, sagt Levytzkyy. Oder die Begräbnisse seien auf dem Frankfurter Hauptfriedhof erfolgt. Jetzt habe man auf dem 2800 Quadratmeter großen Areal neben dem Hauptfriedhof genügend Platz für 250 Grabfelder. „Auch Umbettungen hierher sind möglich“, sagt er.

„Unsere Gelehrten sagen, dass dieses Land ein Stück des Landes Israel wird“, sagt der Landesrabbiner Nekrich, der seit Ende des vergangenen Jahres im Amt ist. In der jüdischen Religion gelte ein Friedhof als ein „Haus der Lebenden“. Das Leben werde nur als ein Zwischenstopp angesehen. „Die andere Welt ist das Haus, das Stetige.“ Deshalb müsse jede Gemeinde einen eigenen Begräbnisort besitzen. „Und daher ist dieses Ereignis eines der wichtigsten der letzten Jahre in Brandenburg“, meint der 32-Jährige.

Im jüdischen Glauben habe ein Friedhof eine noch größere Bedeutung als eine Synagoge, ergänzt Gennadi Kushnir, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden, der von einem „denkwürdigen Tag“ spricht. Nach seinen Kenntnissen ist der Frankfurter jüdische Friedhof nicht nur der erste, der seit dem Holocaust in Brandenburg errichtet wurde – er ist auch ein Novum in Ostdeutschland. Kushnir erinnert in seiner Ansprache auch an die Ankunft der ersten jüdischen Einwanderer, die vor rund 20 Jahren aus der früheren Sowjetunion nach Brandenburg kamen. „Wir haben ein Leben ohne Angriffe und Diskriminierung gesucht und es hier gefunden. Trotz der Geschichte haben wir uns für dieses Land entschieden“, betont er. Kushnir hofft künftig auf noch mehr Verständnis für seine Religion.

Auch die Kulturministerin Sabine Kunst (parteilos) nennt die bisherige Situation für jüdische Begräbnisse in der Stadt „höchst unbefriedigend“. Nunmehr werde eine große Lücke geschlossen. Einen Großteil der Kosten in Höhe von 250 000 Euro für den Ankauf der Fläche sowie die Umgestaltung hat das Land übernommen. Derzeit gibt es Kunst zufolge neun jüdische Gemeinden mit rund 1500 Mitgliedern in Brandenburg. Allerdings existierten 60 verwaiste jüdische Friedhöfe im Land. Es sei wichtig, dass sich Schüler- und Jugendgruppen mit diesem Teil der Geschichte beschäftigen. So konnten zahlreiche Friedhöfe wieder in Ordnung gebracht werden.

Als nach der Zeremonie durch den Architekten der Schlüssel übergeben wurde, strahlt Levytzkyy. „Wir haben es geschafft. Wir haben jetzt einen Friedhof“, sagt der Gemeindevorsitzende. Nekrich hingegen verbindet seine Gebete mit dem Wunsch, dass der Platz so lange wie möglich leer bleibe.

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Micha B 28.06.2011 - 00:11:41

Friedhof wird Teil Israels

Die Gelehrten werden eher gesagt haben, das dieses Land ein Stück der Gemeinde Israel wird. Vielleicht hat die MOZ das ungenau wiedergegeben

Micha B 28.06.2011 - 00:10:53

Friedhof wird Teil Israels

Die Gelehrten werden eher gesagt haben, das dieses Land ein Stück der Gemeinde Israel wird. Vielleicht hat die MOZ das ungenau wiedergegeben

Peter 27.06.2011 - 22:45:41

@Rita Juchs

Eine Heilige Schrift ist keine Aphorismen-Sammlung, aus der man sich je nach Bedarf bedient. Sorgen Sie sich ernstlich um die religiöse Gesetzestreue der Frankfurter Juden oder wollen Sie sie nach 70 Jahren erneut aus unserer Stadt vertreiben? Oder machen Sie sich hier nur einen Juchs?

Rita Jucks 27.06.2011 - 21:22:01

gelebte Rituale

Der Landesrabbiner Herr Nekrich äußerte auf dem Areal: „Unsere Gelehrten sagen, dass dieses Land ein Stück des Landes Israel wird“. Das ist ein eklatanter Widerspruch zur heiligen Schrift des Judentums. . Es ist nicht statthaft, aus dem Lande Israel ins Ausland auszuwandern. (Babylonischer Talmud )

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